Schweiz

Ein Urgestein der Lega

Gerhard Lob, Lugano, 29. März 2020, 17:06 Uhr
© CH Media
Der Tessiner Alt Nationalrat Attilio Bignasca (77) ist nach langer Krankheit verstorben. Wegen der Coronaepidemie findet die Bestattung im engsten Familienkreis statt.

Mitten in der Coronakrise, die den Kanton Tessin in Atem hält, ist der langjährige Lega-Politiker Attilio Bignasca (77) nach längerer Krankheit verstorben. Dies gab die Lega am Sonntag über die Internetseite mattinonline.ch bekannt. Zahlreiche Politiker kondolierten. Attilio Bignasca war der Bruder von Giuliano Bignasca, der die populistische Protestbewegung Lega dei Ticinesi im Jahr 1991 gegründet hatte.

Im Gegensatz zu Giuliano, der politische Ämter gar nicht mochte, war Attilio über Jahre für die Lega in den Institutionen vertreten. Er war von 1991 über 20 Jahre lang Grossrat, auch Fraktionschef und Grossratspräsident, sass ausserdem von 2003 bis 2009 im Nationalrat. Gemeinsam mit seinem Bruder war er Chef der Baufirma Bignasca in der Via Monte Boglia im Stadtteil Molino Nuovo von Lugano, welche zugleich das «Politbüro» der Lega war.

Nach dem Tod seines Bruders im Jahr 2013 war Attilio Bignasca zum Koordinator der EU-kritischen Regionalbewegung geworden. Er besass zwar nicht annähernd den Witz, das Charisma und die Schlagfertigkeit seines Bruders Giuliano, macht seinen Job aber erstaunlich gut und mit einer gewissen trocken-süffisante Ironie, die ihm durchaus Sympathien auch von politischen Gegnern verschaffte. Im Vergleich zu Giuliano war er eher der sanfte Rebell.

Geboren wurde er am 1.November 1943 in Lugano-Viganello. Mit 18 verliess er ohne Abschluss die Handelsschule, als sein Vater an einem Herzinfarkt starb. Er trat in die vom Grossvater gegründete, familieneigene Steinhauerfirma ein. Danach bestimmte Arbeit sein Leben, 55 bis 60 Stunden pro Woche. „Wenn jemand von der 35-Stunden-Woche spricht, kann ich nur lachen“, sagte er einmal in einem Interview. Dazu kam die Familie mit vier längst erwachsenen Kindern aus zwei Ehen.

Zehn Jahre verbrachte Attilio Bignasca ausserhalb seines Heimatkantons, hauptsächlich in Genf. Über die Firma Marbreafrique lieferte er Natursteine nach Afrika. In den Boomjahren zwischen 1980 und 1990 lief das Geschäft für Grossprojekte in Kamerun, der Elfenbeinküste und Zaire wie geschmiert. Der wohl berühmteste Auftrag – die Lieferung von Marmor - kam von Houphouët Boigny, dem ehemaligen Präsidenten der Elfenbeinküste, der in der Kapitale Yamoussoukro eine Kopie des Petersdoms bauen liess. Mit einem Startkapital von 32‘000 Franken hat Bignasca nach eigenen Angeben damals einen Umsatz von 500 Millionen Franken erwirtschaftet.

Wieder zu Hause im Tessin musste er kleinere Brötchen backen. Die Immobilienkrise setzte dem Familienbetrieb zu, der sich unter Giuliano in den 1980er Jahren zu einem kleinen Imperium gemausert hatte. Neben zahlreichen Wohnhäusern gehörte den Bignascas auch ein stadtbekanntes Bordell im Stadtteil Loreto. Von den einst 250 Mitarbeitern verblieben nur einige Dutzend. Doch das Baugeschäft „A & G Bignasca“ bleibt für Lugano eine Institution. Ein grosser Makel bleibt, dass die Firma auch Sozialabgaben nicht bezahlt hat. Und erinnerungswürdig bleibt der Auftritt von Attilio Bignasca in der italienischen TV-Sendung «Le Iene» im Jahr 2016, in dem er sagte, keine Grenzgänger zu beschäftigen, doch just im Nebenzimmer sich ein Angestellter als Grenzgänger outete.

2013 versuchte Attilio Bignasca nochmals etwas Rebellentum aus der Gründerzeit der Lega in die Bewegung zu bringen. Doch es gelang ihm nicht. Kein Wunder: Denn die Lega ist mittlerweile durch die Institutionen marschiert. Im Staatsrat sind zwei von fünf Regierungsmitgliedern Mitglieder der Lega, in Lugano hat die Lega mit drei Stadträten die relative Mehrheit. Attilio Bignasca hatte sich schon vor einige Zeit aus dem politischen Geschäft zurückgezogen. Doch sein Geist wird mit Sicherheit auch weiterhin in der Lega vorhanden sein, denn seine Tochter Antonella gilt seit Jahren als Schattenpräsidentin der Bewegung.

«Wir bedauern es, dass es die momentanen Umstände nicht erlauben, einer Persönlichkeit dieses Ranges einen würdigen Abschied zu geben», teilte die Tessiner SVP mit, welche häufig Seite an Seite mit Attilio Bignasca politisch gekämpft hatte. Wegen der Coronakrise sind Bestattungen momentan nur im engsten Familienkreis möglich.

Gerhard Lob, Lugano
Quelle: CH Media
veröffentlicht: 29. März 2020 17:06
aktualisiert: 29. März 2020 17:06