Europäischer Tag der Logopädie

«Betroffene werden immer noch häufig als dumm bezeichnet»

Maarit Hapuoja, 6. März 2022, 07:28 Uhr
Wenn Sprechen, Lesen und Schreiben schwer fällt: Legastheniker haben in alltäglichen Situationen Mühe mit der Kommunikation und werden zudem mit Vorurteilen überschüttet. Am heutigen Europäischen Tag der Logopädie ist es Zeit, die Vorurteile zu begraben.
Ein Mädchen besucht eine Therapiestunde in der Logopädie (Symbolbild).
© Getty

Logopädie und Legasthenie

Die Logopädie, auch Sprachheilkunde genannt, behandelt sämtliche Störungen der Sprache und der Stimme sowie Probleme mit Lesen und Schreiben. Bérénice Wisard, Präsidentin des Deutschschweizerischen Logopädinnen und Logopädenverbandes (DLV) erklärt auf Anfrage, dass etwa sechs bis zehn Prozent der Bevölkerung von Legasthenie betroffen sei.

Anke Sodogé, Leiterin am Institut für Sprache und Kommunikation unter erschwerten Bedingungen an der Interkantonale Hochschule für Heilpädagogik Zürich (HfH), ergänzt, dass ungefähr ein bis zwei Kinder pro Klasse eine isolierte Leseschwäche zeigten, ungefähr gleichviel eine isolierte Rechtschreibschwäche.

Das Thema Legasthenie sei laut Wisard zu wenig bekannt. «Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit LRS sind mit vielen Vorurteilen konfrontiert. Es ist an der Zeit, dass die Gesellschaft über dieses Thema informiert wird», so Wisard.

Monika Brunsting, Psychologin, Sonderpädagogin und Mitglied des Verbandes Dyslexie Schweiz (VDS), sagt: «Lesen und Schreiben sind sehr wichtige Kulturtechniken, die man braucht, um die Schule und einen Beruf zu bewältigen».

«Die Lesekompetenz ist eine notwendige Voraussetzung für die Erschliessung jeglicher Bildungsangebote», sagt Sodogé. «Zudem stellt die Fähigkeit, geschriebene Texte flüssig zu lesen, zu verstehen und zu nutzen, eine zentrale Bedingung für die weitere Wissensaneignung dar, und ist Voraussetzung für die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben», ergänzt Sodogé.

Betroffene sollen die gleichen Chancen haben

Brunsting erklärt, dass es wichtig sei, Menschen zu helfen ihr Potential zu verwirklichen. «Eltern und Betroffene sollten wissen, welche Möglichkeiten es gibt und wo sie diese finden können».

Dem DLV sei es laut Wisard ein grosses Anliegen, dass LRS früh erkannt wird. «Sprache und Schriftsprache haben einen sehr hohen Stellenwert in der Gesellschaft und eben auch in der Schule. Jede Prüfung wird durch Lesen und Schreiben abgelegt. Sehr schnell sinken dann die Leistungen, wenn keine Massnahmen zum Ausgleich dieser Nachteile gesprochen werden», so die Präsidentin des Verbandes.

Brunsting weist darauf hin, dass in den letzten Jahren auch vermehrt Erwachsene auf den VDS zukämen, um eine Bestätigung zu erhalten, dass sie eine Legasthenie haben.

Bei Personen mit Legasthenie leiden das Selbstbewusstsein und das Selbstwertgefühl ebenfalls. «Leider werden Betroffene immer noch zu häufig als dumm bezeichnet», erklärt Wisard. Betroffene würden mit der Zeit oft selber glauben, dass sie nicht klug sind, so Brunsting.

«Dies sei aber total falsch, ganz viele Beispiele von sehr bekannten Wissenschaftlern hätten gezeigt, dass man es mit einer Lese-Rechtschreibstörung trotzdem sehr weit schaffen kann, bis zum Nobelpreis», sagt Wisard.

Der Schweizer Jacques Dubochet erhielt 2017 den Nobelpreis für Chemie für das von ihm entwickelte Verfahren der Kryo-Elektronenmikroskopie – trotz Legasthenie.

© Keystone/Salvatore da Nolfi

Wie werden Legastheniker durch Logopäden unterstützt?

Laut Wisard arbeiten Logopädinnen und Logopäden in erster Linie immer symptomatisch. Dabei orientieren sie sich am aktuellen Entwicklungsstand. «Bei Kindern wird das oft in Spiele integriert, damit die Motivation hoch bleibt», so die Präsidentin des DLV.

Ab einem gewissen Zeitpunkt sei es laut Wisard, die Pflicht der Logopädinnen und Logopäden Kompensationsmöglichkeiten aufzuzeigen: Schreiben am Computer, Korrekturhilfen lernen, Vorlesefunktionen nutzen usw.

In der Regel wird in der Logopädie Hochdeutsch gesprochen, denn geschrieben und gelesen wird in Hochdeutscher Sprache. «Kinder und Jugendliche sind daran gewöhnt und kennen es aus der Schule», sagt Bérénice Wisard.

Kompetente Logopäden sollen gute sprachliche Kompetenzen sowie soziale und kommunikative Fähigkeiten besitzen, erklärt Sodogé. Im Umgang mit verschiedenen Personen müssten sie offen sein, über die Bereitschaft zur Selbstreflexion verfügen und eine ausgeprägte Team- und Konfliktfähigkeit haben. Aktuell studieren laut Sodogé 133 Personen Logopädie im Bachelor an der HfH.

Quelle: ZüriToday
veröffentlicht: 6. März 2022 07:00
aktualisiert: 6. März 2022 07:28
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