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«You like rock music?»

Estnische Rockband schwatzt Passanten weiterhin ihre CDs auf

Christoph Thurnherr, 6. Dezember 2020, 15:54 Uhr
Nach einem Treffen am Bahnhof haben wir die Band Illumenium (ehemals Defrage) ein weniger genauer angeschaut. Die dubiose Band zieht seit Jahren durch Europa, positiv fällt sie selten auf. Und ihre «neue» Musik ist schon jahrealt.
Mitglieder der estnischen Band mit ihrer Debüt-CD im Jahr 2012.
© St.Galler Tagblatt/Archivbild

«Do you speak English? Do you like rock music?», so quatschen Mitglieder (oder Promoter) der Band Illumenium seit Jahren Passanten in ganz Europa an. Ob man Englisch spreche und Rock möge. Wer sich auf die relativ unverfänglichen Fragen einlässt, sieht sich kurz darauf mit einer immer ähnlichen Geschichte konfrontiert:

«Wir sind Illumenium, eine junge Band aus Estland. Wir sind gerade auf Tour und arbeiten am Durchbruch.» Berichtet wird von oftmals sehr sympathischen scheinenden Personen, die einem dann ihr tolles Musikalbum feilbieten. In unserem Fall kam noch die Corona-Dimension dazu: Die Band wolle nun eigentlich Konzerte in der Gegend spielen, diese wurden jedoch abgesagt, sagte mir eine Frau, die mich am St. Bahnhof ansprach. Wenige Wochen zuvor wird mein Kollege im Migros-Parkhaus in Emmenbrücke angesprochen: «Do you speak English? Do you like rock music?»

Manchmal ist auch der Tourbus der Band kaputt, oder sie brauchen Geld für neue Instrumente.

Man könne selber entscheiden, wie viel man für die CD bezahlen wolle. Üblicherweise gäben die Leute 20 Franken. Die Sicherstellung des Tonträgers war mir einen Fünfliber wert.

Die Musik ist es nicht. Dazu später mehr.

Eine Band, die es gar nicht schaffen will

So jung, wie behauptet, ist die Band nicht: Vor Jahren wurde meiner Mutter ein Defrage-Album aufgeschwatzt, welches sie mir dann mitbrachte. Der Name ist anders, die Band jedoch grösstenteils dieselbe.

Nun ist die Gruppe – oder deren Promoter – unter dem Namen Illumenium unterwegs. Und sie folgt nach wie vor ihrem offenbar lohnenswerten Geschäftsmodell, in ganz Europa Passanten anzusprechen. Vorzugsweise in Fussgängerzonen, Parkhäusern, auf Jahrmärkten oder Raststätten.

Der Band liegt offensichtlich nichts (mehr) daran, qualitativ hochstehende Musik zu machen. Das Genre ist natürlich Geschmackssache und befindet sich in einer der tausend Richtungen des Heavy Metal. Das ist in Ordnung, die Musikqualität im Sinne der Produktion ist es jedoch nicht.

Und das, obwohl die Band, damals noch unter dem Namen Defrage, verheissungsvoll loslegen konnte. 2009 gewannen Sie den estnischen MTV-Award für das beste Musikvideo für «Save us from Religion».

Die ersten beiden Alben «Jackal» und «The Sick Letter» (danke Mama) kamen zwar relativ gut an, trotzdem machte Defrage in dieser Zeit eher wegen einer Vielzahl zerstörter Hotelzimmer von sich reden. Das ging so weit, dass die Band in ihrer Heimat Estland keine Unterkunft mehr erhielt.

Seit 2012 ununterbrochen auf Tour

Wohl auch aus diesem Grund befindet sich Defrage/Illumenium seit 2012 non-stop auf Tour, spielt hie und da Konzerte, verkauft aber vor allem CDs in ganz Europa. Illegal, versteht sich. «CD in der Öffentlichkeit zu verkaufen, ist ohne Bewilligung nicht gestattet», heisst es auf Anfrage bei der Polizei.

Über Illumenium habe es in den vergangenen Jahren bereits Meldungen gegeben, auch dieses Jahr sei eine Band wegen illegalen CD-Verkaufs gemeldet worden. Die Polizei müsste die Verkäufer jedoch auf frischer Tat ertappen – oder es müsste jemand Anzeige erstatten.

Im Jahr 2014 kam das Ende für Defrage. Vier der Bandmitglieder machen seit da unter dem neuen Namen Illumenium weiter. Aber es kommt nicht nur die Band unter einem neuen Deckmantel daher, sondern auch ihre alte Musik.

Recycling der eigenen Musik

Vergleicht man die Tracklists der alten Defrage-Alben mit den neueren Werken von Illumenium, so befinden sich zum Beispiel auf «Towards Endless 8» lauter Lieder von früheren Werken.

Das ist zwar kein Kapitalverbrechen, ein seriöser Eindruck lässt sich damit jedoch auch nicht erwecken. Fairerweise muss gesagt werden, dass sich unter vielen Youtube-Videos Kommentare finden, welche die Musik der Band loben – im Stil von: «Habe in xyz eine CD von euch gekauft und bin begeistert.»

Aggressives Verhalten – nicht nur beim Verkauf

Genauso oft finden sich aber auch Einträge im Netz, welche der Band und ihren Promotoren eine gewisse Aggressivität beim Verkauf unterstellen. Oftmals fühlen sich angesprochene Passanten bedrängt. Das bestätigt auch ein Leserreporter: «Habe mir leider eine CD für 30 Franken aufschwatzen lassen, die das Geld nicht wert ist.»

Und genau gleich sei es anderen Familienmitgliedern ergangen. Insgesamt hätten sie nun alle Alben der Band zusammen. Aggressives Verhalten wird der Band nicht nur beim Verkauf vorgeworfen. Abgesehen von zerstörten Hotelzimmern werden den Bandmitgliedern auch mehrere verwüstete Backstage-Bereiche, Zechprellerei, Schlägereien und dergleichen zugeschrieben, schreibt das Österreichische Heavy Metal Magazin Stormbringer.

So scheint die Band bei der Polizei in Österreich und Estland bestens bekannt zu sein. In der Schweiz gibt es auf Anfrage keine Einträge, die über den illegalen CD-Verkauf hinausgehen.

Die Ideale vergessen 

Auf Anfrage einer CH-Media-Zeitung sagte eines der Bandmitglieder, man wolle mit dem Direktverkauf die grossen Unternehmen umgehen und ein Zeichen gegen den kommerzialisierten Markt setzen. Das klingt nach hehren Idealen. Auch darüber, dass sie die CDs illegal verkaufen, kann der rebellische 17-jährige Rockstar in einem selbst noch irgendwie wegsehen.

Vor der Tatsache, dass die CDs klingen, als seien sie in einer leeren Colabüchse aufgenommen worden, zerfällt das idealistische Konstrukt jedoch schnell zu leeren Worthülsen. Schade eigentlich.

Quelle: FM1Today
veröffentlicht: 6. Dezember 2020 13:19
aktualisiert: 6. Dezember 2020 15:54