Katzen in Not

«Der Juli hat uns schier zur Verzweiflung gebracht»

Maarit Hapuoja, 8. August 2022, 09:33 Uhr
Sie sind am Limit: Tierheime und Pflegestellen haben keine Kapazität mehr für neue Katzen. Hunderttausende verwilderte Katzen leben in der Schweiz und viele Hauskatzen werden vernachlässigt. Was tut die Politik gegen das Katzenelend? Nicht viel, ist die ernüchternde Antwort.

Die Zahlen sind erschreckend. Zwischen 100'000 und 300'000 Katzen in der Schweiz leben herrenlos. Im gleichen Rahmen bewegt sich die Anzahl vernachlässigter Katzen. Tierheime sind aber überfüllt und Hilfesuchende werden meist weitergereicht, bis irgendwann keine Lösung mehr vorhanden ist. Die Folge: Katzen sterben qualvoll.

Folgen der Coronakrise

«Die Zahl der herrenlosen und vernachlässigten Katzen beruht auf Hochrechnungen. Wir stellen hier eine steigende Tendenz fest», sagt Arlette Niederer vom Schweizer Tierschutz auf Anfrage. Weit mehr Meldungen über Katzenmütter mit Nachwuchs oder andere unerwünschte Katzen sind bei der Tierschutzorganisation NetAP (Network for Animal Protection) kürzlich eingegangen, als die Organisation habe bewältigen können. «Der Monat Juli hat uns schier zur Verzweiflung gebracht», wird Esther Geisser, NetAP-Präsidentin in einer Mitteilung zitiert.

Was im Moment besonders schwierig ist: Es ist Ferienzeit und viele Ferientiere müssen zusätzlich untergebracht werden. Zudem wurden während der Coronapandemie mehr Katzen vom Bauernhof in eine Familie geholt, die nun aber wieder weggegeben werden. Denn es zeigt sich: Diese Katzen landen vermehrt in Tierheimen.

«Bei Hunden ist man sich einig, dass Corona ein wichtiger Auslöser für die Zunahme von Hunden in Tierheimen ist. Bei Katzen ist das wohl nicht ganz so ausgeprägt, weil sie besser allein auskommen und daher nicht so schnell die Notwendigkeit empfunden wird sie wegzugeben, wenn man wegen der aufgehobenen Homeoffice Pflicht nicht mehr so oft zuhause ist. Doch wir vermuten stark, dass Corona auch hier einen Einfluss hatte», erklärt Niederer. Der Zusammenhang mit der Coronapandemie liegt nahe, denn das Alter der Tiere korrespondiert mit der Zeit des Corona-Shutdowns, schreibt «SRF».

Was tun gegen das Katzenelend?

Nicht nur in der Schweiz herrscht grosses Katzenleid. Auch in Deutschland beispielsweise wird von einer Flut an Katzen in Tierheimen berichtet. Das Problem ist das gleiche wie hierzulande: Seit Corona gibt es den Katzen-Boom, welcher nun wieder nachlässt. Die Familien wollen ihre Tiere nicht mehr und zudem sind viele Katzen weder sterilisiert noch kastriert. Die Folge: Tierheime sind überfordert und Katzen werden vernachlässigt.

Die Kastrationspflicht  sei eine wichtige Grundidee, erklärt Arlette Niederer. «Insbesondere bei der Freigängerhaltung von Hauskatzen könnte eine solche dazu beitragen, das Problem streunender und verwilderter Katzen zu reduzieren.» Eine weitere Massnahmen gegen das Katzenelend könnte die Einführung einer Registrationspflicht sein, damit aufgegriffene Katzen ihrem Besitzer zugeordnet werden können.

«Zudem muss das Bewusstsein für eine katzenfreundliche Haltung gestärkt werden», so Niederer. Katzen gelten als leicht zu haltende Tiere und ihre Haltungsansprüche werden zu oft auf die leichte Schulter genommen. «Versorgt man Katzen schlecht, kann es sein, dass sie beginnen zu streunen und zum Teil mit der Zeit auch verwildern.»

Seit längerem auf politischem Radar

Auch wenn das Katzenleid ein dramatisches Level erreicht hat, ist es keine neue Problematik. Freigänger-Katzen werden seltener kastriert und sorgen mit herrenlosen Tieren für unkontrollierten Nachwuchs. NetAp hat bereits 2016 eine Kampagne «Kastrationspflicht für Freigänger-Katzen in der Schweiz» lanciert. Im selben Jahr hat die Fondation SOS Chats (Tierschutzverein) eine Petition mit über 17'000 Unterschriften zur Kastrationspflicht für Katzen eingereicht, anderthalb Jahre später folgte die Petition von NetAP mit 115'000 Unterschriften.

2018 erreichte den Bundesrat ein offener Brief zur Thematik des Schweizer Katzenelends, eingereicht von TIR (Tier im Recht) und NetAP. Nationalrätin Doris Fiala (FDP/ZH) reichte Ende 2018 die Motion «Weniger Tierleid dank Kastrationspflicht für Freigänger-Katzen» im Nationalrat ein.

Wenig Engagement

Die Reaktionen darauf? Zur Petition wurde keine Folge geleistet, der Brief blieb unbeantwortet und die Motion wurde abgelehnt. Es folgten weitere Versuche seitens Tierschutzorganisationen und Politikerinnen und Politikern, doch geändert hat sich nichts. Das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) versicherte 2020, dass man das Katzenelend erkannt habe und Massnahmen ergreifen wolle, jedoch die Kastrationspflicht als nicht umsetzbar erachte.

Es bestätigte, dass ein zuvor abgegebenes Argument, Kastrationspflicht würde dem Staat zu hohe Kosten verursachen, sich lediglich auf Annahmen bezog. Weitere Massnahmen sollen diskutiert werden, die das Leid der Katzen lindern könnten.

Auf Anfrage schreibt das BLV: «Artikel 25 der Tierschutzverordnung verpflichtet Tierhalter und Tierhalterinnen, zumutbare Massnahmen gegen die übermässige Vermehrung zu treffen. Eine Kastrationspflicht wäre ohne Chip- und Registrierungspflicht nicht kontrollierbar. Wer der Pflege und Fütterung der Katzen (zum Beispiel Wurm- und Impfprophylaxe, Behandlung von Katzenschnupfen, etc.) nicht die notwendige Bedeutung beimisst, wird sie vermutlich auch nicht kastrieren oder chippen lassen.»

Das Problem der verwilderten Katzen solle – wie auch bei anderen Schädlingen – primär so angegangen werden, dass es keine Gelände hat, auf denen sich Katzenkolonien etablieren können, so das BLV. Der Vollzug des Tierschutzgesetzes liege bei den Kantonen.

Quelle: Today-Zentralredaktion
veröffentlicht: 8. August 2022 07:42
aktualisiert: 8. August 2022 09:33
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