Genau vor zwanzig Jahren wütete «Lothar»

26. Dezember 2019, 09:40 Uhr
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Der massive Sturm hat im Rückblick auch positive Seiten

Heute vor zwanzig Jahren hat der Sturm «Lothar» über zehn Millionen Bäume wie Dominosteine umgeworfen. 14 Menschen starben, und es entstand ein Schaden von rund 1,35 Milliarden Franken. Der Orkan hatte im Rückblick der Forstexperten aber auch positive Auswirkungen.

Am Morgen des 26. Dezembers 1999 fegte der Orkan «Lothar» über die Schweiz und warf 12,7 Millionen Kubikmeter Holz zu Boden, wie die Eidgenössische Forschungsanstalt WSL in Birmensdorf ZH kürzlich mitteilte. Der gesamte Schaden wurde in den Jahren danach vom Bundesamt für Umwelt (Bafu) auf 1,35 Milliarden Franken beziffert, 600 Millionen Franken für Bauten und 750 Millionen Franken für den Wald. Insgesamt wurden zwei Prozent der Bäume in der Schweiz umgeworfen oder umgeknickt.

Am stärksten betroffen vom Orkan, der mit Windspitzen von bis zu 272 Kilometern pro Stunde (km/h) von Nordfrankreich über Süddeutschland und die Schweiz nach Österreich zog, waren damals die Kantone Bern, Freiburg, Luzern und Nidwalden. Innert weniger Stunden fiel die vier- bis zehnfache Holzmenge einer Jahresproduktion an. Entsprechend gelitten haben die Waldeigentümer und die Forstwirtschaft: Vom damaligen Preiszerfall erholte sich die Waldwirtschaft nie ganz. Allerdings hat dazu auch die vermehrte ausländische Konkurrenz beigetragen.

Serie von Schadensereignissen

«Lothar» war aber nicht das einzige Grossereignis, das den Wald nachhaltig schädigte. Wenige Jahre später folgte der Hitzesommer 2003. Der trocken-heisse Sommer schwächte viele Bäume, Millionen von Borkenkäfern befielen die unter der Trockenheit leidenden Fichten und rafften sie dahin, wie die WSL schreibt. Bei späteren Stürmen wie «Kyrill» im Jahr 2007 sowie «Burglind» und «Vaia» im Jahr 2018, kam die Schweiz zwar laut WSL gesamthaft gesehen glimpflich davon, auch wenn die Nord- und Ostschweiz nochmals starke Schäden zu beklagen hatte. Der Trockensommer 2018 führte auch wieder zu verstärktem Borkenkäferbefall der geschwächten Fichten.

Nach «Lothar» zeigten Studien der ETH Zürich und der WSL, dass eine schnelle Räumung des Sturmholzes und die frühzeitige Nutzung von stehenden, mit Käfer besiedelten Fichten weiteren Befall reduziert. Räuberische und parasitische Insekten vermehrten sich zwar schnell, wenn mehr Borkenkäfer vorhanden waren. Doch können diese Feinde der Borkenkäfer laut WSL den Befall von Fichten nicht verhindern, sondern nur bremsen.

Klimarobustere Wälder nachgewachsen

Dort, wo der Wald vor zwanzig Jahren am Boden lag, stehen heute wieder zehn bis 15 Meter hohe Jungwälder. Die Untersuchungen der WSL zeigten, dass nach dem Sturm generell Pioniergehölze wie Weiden, Birken und Vogelbeeren sowie jene Baumarten überwiegen, die vor einem Sturm dominierten. Im Mittelland und in den Voralpen seien vor allem die Buchen nachgewachsen, in höheren Lagen die Fichten. Doch die Wälder seien artenreicher als früher. «Vieles deutet darauf hin, dass hier klimarobuste Wälder nachwachsen, mit zusätzlichen Arten wie Eiche, Kirschbaum und Spitzahorn», sagt der Forstwissenschaftler Peter Brang von der WSL.

Diese Baumarten würden Trockenheit besser vertagen als Buche und Fichte. Es sei verblüffend: Katastrophal anmutende Störungen könnten in einer solchen Situationen also langfristig stabilisierend wirken. «Lothar hat gezeigt, dass Monokulturen und den Örtlichkeiten nicht angepasste Wälder auf Stürme sensibler reagieren als Mischwälder», bilanzierte der frühere Eidgenössische Forstinspektor Werner Schärer. Neuere Forschungsarbeiten auf Windwurfflächen haben zudem bestätigt, dass in Gebirgswäldern die erhöhte Rauigkeit der Berghänge aufgrund liegender Baumleichen und Wurzelteller vielfach auch langfristig gegen Lawinen und Steinschlag wirkt.

Quelle: sda

veröffentlicht: 26. Dezember 2019 08:32
aktualisiert: 26. Dezember 2019 09:40