Corona im Unterricht

Lehrpersonen und Wissenschaftler wollen Schulschliessungen

17. Januar 2021, 08:10 Uhr
Verlagert sich das mutierte Virus jetzt in die Schulen?
© Keystone
Der Bund prüft laut Meldungen der «NZZ am Sonntag» und der «SonntagsZeitung» gewisse Verschärfungen von Coronavirus-Massnahmen an den Schulen.

Bisher hatte der Bundesrat den Kantonen bei den Schulen freie Hand gelassen. Nun verdichteten sich aber die Anzeichen, dass sich dies bald ändert. Das Generalsekretariat des Departements des Innern von SP-Bundesrat Alain Berset habe bei der wissenschaftlichen Coronavirus-Taskforce sowie bei der Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK) entsprechende Berichte zu Coronavirus-Massnahmen an Schulen eingefordert, hiess es etwa in der «NZZ am Sonntag». Dies habe ein Sprecher des Bundesamtes für Gesundheit BAG der Zeitung bestätigt.

«Es geht darum, die Möglichkeiten von Massnahmen an den Schulen zu studieren», hiess es weiter vom BAG. Diese seien «sowohl aus bildungswissenschaftlicher wie auch aus jugendpsychologischer und sozialer Sicht zu würdigen.»

Mögliche Massnahmen an Schulen

Laut der «NZZ am Sonntag» stehen Coronavirus-Massnahmen auf Stufe der Gymnasien und Berufsschulen im Vordergrund. So gehe gehe etwa um Halbklassenunterricht, alternierender Unterricht oder die Streichung gewisser Fächer wie Sport, in denen Schutzmassnahmen schwer aufrecht erhalten werden könnten.

Die Volksschule liege zwar ganz in der Hoheit der Kantone. Doch auch da könnte der Bund in der nun geltenden besonderen Lage gewisse Coronavirus-Massnahmen ergreifen, teilte das BAG der Zeitung zudem mit.

Wissenschaftler und Lehrer besorgt

Aus der Wissenschaft kommen laut der «SonntagsZeitung» warnende Stimmen, dass sich Infektionsgeschehen mit dem britischen Coronavirus gerade bei einem Teil-Lockdown deutlich in Richtung der Schulen verschieben würde. Frankreich und Österreich wollen Schnelltests für die Schüler bereitstellen. In der Schweiz plane nur der Kanton Graubünden solche Massentests. Epidemiologe Marcel Tanner von der Covid-Taskforce glaubt nicht, dass dies reiche: «Angesichts der neuen Lage müssen die Gymischüler und Berufsschüler möglichst schnell wieder in den Fernunterricht.»

Auch Lehrer seien besorgt, hiess es. Die Lehrkräfte könnten nicht nachvollziehen, warum private Treffen nicht möglich sind und Läden schliessen, aber gleichzeitig müsse man 20 Schülerinnen und Schüler unterrichten.

Präsenzunterricht an Grundschulen fortführen

Eine Schliessung der Primarschulen empfiehlt Tanner vorerst nicht. «Es gibt ein Recht auf Bildung. Und während ein Restaurant für den Schaden, den Massnahmen verursachen, entschädigt werden kann, ist das nicht möglich, wenn bei der Bildung der Kinder und Jugendlichen ein Defizit und soziale Langzeitfolgen entstehen»

Deshalb sollte die Bildung in der Grundstufe mit Präsenzunterricht gesichert sein, sagte der Experte. Sollten die Fallzahlen aber mit dem mutierten Virus so stark zunehmen wie in England, müsste man auch das überdenken.

Jugendliche infizieren sich genauso wie Erwachsene

Bisher gebe es zwar kaum grössere Ausbrüche in Schulen. Und es sei noch unklar, wie stark die Übertragung von der Schule in die Gesellschaft gehe oder umgekehrt, so Tanner. Gesichert sei jedoch, dass sich Jugendliche genauso infizieren wie Erwachsene. Und eine neue Untersuchung in Genf zeige, dass auch jüngere Kinder eine etwa gleich hohe Infektionsrate haben wie die Erwachsenen in ihrer Umgebung.

«Das ist ein sehr wichtiger Befund. Das zeigt, wenn die Übertragung allgemein hoch ist, sind die Kinder nicht ausgenommen. Weil sie das Virus offenbar vor allem in der Familie erwerben.»

Sind Kinder in Schulen sicherer vor Corona?

Der oberste Bildungsforscher, Stefan Wolter, sieht die Schulschliessungen kritisch. Im Interview mit der «NZZ am Sonntag» sagt Wolter: «Sind die Schulen geschlossen, treffen sich die Kinder anderenorts ohne Schutzkonzepte und Kontrolle. Das führt eher zu mehr Ansteckungen. In den Schulen sind die Kinder häufig sicherer als zu Hause.» Der Schaden für die Kinder sei gross: Psychische Probleme könnten auftreten, aber auch der Bildungsrückstand sei nicht zu vernachlässigen. «Vor allem bei jenen Kindern und Jugendlichen, die vor Übertritten stehen, kann sich das gravierend auf die ganze spätere Karriere auswirken», sagt der 54-Jährige.

Quelle: PilatusToday / SDA
veröffentlicht: 17. Januar 2021 06:49
aktualisiert: 17. Januar 2021 08:10