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Ausweitung der Zertifikatspflicht

Ethikerin: «Verständlich, dass sich Ungeimpfte unter Druck gesetzt fühlen»

10. September 2021, 09:33 Uhr
Ab Montag braucht es in der Schweiz für den Restaurant- oder Kinobesuch ein Covid-Zertifikat. Impfgegner werfen dem Bundesrat vor, eine Spaltung der Gesellschaft in Kauf zu nehmen. Zudem ist von einem indirekten Impfzwang die Rede. Eine Ethikerin ordnet ein.
Trotz Ausweitung der Zertifikatspflicht werden Ungeimpfte in der Schweiz nicht vom gesellschaftlichen Leben ausgegrenzt, sagt die Ethikerin. Dennoch kritisiert sie den Bundesrat.
© KEYSTONE/Ennio Leanza

Der Bundesrat hat am Mittwoch entschieden, die Zertifikatspflicht auszuweiten. Ab kommendem Montag erhalten nur noch Leute, die die 3G-Regel erfüllen, Zutritt zu vielen Bereichen des öffentlichen Lebens. Das heisst, sie müssen geimpft, genesen oder getestet sein. Ansonsten können sie künftig nicht mehr ins Kino, Fitness oder die Beiz (PilatusToday berichtete).

Ein Entscheid, der nicht bei allen Menschen in der Schweiz Freudensprünge auslöst. So sind am Mittwochabend in Bern rund tausend Menschen auf die Strasse gegangen, um gegen die Ausweitung des Covid-Zertifikats zu protestieren. Sie befürchten durch die neuen Massnahmen einen indirekten Impfzwang.

Ethikerin zeigt Verständnis

Adrienne Hochuli ist Gesundheitsethikerin an der Universität Luzern. Sie zeigt Verständnis für die Kritik. «Ich kann nachvollziehen, dass sich ungeimpfte Personen durch die Zertifikatspflicht stärker unter Druck gesetzt fühlen.» Gleichzeitig versteht sie aber auch die Haltung des Bundesrats. Er versuche mit der Ausweitung der Zertifikatspflicht zu verhindern, dass sich die angespannte Lage in den Spitälern weiter zuspitzt.

Adrienne Hochuli ist Gesundheitsethikerin an der Universität Luzern.
© Roberto Conciatori

Das Gesundheitspersonal leide, denn die Mitarbeitenden würden die Patientinnen und Patienten nicht mehr so versorgen können, wie sie es möchten. «Es macht mich betroffen, wie viele Mitarbeitende darunter leiden.»

Auch ein weiterer Aspekt bereitet Adrienne Hochuli Sorgen – nicht zuletzt aus pandemischer Sicht: «Der Umstand, dass an vielen Orten, wo neu Zertifikatspflicht gilt, Mindestabstände und Maskenpflicht fallen, setzt Ungeimpfte einem höheren Infektionsrisiko aus. Denn auch Geimpfte können das Virus übertragen.»

Tests müssten für alle gratis bleiben

Aus ethischer Sicht ist Adrienne Hochuli vor allem die Abschaffung der Gratis-Tests per Anfang Oktober ein Dorn im Auge. «Wenn die Tests wirklich eine reale Alternative zur Impfung sind, müssen sie für alle zugänglich sein – und zwar kostenlos.» Es dürfe nicht sein, dass ärmere Menschen der Zugang zum Covid-Zertifikat erschwert wird, weil sie den Test selbst bezahlen müssen und das Geld dazu fehlt.

Trotz aller Kritik stellt die Ethikerin klar: Mit der Ausweitung der Zertifikatspflicht, die der Bundesrat beschlossen hat, würden ungeimpfte Personen in der Schweiz nicht vom gesellschaftlichen Leben ausgegrenzt. Sie hätten nach wie vor die Möglichkeit, ein Covid-Zertifikat zu erlangen, indem sie einen Corona-Test machen. Von einer Zweiklassengesellschaft könne erst dann die Rede sein, wenn nur Geimpfte ein Zertifikat erhalten.

Davon ist die Schweiz im Moment noch weit entfernt. Damit dies so bleibt, dürfe die Zertifikatspflicht nicht auf Lebensmittelläden und den öffentlichen Verkehr ausgeweitet werden, betont Adrienne Hochuli. Sollte dies passieren, würden die Grundversorgung respektive die Grundrechte beschnitten.

(scd)

Quelle: PilatusToday
veröffentlicht: 10. September 2021 06:34
aktualisiert: 10. September 2021 09:33