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Die scheinheiligen Eisheiligen

Matthias Oetterli, 11. Mai 2020, 17:01 Uhr
Gemäss Bauernregel bringen sie im Frühling nochmal Frost: Die Eisheiligen.
© Keystone
Ich als Konfessionsloser dürfte wohl gar nicht über Heilige schreiben. Ich tue es aber trotzdem. In die Hölle kommen kann ich nicht. Eben, konfessionslos. Und wenn man über Eisheilige schreibt, schon gar nicht. Der Teufel möchte wohl kaum, dass die Hölle gefriert.

Die Eisheiligen und ich. Nennen wir es eine unheilige Allianz und kommen zurück auf Erden - zu den Eisheiligen. Jeden Mai, wenn es nach einer schönen ersten Frühlingsperiode nochmals kalt wird, dann hört man landauf landab: «Die Eisheiligen kommen». Laut der Bauernregel bringen sie Mitte Mai noch einmal Frost, Kälte und manchmal sogar Schnee. Wer waren aber die Eisheiligen und sind sie wirklich Schuld am Kälteeinbruch?

Die Eisheiligen sind mehrere katholische Gedenktage im Mai. Vom 11. bis 15. Mai wird jedes Jahr einigen Bischöfen und Märtyrern gedacht. In Deutschland sind es fünf Eisheilige, in der Schweiz traditionellerweise vier: Pankratius, Servatius, Bonifatius und die kalte Sophie.

Pankratius war der Sohn eines reichen Römers. Er wuchs aber als Waise auf und half mit seinem geerbten Vermögen Gläubigen. Sein Name bedeutet der alle Besiegende. Er verlor dann aber trotzdem. Seinen Kopf. Er wurde enthauptet.

Servatius ist heilig, weil er den Einfall der Hunnen voraussagen konnte. Das behaupte ich nun auch mal vorsorglich: «Die Hunnen kommen». Vielleicht werde ich ja dann auch irgendwann heiliggesprochen. Trotz konfessionslos. Im Volksglauben wird Servatius übrigens unter anderem bei Fussleiden angerufen. So erstaunt auch nicht, dass er gemäss einigen Quellen mit einem Holzschuh erschlagen worden sein soll. Und das im niederländischen Maastricht. Heiliger Bimbam - Zufall oder doppelter Zynismus? Unser dritter Eisheiliger ist Bonifatius. In England geboren, in Frankreich und Deutschland missioniert. Auch er wurde am Ende hingerichtet.

Und da wäre noch die heilige Sophia, gut helvetisch unter «die kalte Sophie» bekannt. Auch sie wurde ihres Glaubens wegen umgebracht. Eines ihrer Zeichen ist die Palme. Eine Pflanze, welche mildes Wetter braucht. Vielleicht sind gerade deshalb Bauernregeln wie diese erklärbar: «Vor Nachtfrost du nie sicher bist, bis die Sophie vorüber ist.»

Bringen die Eisheiligen wirklich kaltes Wetter?

Bis zum Ende des 16. Jahrhundert waren die Eisheiligen später im Mai, so um den 20. Mai herum. Erst mit der Kalenderreform von Papst Gregor XIII wurden die Eisheiligen auf die heutigen Daten geschoben. Aber wie auch immer: Die Eisheiligen sind ein Mythos. Kaltes Wetter während den eisheiligen Tagen ist purer Zufall. Eine Messreihe in der Schweiz hat gezeigt, dass es keine statistische Häufung von Frostwetter an diesen Tagen gibt. Sowohl nach dem gregorianischen Kalender als auch nach dem zuvor geltenden julianischen Kalender. Gemäss der Messung tritt Bodenfrost in der Schweiz nur bis Ende April regelmässig auf. Damit wurde die Bauernregel widerlegt. Müsste man zu den Eisheiligen also ein Fazit ziehen: Die Eisheiligen sind zwar heilig, aber in Bezug auf Kälte wohl nur scheinheilig. Amen.

Quelle: PilatusToday
veröffentlicht: 11. Mai 2020 21:58
aktualisiert: 11. Mai 2020 17:01