Gewalt an Frauen

Femizide geschehen auch in der Zentralschweiz

Chantal Herger, 2. Februar 2021, 11:06 Uhr
Frauen sind stärker von häuslicher Gewalt betroffen als Männer.
© KEYSTONE/DPA/Maurizio Gambarini
Etwa alle zwei Wochen wird in der Schweiz eine Frau von ihrem Ehemann, Sohn, Bruder oder Ex-Partner getötet. Sogenannte Femizide sind häufig, tauchen in der Statistik aber nur bedingt auf. Wie stehen die Zahlen in der Zentralschweiz? Eine Spurensuche.

Es geschah eines Mittags des vergangenen Jahres in einer Ortschaft im Kanton Luzern: Ein junger Erwachsene griff zu einem Küchenmesser und stach mit diesem mehrmals auf seine Mutter ein. Danach griff er zum Telefon und meldete der Polizei, dass er eben eine Person tödlich verletzt habe. Als die Ambulanz eintraf, konnte sie nur noch den Tod der Frau feststellen. Sie wurde von ihrem eigenen Sohn getötet. (PilatusToday berichtete)

Eine andere Geschichte beginnt zwei Monate später in der gleichen Ortschaft. Ein Ehepaar stritt lautstark in ihrer Wohnung, wobei der Ehemann mehrmals mit einem Messer auf seine Frau einstach. Als die alarmierte Polizei die Wohnung betrat, fand sie eine schwerverletzte Frau vor, die kurze Zeit später ihren Verletzungen erlag. Der Ehemann hatte seine eigene Frau getötet. (PilatusToday berichtete)

Weiter wurde 2020 eine 81-jährige Frau von drei mutmasslichen Tätern getötet (PilatusToday berichtete). Im Kanton Luzern wurden 2020 also drei Frauen gewaltsam ermordet – eine düstere Statistik.

Geschädigte sind mehrheitlich Frauen

Frauen sind laut der Statistik zur Häuslichen Gewalt vom Bundesamt für Statistik häufiger als Geschädigte vertreten als Männer. Im Jahr 2019 waren schweizweit 72 Prozent der Betroffenen von häuslicher Gewalt Frauen. Dem gegenüber stehen 75 Prozent der Beschuldigten, die dem männlichen Geschlecht angehören.

Als Femizid wird gemäss Duden die tödliche Gewalt gegen Frauen oder eine Frau aufgrund des Geschlechts bezeichnet. Wobei die Tötungsdelikte meist im familiären Umfeld geschehen.

Diese Straftaten werden in der polizeilichen Kriminalstatistik jedoch nicht als solche erfasst. Der Grund dafür erklärt der Lehrbeauftragte in Kriminalstatistik und Kriminalpolitik der Universität Luzern, Daniel Fink, so: «Die Polizeiliche Kriminalstatistik beruht auf dem Strafgesetzbuch und Femizid existiert darin nicht als Straftat.» Noch erschreckender ist die Tatsache, dass in der Schweiz im Strafregister der Artikel der entschuldbaren Gemütsbewegung vorhanden ist. Dieser «legitimiert» das Verhalten der Männer, wenn sie eine Frau bedrohen oder schlagen, wenn sie beispielsweise fremd gegangen ist. «Das ist ein Überbleibsel der Geschichte des Strafrechts», so Fink.

Meist sind Femizide als Tötungsdelikte (vollendet oder versucht) unter häuslicher Gewalt aufgeführt. Im Jahr 2019 starben laut dem Bundesamt für Statistik schweizweit 29 Menschen (2018: 27) infolge häuslicher Gewalt, 19 davon waren weiblich. Mehr als die Hälfte der Fälle ereignete sich dabei in einer bestehenden Partnerschaft. 88 Prozent der Beschuldigten waren Männer. 50 versuchte Tötungsdelikte wurden 2019 (2018: 52) verübt.

Auch in der Zentralschweiz gab und gibt es Fälle von Femizid.

Femizide in der Zentralschweiz

Kanton
2018 vollendet
2018 versucht
2019 vollendet
2019 versucht
2020 vollendet
LU
0
3*
0
0
3
NW
1
0
0
0
OW
0
0
0
0
SZ
1
2*
1*
0
UR
0
0
0
1*
ZG
0
0
0
0

* aus der Statistik nicht klar ersichtlich, ob es sich dabei um einen Femizid handelt.

Beim Tötungsdelikt 2018 in Nidwalden handelt es sich um einen 77-jährigen Mann, der seine 73-jährige Frau erschossen hat, (PilatusToday berichtete). Auch beim Fall von Schwyz 2018 kann man durch Recherche darauf schliessen, dass es sich beim vollendeten Tötungsdelikt um einen Femizid handelt (PilatusToday berichtete). Weniger klar sind die restlichen Fälle.

Femizide werden nicht statistisch erfasst

Auf Anfrage von PilatusToday und Tele 1 heisst es bei den Polizeien der Zentralschweizer Kantone: «Die verschiedenen Gewalttaten werden schweizweit einheitlich in der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) erfasst. Es gibt keine statistische Erfassung nach «Phänomenen». Die Statistik wird deliktsbezogen geführt, d.h. es werden die entsprechenden Straftatbestände erfasst.» Dies bedeutet, dass ein Tötungsdelikt inkl. Versuch als Gewaltstraftat aufgeführt wird, ohne aber die Beziehung zwischen geschädigter und beschuldigter Person zu erfassen. Zwar werden das Geschlecht und Alter der Geschädigten und Beschuldigten je einzeln in der polizeilichen Kriminalstatistik erfasst, jedoch wird daraus nicht ersichtlich, ob die Fälle im Zusammenhang miteinander stehen. Anders bei häuslicher Gewalt, dort wird das Alter und Geschlecht nicht explizit aufgeführt, jedoch anhand eines Kuchendiagramms jeweils die Beziehung zwischen geschädigter und beschuldigter Person aufgezeigt.

Prävention ist wichtig

Für den Professor Fink wie auch für die Polizei ist klar, dass die Prävention einen hohen Stellenwert hat. «Wichtig sind die präventiven Aktionen der Polizeibeamten, wenn sie zu einem Streitort gerufen werden», so Fink. Dies könne einen tiefgreifenden Unterschied machen, je nachdem wie sie vorgehen und welche Massnahmen sie anordnen. Auch die Polizei betont, dass sie ihre Polizistinnen und Polizisten zum Thema Häusliche Gewalt immer wieder weiterbildet und die Mitarbeitenden darauf sensibilisiert.

Heutzutage erlaubt die schweizweite Statistik die Aussage, wie viele Frauen im Rahmen häuslicher Gewalt Opfer eines Tötungsdelikts werden – und entsprechend wird dies auch ausgewiesen. Deshalb bezweifelt Fink, ob die Einführung des Begriffs des Femizids in der Kriminalstatistik allein etwas bringen würde, sozusagen als symbolische gendermässige Markierung dieser Fälle. Dem würden wohl ganz viele Frauen, die von häuslicher Gewalt betroffen sind, widersprechen.

Quelle: PilatusToday
veröffentlicht: 2. Februar 2021 11:48
aktualisiert: 2. Februar 2021 11:06