Plattenfirma EMI ringt mit der Musikkrise

12. Juni 2015, 04:25 Uhr

Popstar Robbie Williams bestreikt sein eigenes Label - aus Protest gegen Kürzungen bei Stellen und Werbemitteln. Auch die Rocker von Coldplay drohen mit Kündigung. Ex-Beatle Paul McCartney hat sich längst von EMI verabschiedet.

Um den Niedergang des Musikkonzerns aufzuhalten, setzt der neue Boss Guy Hands, Besitzer der Finanzinvestorenfirma Terra Firma, auf eine Radikalkur. Bis zu 2’000 Arbeitsplätze - ein Drittel aller EMI-Jobs - fallen weg. Jährlich 200 Millionen Pfund (500 Millionen Franken) sind künftig einzusparen.

Der traditionsreiche Musikkonzern EMI hat sich deshalb zu einem radikalen Strategiewechsel entschieden. Die Marketingausgaben sollen zusammenstrichen und Künstler, die nichts einbringen aus dem Repertoire entfernt werden. Doch EMI will nicht nur sparen, sondern vor allem die Zusammenarbeit mit den Künstlern auf eine neue Basis stellen.

Wie diese Zusammenarbeit genau aussehen soll, wurde noch nicht verraten, nur, dass man in den kommenden sechs Monaten die Partnerschaften auf der Basis von Transparenz und Vertrauen neu entwickeln wolle um so den Musikern einen fairen Anteil an ihren Produktionen zu sichern. Ausserdem werde sich EMI intern neu strukturieren und wieder vollständig auf neue und bestehende Künstler konzentrieren. Das sind nett klingende Ankündigungen, ob sie EMI jedoch vor dem Untergang retten können, ist fraglich. Als drittgrösstes Plattenlabel leidet EMI besonders hart unter dem Niedergang der CD. Gegen diese Entwicklung hat das Unternehmen bisher kein wirksames Gegenmittel gefunden, obwohl es eigentlich gewarnt worden war.

Nach Angaben des britischen Magazins The Economist sank in der ersten Hälfte des vergangenen Jahres der Absatz von Musik-CDs in den USA um 19 Prozent, in Kanada um 21, in Australien um 14 und in Europa zwischen 6 und 12 Prozent.

Grosse Handelsketten in den USA planen Reduzierungen der Verkaufsflächen für CDs um bis zu einem Drittel. EMI und die anderen Plattenfirmen setzen inzwischen verstärkt auf das Geschäft mit digitalen Downloads im Internet. Doch sie sind spät auf diesen Zug gesprungen und die nur noch langsam wachsenden Einnahmen aus Downloads machen die Verluste bei CDs nicht wett.

Zudem bietet nicht nur das Internet Musikern individuelle Möglichkeiten, sich von den Fesseln zu befreien, als die sie oft die Marketingstrategien der Konzerne empfinden. Superstar Madonna kehrte Warner Music den Rücken und wandte sich dem flexibel agierenden Konzert-Promoter Live Nation zu. Paul McCartney liess sein jüngstes Album von der Kaffee-Kette Starbucks vertreiben. Die Altrocker The Eagles erreichten in den USA jetzt Rekordumsätze ganz ohne ein Label.

Allerdings sind die meisten der jungen Künstler, die kaum Spielraum für finanzielle Risiken haben, weiter auf die Musikindustrie angewiesen. Diese wagt sich unter dem Zwang zur Veränderung nun mehr und mehr auf unbekanntes Terrain. „Comes with Music“ lautet eines der neuen Schlagworte. „Mit Musik“ werden künftig zum Beispiel immer mehr Mobiltelefone kommen. Der Handy-Vertrag soll Zugang zu einer bestimmten - teils sogar unbeschränkten - Menge an kostenlosen Songdownloads gewähren.

Vorreiter sind Nokia und Universal. Der Telefon-Riese beteiligt den Musikkonzern als Gegenleistung für dessen Tonkonserven am Erlös seiner Handys. Dass mit solchen Marketing-Strategien so viel zu verdienen sein wird wie einst mit Platte und CD, wird jedoch bezweifelt. Sicher sei nur, dass der Kampf um Marktanteile immer härter wird, schrieb der Economist und fügte hinzu: „Der eine oder andere wird ihn nicht überleben.“

veröffentlicht: 1. Januar 2000 00:00
aktualisiert: 12. Juni 2015 04:25