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Hass im Internet

«Frauen werden oft auf das Geschlecht bezogen erniedrigt»

Chantal Herger, 28. April 2021, 14:10 Uhr
«Feige Lügnerin» oder «Schlampe»: Diese Beleidigungen schlugen der Influencerin Morena Diaz auf Social Media entgegen, als sie ihre Vergewaltigung publik machte. Was steckt hinter diesen beleidigenden Äusserungen? Was bringt Menschen dazu, andere so anzugreifen? Und warum werden Frauen öfter sexistisch beleidigt? Wir haben mit einer Sozialwissenschaftlerin darüber gesprochen.
Beleidigende Kommentare sind auf Social Media verbreitet.
© Keystone/dpa/Federico Gambarini

Das Internet ist kein rechtsfreier Raum und trotzdem bewegen sich manche Personen dort so, als ob es einer wäre. «Das Internet bietet die Möglichkeit, den eigenen Hass und seine Ressentisments in der Öffentlichkeit zu verbreiten», sagt Gülcan Akkaya, Dozentin und Projektleiterin an der Hochschule Luzern für Soziale Arbeit. Die Weiten des Internets vermitteln den Kommentierenden ein Gefühl von Anonymität und bewirken ein gewisses Machtgefühl, weil ein grosses Publikum erreicht werden kann, so Akkaya weiter. Und die vermeintliche Anonymität lässt die Hemmschwelle sinken. Die Sozialwissenschaftlerin beschreibt es so: «Das Internet ist der virtuelle Stammtisch von heute.»

Da wird beschimpft, verunglimpft und beleidigt – Hasskommentare im Internet, gerade auch auf Social Media sind ein Dauerproblem. Häufig kommt es vor, dass sich User gegenseitig anstacheln und die Kommentare immer grenzwertiger werden. Das Internet trägt zusätzlich dazu bei, dass diese Hasskommentare ungefiltert und unbegrenzt verbreitet und eben auch gelesen werden können. Bei den Kommentierenden überwiegt ein Gefühl der Straflosigkeit und Freiheit ohne Verantwortung für ihre Aussagen übernehmen zu müssen. Meist wollen Personen, die auf Social Media ihrem Hass freien Lauf lassen, ihre Identität stärken, indem sie jene der anderen herabwürdigen, erklärt die Sozialwissenschaftlerin.

Frauen und Männer werden unterschiedlich kritisiert

Dabei kommt es vor, dass gegen ganz bestimmte Gruppen, Minderheiten und mitunter auch oft gegen Frauen gehetzt wird. Während Männer eher auf sachlicher Ebene kritisiert werden, driften Kommentare über Frauen schnell in Sexismus ab. Das ist Fakt, sagt die Sozialwissenschaftlerin. Man werte die Frau ab und reduziere sie auf ihr Geschlecht. «Das hat vor allem mit dem traditionellen Rollenbild zu tun», erklärt Akkaya. Die Kommentierenden fühlen sich verunsichert und frustriert, gerade bezüglich der Emanzipation der Frau.

Vor allem Frauen, die sich öffentlich äussern, wie Wissenschaftlerinnen, Politikerinnen, Journalistinnen werden häufig angefeindet, wie der «Tagesanzeiger» anhand der Corona-Expertinnen aufzeigt.

Die Abwertung der Frau zieht sich als Denkmuster durch: «Frauen werden oft auf das Geschlecht bezogen erniedrigt.» Der Grund für die genderspezifische Diffamierung der Frauen sieht Akkaya einerseits in den Strukturen der Gesellschaft, die Frauen teilweise immer noch nicht als gleichwertige Mitglieder der Gesellschaft sehen wollen, und andererseits in den Positionen der Frau, die teils immer noch in gesellschaftlichen Rollenbilder gefangen ist.

Obwohl sich in den vergangenen Jahren viel in Bezug auf Hass im Internet getan hat, mit der Entwicklung zufrieden ist Akkaya noch nicht: «Es braucht eine Sensibilisierung in der Gesellschaft. Es braucht aber auch rechtliche Massnahmen um gegen alle Formen von Hassreden vorzugehen.» Die Sozialwissenschaftlerin ist überzeugt: Wäre die tatsächliche Gleichstellung der Frau umgesetzt, gäbe es weniger Hass gegen Frauen.

Quelle: PilatusToday
veröffentlicht: 28. April 2021 17:20
aktualisiert: 28. April 2021 14:10