Corona-Zerwürfnis

«Es ist dramatisch, was Corona mit unserer Gesellschaft macht»

Sven Brun, 13. Januar 2021, 11:44 Uhr
Skeptiker gegen Befürworter: Ein Disput spaltet die Gesellschaft. (Symbolbild)
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Das Virus wütet auf unserem Planten und die Menschen gleich mit. Corona wurde zu einer Grundsatz-Frage. Bist du ein Skeptiker oder Befürworter? Pro oder contra Massnahmen? Die Pandemie spaltet unsere Gesellschaft.

Zugegeben, wir alle sind Corona-Gegner. Niemand erlebt gerne eine Pandemie solchen Ausmasses mit. Das Virus brachte viel Leid und Elend mit sich – sei dies in der Wirtschaft, im Privatleben, bei Familien und Freunden oder eben: in unserer Gesellschaft.

Corona hat uns gespaltet. Dasselbe Ziel – Corona plattzumachen – teilte unsere Gesellschaft entzwei. Massnahmen-Skeptiker gegen Befürworter, pro oder contra, richtig oder falsch.

Der Zwist ist dramatisch

Othmar Loser, Psychotherapeut aus Luzern, beobachtet die gesellschaftliche Situation in der Schweiz seit Beginn der Pandemie. «Es ist dramatisch, was Corona mit unserer Gesellschaft macht», meint Loser. Die Spaltung hätte es zwar bereits vor der Pandemie gegeben, das Virus habe den Zwist in der Gesellschaft aber weiter forciert.

Othmar Loser-Kalbermatten, zertifizierter Psychotherapeut und Coach im Bereich Teamentwicklung aus Luzern, beobachtet den Wandel der Gesellschaft seit Beginn der Pandemie. 

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Die Solidarität, von welcher wir im Frühjahr 2020 noch gesprochen haben, sei verflogen. «Bei der ersten Welle ist die Gesellschaft zusammengerückt, nun sind wir auseinandergedriftet», sagt Loser besorgt. Es hätten sich zwei gegensätzliche Pole gebildet, welche oftmals die Meinung von andersdenkenden Menschen nicht mehr hören und verstehen wollen.

Ein Social-Media-Krieg

Das Thema Coronavirus gleicht einem «verbalen Schlachtfeld», beobachtet auch Muhammed Keskin, Social-Media-Manager bei PilatusToday, die Situation auf den sozialen Netzwerken. «Die Corona-Diskussion hat schon fanatische Züge auf Facebook angenommen. Ein Konsens kommt selten bis nie zustande. Entweder man ist dafür oder dagegen und die andere Meinung hat längst kein Gewicht mehr.»

Es sei aber auch auffällig, dass sich auf Facebook mehr Gegner aufhalten, während die in Worten der Skeptiker – Corona-Jünger – lieber tweeten. «Ich komme mir manchmal vor wie ein Schiedsrichter», fasst Keskin zusammen. Gerade im Zeitalter von Fake-News sei es wichtig, für einen sachlichen und friedlichen Austausch zu sorgen. «Manche User reagieren sehr emotional und werden schnell persönlich.»

Ursprung ist unser Kopf

Doch woher kommt dieser gesellschaftliche Disput? Othmar Loser bezeichnet uns Menschen als komplex und differenzierbar denkende Wesen, doch in gewissen Situationen verzichten wir auf diese Eigenschaft. «Unser Hirn hat auch Varianten, in welchen wir gerne einfach denken möchten», führt er aus.

Corona, Corona, Corona. Wir sind täglich mit demselben Thema konfrontiert. Dies ist schwierig für unser Gehirn. 

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Die aktuelle Situation sei sehr schwierig für uns Menschen. Diese täglich unzähligen Informationen führen folglich zu einer sogenannte «Verengung» in unserem Gehirn. «Das genaue und differenzierte Denken geht dadurch verloren», meint Loser.

Entweder-Oder-Situation

Wenn eine Krise länger dauert oder die Emotionen über eine längere Zeit auf hohem Niveau kochen, führe dies zwangsläufig zu einer «Entweder-Oder-Situation». Loser klärt auf: «Als die Umstände schwierigerer verständlich wurden, kreierten Personen einfache Realitäten».

Für viele hätte es folglich nur noch richtig oder falsch gegeben. Umso mehr die Situation aufgeheizt wurde, desto intensiver formten sich Polarisierungen. «Menschen fühlen sich sicherer, wenn sie einem klaren Pol, einer klaren Meinung zugehören».

Bundesrat trägt (Mit-)Schuld

«In solchen Situationen ist eine klare Kommunikation entscheidend», sagt Loser. Dies sei bei der ersten Welle deutlich besser vonstattengegangen. Es sei normal, dass bei der Kommunikation Fehler passieren würden. Diese hätten sich jedoch seit dem vergangenen Herbst gehäuft. Menschen würden Verbote und Gebote brauchen, keine Empfehlungen.

Die Corona-Kommunikation sei bei der ersten Welle deutlich besser gewesen, meint Othmar Loser. Damals war Daniel Koch, ehemaliger BAG-Leiter der übertragbaren Krankheiten, Sprachrohr der Nation. 

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Der Bundesrat wollte es allen recht machen. Dies sei nun missraten, es herrscht in grossen Teilen der Bevölkerung Unzufriedenheit. Die einen fordern mehr, die anderen weniger. Mit einer klaren Kommunikation hätte man diesem Dilemma entgehen können, meint Loser.

Tiefe Narben werden bleiben

Die Corona-Pandemie sei belastend für unsere Psyche. Es gebe oft Streit und der Wandel der Gesellschaft sei auch daran schuld. «In einer solchen Zeit müssten wir näher zusammenrücken und nicht auseinandergehen», fügt Loser hinzu.

Er befürchtet, dass dieser Disput auch nach der Pandemie bestehen bleiben wird. «Wir werden tiefe gesellschaftliche Narben davontragen». Hoffen könne man auf Grossanlässe wie die Fasnacht oder Sportevents, welche uns wieder zusammenbringen würden.

Sven Brun
Quelle: PilatusToday
veröffentlicht: 17. Januar 2021 20:45
aktualisiert: 13. Januar 2021 11:44