Verblüffende Ergebnisse

Bahn punktet vor allem mit Schnelligkeit

25. Juni 2022, 09:39 Uhr
Der Bundesrat hat seine Langfriststrategie für die Bahn vorgestellt. «Bahn 2050» sieht vor allem Ausbauten für S-Bahnen und in Agglomerationen vor. Die Studie der SBB kommt zu folgendem Schluss – die Bahn kann vor allem mit kürzeren Fahrtzeiten punkten.
Eine von der SBB in Auftrag gegebenen Studie zeigt verblüffende Ergebnisse.
© KEYSTONE/GAETAN BALLY

Der Bundesrat will das Bahn-Angebot in den Agglomerationen und auf kurzen als auch mittleren Distanzen verbessern. Mehr S-Bahn-Züge und mehr Stopps von Interregio-Zügen in Vorortsbahnhöfen sollen dafür sorgen, dass der Marktanteil des öffentlichen Verkehrs steigt. Das besagt die am Mittwoch präsentierten Strategie «Bahn 2050».

Der Fernverkehr steht hierbei nicht zur Debatte. Die Fahrtzeiten sollen nur «punktuell» verkürzt werden. Das betrifft vor allem Strecken, auf dem die Bahn gegenüber dem Auto nicht wettbewerbsfähig ist. Dabei belegt eine Studie der SBB, die für «Bahn 2050» erstellt wurde – kaum eine Massnahme sei für die Verlagerung des Verkehrs von der Strasse auf die Schiene so relevant wie kürzere Fahrzeiten, schreibt das Online-Portal «Watson».

Mit schnelleren Zügen könne der Anteil der Bahn an allen zurückgelegten Kilometern im Verkehr, der sogenannte Modal Split, angehoben werden. «Fahrzeitverkürzungen haben die grösste positive Hebelwirkung», erläutern die Autoren der Studie. Selbst Taktverdichtungen oder mehr Direktverbindungen erzielten nicht dieselben Effekte. In die Untersuchung ist der Einfluss tieferer Preise nicht einbezogen worden.

«Fahrzeit hat grösste Wirkung»

Mit den Ausbauten des bereits bewilligten Ausbauschritt 2035 (AS 2035), wozu der Brüttener Tunnel zwischen Zürich und Winterthur oder der Zimmerberg-Basistunnel II gehören, dürfte der Modal Split auf 21 Prozent steigen. Für eine Verdoppelung müsste er auf 34.8 Prozent klettern.

Die Fachleute der SBB untersuchten, welchen Effekt ein Hochgeschwindigkeits-Netz (HGV) mit drei Linien hätte, auf dem Geschwindigkeiten von bis zu 350 Kilometern pro Stunde erreicht würden. Skizziert wurden Linien entlang dem heutigen IC 1 zwischen Genf Flughafen, Bern, Zürich und St. Gallen, eine Strecke zwischen Basel, Aarau, Zürich und Winterthur und eine zwischen Biel, Bern, Luzern und Zürich.

SBB kauft 286 neue Regionalzüge vom Typ Flirt

Ein solches HGV-Netz würde die Nachfrage ankurbeln, so Watson. Die Linie zwischen Genf und St. Gallen würde laut den SBB-Berechnungen zu fast 100'000 zusätzlichen Bahn-Reisenden pro Tag führen. Der Modal Split der Bahn würde alleine mit dieser Linie um zwei Prozentpunkte steigen. Würden auch die beiden anderen Streckenäste realisiert, würde der Anteil um 2.8 Prozentpunkte steigen. Knapp 870 Millionen Personenkilometer mit dem Auto könnten eingespart werden.

Vom Nutzen solcher Strecken war schon der frühere SBB-Präsident Ulrich Gygi überzeugt. Er schlug 2010 vor, die Fahrzeit mit einer neuen HGV-Strecke zwischen Zürich und Bern auf 28 Minuten zu halbieren.

Nur 18 Prozent steigen von Auto um

Doch der Bundesrat hat sich damals wie heute gegen ein solches Netz entschieden. Er begründet das mit den hohen nötigen Investitionen. Grob geschätzt müssten wohl hohe zweistellige Milliardenbeträge ausgegeben werden. Gleichzeitig haben solche Ausbauten unerwünschte Effekte: Zwar verlagern sie Verkehr vom Auto auf die Schiene – aber in grösserem Umfang generieren sie neuen Verkehr.

Wenn eine Bahnstrecke schneller wird, verkürzen Menschen nicht ihre Reisezeiten, sondern reisen stattdessen über längere Distanzen. Damit wird einerseits die Zersiedelung gefördert – man kann schliesslich noch weiter weg vom eigenen Zuhause wohnen, ohne durch das Pendeln zur Arbeit zusätzlich Zeit zu verlieren – und andererseits steigt der Energieverbrauch, was den Klimazielen zuwiderläuft. Allerdings zeigen auch Berechnungen, dass nur knapp 18 Prozent der neuen Bahnreisenden auf den Strecken vom Auto auf die Bahn wechseln würden. Beim Rest wäre es eine neu geschaffene Nachfrage.

Tunnel Zürich-Aarau lohnt sich

Doch es gibt günstigere Projekte mit einem besseren Verhältnis. Die S-Bahn-Erschliessung von Basel Mitte mit neuen Durchmesserlinien und Taktverdichtungen der S-Bahn hätte über 14'000 neue Bahnreisende pro Tag im Jahr 2050 zur Folge. Ein Durchgangsbahnhof Luzern mit entsprechenden Fahrzeitverkürzungen und Taktverdichtungen würde 24'000 Reisende neu generieren. Beide Projekte sollen dabei auch realisiert werden.

Eine zehn Minuten schnellere Fahrzeit zwischen Zürich und Aarau, von der auch Reisende in Intercitys zwischen Zürich und Bern sowie Basel profitieren, würde 13'600 neue Reisende täglich bedeuten. Das Projekt hat intakte Realisierungschancen: Eine Konzeptstudie hat aufgezeigt, dass ein 30 Kilometer langer Tunnel zwischen Zürich und Aarau möglich wäre – aber auch seinen Preis hätte. Derzeit werden 7.3 Milliarden Franken veranschlagt.

Quelle: ArgoviaToday
veröffentlicht: 25. Juni 2022 09:40
aktualisiert: 25. Juni 2022 09:40
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