In den nächsten Jahren

In Luzern werden bis zu 8 Prozent mehr Sozialhilfebezüger erwartet

7. Januar 2021, 18:33 Uhr
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Quelle: PilatusToday

Aufgrund der Corona-Pandemie haben viele Menschen ihre Arbeit verloren und sind auf finanzielle Unterstützung angewiesen. Insbesondere auch in der Stadt Luzern ist die Zahl der Sozialhilfebezüger gestiegen – und wird wohl noch weiter steigen, wie eine aktuelle Analyse zeigt.

Schweizweit verzeichnet die Schweizerische Konferenz für Sozialhilfe (SKOS) einen Rückgang der Sozialhilfebezüger. Nur in einigen Regionen sind die Fallzahlen angestiegen. So in der Stadt Luzern mit einem Plus von acht Prozent. Die Gründe dafür liegen vermutlich in den stark auf den ausländischen Tourismus ausgerichteten Branchen. Dies sieht auch Felix Föhn, Leiter Soziale Dienste der Stadt Luzern, so: «Wir sind eine wichtige Touristendestination.» Daher sei die Stadt Luzern abhängig vom Tourismus, der vergangenes Jahr jedoch drastisch eingebrochen ist. Man sei mit einer neuen Situation konfrontiert, in der vor allem Selbständige auf finanzielle Unterstützung angewiesen seien, da sie durch die Massnahmen des Bundes teilweise ihre Arbeit nicht mehr ausführen konnten.

Entwicklung der Fallzahlen in der Sozialhilfe 2019-2020, gelb der starke Anstieg in der Zentralschweiz
© Schweizerische Konferenz für Sozialhilfe SKOS

In Genf, wo internationale Gäste wegen der Pandemie ebenfalls ausblieben, war die Fallzahl im November gar um 8,5 Prozent höher. In Genf werden allerdings auch Personen mitgezählt, die als Selbständige einen erweiterten Zugang zur Sozialhilfe haben.

Rund 21 Prozent mehr Fälle erwartet

Doch die schweizweiten Prognosen für die nächsten zwei Jahre sehen düster aus. Die Schweizerische Konferenz für Sozialhilfe hat ihre überarbeiteten Prognosen für die nächsten zwei Jahre am Donnerstag in Bern den Medien vorgestellt. Die Langzeitfolgen der Krise seien schwer abzuschätzen. Aber es sei davon auszugehen, dass ein Teil der Menschen im Land mittel- und langfristig Unterstützung bräuchte. Ein Grund dafür ist die Corona-Pandemie.

Die Zahl der von Sozialhilfe abhängigen Menschen könnte um 21 Prozent steigen gegenüber 2019. In ihrem Referenzszenario rechnet die Skos bis 2022 mit rund 57'800 zusätzlichen Menschen in der Sozialhilfe. Die Sozialhilfequote würde von derzeit 3,2 auf 3,8 Prozent steigen. Im Mai hatte die Skos mit einem Anstieg von 28,2 Prozent gerechnet. 2019 bezogen rund 271'400 Menschen Sozialhilfe. Die Kosten könnten um 821 Millionen Franken steigen.

Diese Zahlen stammen aus dem mittleren Szenario der Skos. Das optimistische geht von 12 Prozent mehr Unterstützten und einer Sozialhilfequote von 3,5 Prozent aus. Das pessimistische dagegen rechnete mit einer Sozialhilfequote von 4,0 Prozent und Zusatzkosten von rund einer Milliarde Franken.

Gezielte Hilfe für Selbstständige

Als besonders gefährdet, von Sozialhilfe abhängig zu werden, erachtet die Skos Langzeitarbeitslose. Sie erwartet, dass sich ab 2021 zunehmend Ausgesteuerte beim Sozialamt melden.

Eine «kritische Phase» ist laut der Skos die Zeit zwischen der Aussteuerung und dem Gang aufs Sozialamt. In dieser Zeit brauchten viele Betroffene ihre finanziellen und persönlichen Ressourcen auf. Sie büssten damit so viel an Selbstwertgefühl ein, dass ihre Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt enorm schwierig werde.

Die Konferenz fordert daher neue Ansätze. Sie nennt ausbaubare Instrumente der Arbeitslosenversicherung und die in der Verfassung verankerte Möglichkeit einer Arbeitslosenfürsorge.

Doch auch Selbständige mit tiefen Einkommen könnten künftig Geld von der Sozialhilfe benötigen. Wegen der Pandemie dürften sich mehr von ihnen bei den Sozialämtern melden - Selbständige wurden bisher kaum unterstützt. Die zuständigen Stellen müssten sich neu auf die Bedürfnisse dieser Menschen ausrichten und prüfen, wie ihnen geholfen werden kann, etwa bei Umschulungen.

Massnahmen für Wirtschaft weiterführen

In den Augen der Skos ist es «dringend nötig», dass der Bundesrat die Massnahmen für die Unterstützung der Wirtschaft bis zum Ende der Pandemie weiterführt. «Ein zu frühes Ende würde zwangsläufig zu einer Überlastung der Sozialhilfe als letztes Netz der sozialen Sicherheit führen», schreibt sie.

Von der Arbeitslosen- und der Invalidenversicherung fordert die Konferenz Unterstützung, damit nicht zusätzlich Fälle in die Sozialhilfe verlagert werden. Auch der Bund muss in den Augen der Skos helfen bei der beruflichen und sozialen Integration.

Angesetzt werden müsste laut Skos aber auch bei der Aus- und Weiterbildung. Junge Leute müssten trotz Krise ins Berufsleben einsteigen können und Erwerbstätige für den digitalen Wandel fit gemacht werden. Die Skos rechnet wegen der Pandemie mit einem beschleunigten Strukturwandel im Arbeitsmarkt.

Mehr Flüchtlinge erwartet

Mehr Sozialhilfe-Fälle erwartet die Skos nicht nur allein wegen der Pandemie. Sondern auch, weil für Flüchtlinge und vorläufig Aufgenommene, die 2014 bis 2016 in die Schweiz kamen, neu Kantone und Gemeinden zuständig sind. Bis 2022 könnten gemäss dem mittleren Szenario der Skos zusätzliche 17'000 Geflüchtete Sozialhilfe benötigen. Sie fordert deshalb einen Ausgleichsmechanismus.

(red.)

Quelle: sda / PilatusToday
veröffentlicht: 7. Januar 2021 10:05
aktualisiert: 7. Januar 2021 18:33