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Sexismus-Skandal

Brack boykottiert Blizzard – ziehen Digitec und Microspot nach?

Muhammed Keskin, 30. Juli 2021, 14:38 Uhr
Vergewaltigungs-Witze, Sexismus, Suizid: Was eine US-Behörde bei Videospielgigant Activision Blizzard aufgedeckt hat, erschüttert die Gaming-Branche. Der Schweizer Händler Brack boykottiert deshalb alle Games und Fanartikel.
Die Videospielfirma Activision Blizzard muss sich mit heftigen Vorwürfen und Boykott-Aktionen herumschlagen.
© Activision Blizzard

Zwischen «Call of Duty»-Postern und «World of Warcraft»-Figuren, im flackernden Licht der PC-Bildschirme rülpsen und fluchen einige – in einer Hand die Maus in der anderen ein Bier. Andere ziehen durchs Büro, lallen von Brüsten und Ärschen, in einer anderen Ecke macht jemand Witze über Vergewaltigungen. Ein Game-Entwickler kommandiert eine Frau herum. Sie schielt mehrmals in Richtung Personalbüro, doch will ihren Job nicht verlieren. Klaps auf den Hintern, Schweigen.

So in etwa darf man sich den schockierenden Arbeitsalltag vorstellen im Blizzard-Hauptquartier in Santa Monica. Das zeigt eine zweijährige Ermittlung der staatlichen Behörde «California Department of Fair Employment and Housing». Diese hat gegen den Spiele-Entwickler und Publisher eine 29-seitige Klage eingereicht:

Weitere Vorwürfe:

  • Bei Activision Blizzard sitzen in der Chef-Etage nur weisse Männer, Frauen erreichen kaum Spitzenpositionen und bekommen überall weniger Lohn. 
  • Es herrsche eine Arbeits-Kultur wie in einer Studentenverbindung.
  • Frauen sollen sexuell belästigt und gemobbt werden. Beschwerden werden ignoriert und bestraft.

In einem tragischen Beispiel habe Activision Blizzard sogar zugelassen, dass sich eine Mitarbeiterin das Leben nahm. Die Frau ist laut Polizei vor einer Geschäftsreise Ziel von sexueller Belästigung gewesen. So sei bei einer Betriebsfeier ein Foto herumgereicht worden, auf dem ihre Vagina zu sehen war.

Brack boykottiert Activision Blizzard

Als erster Schweizer Onlinehändler reagiert «Brack.ch» auf den Skandal und boykottiert die Blizzard-Produkte, wie es in einem Blogbeitrag heisst. Games und Merchandise von der beliebten «Call of Duty»-Serie oder von «World of Warcraft» werden nicht mehr angeboten.

Starke Botschaft und oder bloss Marketing?

«Der Marketinggedanke ist da, steht aber nicht im Vordergrund», gibt Mediensprecher Daniel Rei gegenüber PilatusToday zu, doch: «In erster Linie war es eine Handlung aus Überzeugung und persönlicher Betroffenheit, initiiert von Mitarbeitenden, die viele Jahre Blizzards «World of Warcraft» gespielt haben», so Rei.

Wäre es ein Marketinggag gewesen, dann ein «ziemlich unwirtschaftlicher», denn der Ausfall des Umsatzes wiege schwerer, als dass damit neue Kunden angeworben werden können, sagt Rei. «Zu unserem Schritt haben wir auch negative Reaktionen erhalten. Vom alten Spruch ‹bad publicity is better than no publicity› sind wir nicht überzeugt.»

Ziehen Digitec und Microspot nach?

Die beiden anderen grossen Schweizer Onlinehändler Digitec und Microspot verfolgen die Entwicklung, wollen vorerst noch nicht handeln.

«Im Moment ist ein Boykott kein Thema», sagt Stephan Kurmann, Mediensprecher bei Digitec Galaxus. Die Migros-Tochter beobachte die Situation weiter und behalte sich weitere Schritte vor, doch in erster Linie sei Activision Blizzard dazu verpflichtet, zu handeln.

Einen allfälligen Boykott könnte der Onlinehändler – der insgesamt rund 3 Millionen Artikel im Sortiment führt – finanziell verkraften.

Auf Anfrage bestätigt Microspot, dass auch sie die Vorgänge aktuell beobachten und «mögliche Schritte prüfen».

Werden weitere Gaming-Riesen boykottiert?

Auch beim französischen Entwickler Ubisoft rollten Köpfe, nachdem er letztes Jahr einen MeToo-Moment erlebte. Darüber berichteten verschiedene Medien – unter anderem «Watson». Warum hat Brack nicht schon damals reagiert? «Das haben wir letztes Jahr nicht im selben Ausmass wahrgenommen und werten dies im Nachhinein als Versäumnis», erklärt Rei. 

Im Blog-Beitrag verlangte Brack von Blizzard, dass Taten folgen müssen. Eine Entschuldigung würde nicht reichen. Blizzard-CEO Bobby Kotick hat mittlerweile ein Massnahmenpaket angekündigt. Falls ein «Wille zur Besserung» zu erkennen sein wird, «könnten wir in Betracht ziehen, Games und Merchandise wieder anzubieten», so Rei.

Quelle: PilatusToday
veröffentlicht: 1. August 2021 08:31
aktualisiert: 30. Juli 2021 14:38