Albumkritik

Neues Coldplay-Album ist facettenreich

Michi Huser, 17. Oktober 2021, 12:24 Uhr
Als Coldplay 2019 überraschend ihre doch recht ambitionierte Platte «Everyday Life» herausbrachte, hiess es im Vorfeld, dass die Band gleich zwei neue Studioplatten plane. Eine sollte experimentell für Fans der ersten Stunde sein, die andere Pop für die breite Masse. Coldplay löst ihr Versprechen ein. Die Albumkritik von Radio Pilatus Musikchef Michi Huser.
Coldplay mit ihrem neuen Album „Music Of The Spheres“
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Zwei schon veröffentlichte Singles geben einen Vorgeschmack: Das britische Quartett, das ihr 25-jähriges Bandbestehen feiert, macht ein bisschen auf Boygroup. Das neunte Studioalbum «Music Of The Spheres» ist guter und zeitmässiger Pop-Rock.

Viele Coldplay-Fans der ersten Stunde und Musikkritiker zeigten sich hingegen enttäuscht über den mittlerweile austauschbaren Sound. Das Internet kritisierte Coldplay immer wieder. Sie hätten ihr musikalisches Leitbild zugunsten von Performance-Trends aufgegeben. «Music Of The Spheres» zeigt den Kritikern, dass sie immer noch facettenreich sind.

Auf «Music Of The Spheres» folgen Coldplay mit Songs wie «My Universe» dem Dancepop-Trend und landen irgendwo zwischen Dua Lipa, David Guetta und The Weeknd. Für den Song kollaborierten die Briten mit der angesagten koreanischen Boygroup BTS, die einen weltweiten Hype erlebt. In der ersten Stunde nach Veröffentlichung wurde das Video auf YouTube mehr als 2,5 Millionen Mal aufgerufen. Keine Frage: Das ist ein Ohrwurm.

Das Lied «Higher Power» ist der richtige Pop für die breite Masse und seit Wochen auch in einem TV-Werbespot für Elektroautos zu hören.

Der Song «People of The Pride» präsentiert uns ein rockiges Intro, das durchaus in die heutige Zeit passt und live die Menge begeistern kann. «Coloratura» ist mit knapp elf Minuten kein Radiosong, regt aber zum Träumen und Nachdenken an. Fantasiebegeisterte Personen lässt der Song nur schwer los. Das ganze Werk geht instrumental unter die Haut. Textlich sind die Songs eher etwas mager. Das neunte Studioalbum ist sicher nicht perfekt aber solid, vielseitig und vereint viele Genres. Da sollte für fast jeden und jede etwas dabei sein.

Seit 25 Jahren sind Coldplay zusammen erfolgreich

Coldplay gehört zu den erfolgreichsten Bands der Welt. Ihr Stil wirkt zunehmend kommerziell. Weg vom schwermütigen, sanften Indierock hin zum einfacheren Radiopop. Während die Band bei spektakulären Konzerten immer grössere Hallen und schliesslich Stadien füllte, beim Glastonbury Festival in England auftrat und ihre Musik für Produktwerbung zur Verfügung stellte, entfernten sich die Briten zunehmend von ihren musikalischen Wurzeln. Die Jungs aus London machen das aber ganz bewusst. Genau das unterscheidet Coldplay von anderen Bands.

15. Oktober 2021 - 13:43

Radio Pilatus Musikchef Michi Huser spricht über neues Coldplay Album

Das ist «Music Of The Spheres»

Es ist ein wunderbarer musikalischer Weg von Coldplay. Die vier Studenten gründen 1996 in London ihre Band, die zuerst noch «Starfish» hiess. Sänger und Frontmann Chris Martin, Leadgitarrist Jonny Buckland und Bassist Guy Berryman studierten zusammen am University College London. Drummer Will Champion stiess ein Jahr später dazu. Nach zwei EPs wurde Coldplay im Jahr 2000 durch die Hitsingle «Yellow» und ihr Debütalbum «Parachutes» einem breiteren Publikum bekannt.

Ihr hervorragender zweiter Longplayer «A Rush Of Blood To The Head» machte Coldplay endgültig zu Superstars, zur nächsten britischen Musiksensation. Die ergreifende Klavierballade «The Scientist» ist heute ein Klassiker, genauso wie «In My Place» oder das treibende «Clocks» mit seinem einmaligen Pianointro.

Drei Jahre später legte das Quartett mit «X&Y» sehr erfolgreich nach. Sieht man von «Fix You» ab, kündigte sich da aber schon die Abkehr vom melancholischen Coldplay-Sound an. «Talk» war beispielsweise etwas rockiger, aber leicht und radiotauglich. Der Vergleich mit Radiohead war zu dieser Zeit unausweichlich.

Die Band sammelte über die Jahre Grammys, Brit Awards und zahlreiche andere Auszeichnungen. Die Stadionhymne «Viva La Vida» vom gleichnamigen Album ist bis heute die bestverkaufte Single von Coldplay, erreichte Platz 1 in Grossbritannien und den USA. Sehr eingängig, sehr erfolgreich – dieser Trend setzte sich auf den Folgealben fort. Einzige Ausnahme: das für Coldplay-Verhältnisse seltsam experimentelle Doppelalbum «Everyday Life» von 2019. Dieses Album war aber nicht für die breite Masse, sondern für Fans der ersten Stunde gedacht.

Quelle: Radio Pilatus
veröffentlicht: 15. Oktober 2021 04:15
aktualisiert: 17. Oktober 2021 12:24