«Bei mir bleibt der Fuss im Zentrum»

4. Februar 2020, 19:42 Uhr
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Schuhmacherin Frieda Fölmli legt den Hammer des Grossvaters nieder

Seit 111 Jahren hämmert, näht und schleift die Familie Fölmli, um den Füssen ein Zuhause zu schenken. In den letzten 30 Jahren hat Frieda Fölmli Schuhe geflickt und verkauft. Doch nun verliert die Gemeinde Menznau ihre einzige Schuhmacherin. In diese Werkstatt wird keine Generation mehr den Fuss hineinsetzen.

Schon während des Ersten Weltkriegs hat die Familie Fölmli Schuhe gespannt, geleimt und gebürstet. Über die Jahre hinweg hinterliessen genau diese Schuhe Spuren im ganzen Land. Obwohl eine Familientradition zusammen mit der Werkstatt «gangart» verschwinden mag, die Schuhe trugen diese Tradition stets mit.

Frieda Fölmli arbeitet sich durch einen letzten Stapel von Schuhen, die letzten Feinschliffe - bevor sie als Schuhmacherin zurücktritt. Zurück bleibt der Geruch von Holz, Leim und Cremen, die sie mittlerweile gar nicht mehr wahrnimmt; und eine 30-jährige Leidenschaft, die sie in ihrer Werkstatt auslebte. 

«Das sind gar nicht Schuhe zum Herumlaufen»

Nicht nur den Schuhmacherdienst möchte die 63-Jährige an den Nagel hängen, auch ihren Laden gibt sie auf. Hier flüchtete sie sich von der stillen, einsamen Arbeit und teilte ihre Passion mit Kunden.

Zwischen unzähligen Schuh-Unikaten erinnert sich Frieda Fölmli gerne an einige Anekdoten. Sie habe schon einen Teddybären «verarztet» oder hätte Fetisch-Schuhe von einem abenteuerlustigen Pärchen flicken sollen. 

Hier drückt der Schuh

Der Beruf Schuhmacher geht wie auch andere Handwerkerjobs verloren. Die alten Schuhmacher sterben aus. Immer mehr Werkstätte machen dicht, weil die Online-Konkurrenz mehr von unserem Zeitgeist profitiert. Denn eine Reparatur kostet oft mehr, als gleich neue Schuhe zu kaufen. In die Fussstapfen eines Schuhmachers treten, kann finanziell ein Fehltritt bedeuten.

Mit Buch gewürdigt

Das ist aber nicht der einzige Grund, warum Frieda Fölmlis die Handarbeit aufgibt. Nach 30 Jahren fühlt sie sich erschöpft. Aber die Schuhe kann sie nicht einfach so ausziehen und verstauen. Auch im neuen Kapitel möchte sie in ein familiäres Umfeld schlüpfen. Im März eröffnet ihre Kollegin Christina Büchi neu das Schuhcafé Caspar. Dort werde sie weiterhin den Fuss ins Zentrum stellen. 

Als Abschluss stellt sie am 29. Februar auch ihr Buch «friedas gangarten» vor. Auf 111 Seiten mit je 111 Wörtern lässt sie ihre Familientradition weiterleben. So heisst es auf dem Klappentext. 

«111 Jahre lang haben die Fölmlis im Napfbergland Schuhe repariert. 111 Jahren, nachdem ihr Grossvater seine eigene Schuhmacherwerkstatt eröffnet hat, legt Frieda Fölmli die Leisten für immer weg.»

veröffentlicht: 4. Februar 2020 19:30
aktualisiert: 4. Februar 2020 19:42