Nach Vergewaltigung in Luzern

«Muss selbstverständlich sein, ohne Angst nach Hause laufen zu können»

Chantal Herger, 21. Oktober 2021, 17:38 Uhr
Vergangene Woche wurde in Luzern eine Frau auf dem Nachhauseweg vergewaltigt. Ein Fall, der die ganze Zentralschweiz bewegt, aber leider kein Einzelfall ist. Unsere Reporterin hatte sich bereits früher zu diesem Thema geäussert – ihr Kommentar.

Quelle: PilatusToday

Nach der Ermordung der jungen Frau in Kent, Sarah Everard, ging auf Social Media ein Hashtag viral, der die ganze Welt aufwühlte: #textmewhenyougethome. Eine simple Nachricht und doch steckt ganz viel dahinter.

Kennst du Männer, die sich am Samstagabend von ihren Freunden mit den Worten verabschieden: «Schreib mir, wenn du Zuhause bist?» Nein? Ich auch nicht. Für Frauen ist dieses Verhalten – leider – normal.

Was haben wir Frauen auf dem einsamen Nachhauseweg so getan, als ob wir telefonieren, mit klopfendem Herzen einen grossen Bogen um Männergruppen gemacht, die Strassenseite gewechselt, bestimmte Strassen gemieden oder sind noch schneller die dunkle Strasse entlanggelaufen. Vor lauter Angst! Und eben: unsere Freundinnen gebeten, sich kurz zu melden, wenn sie gut nach Hause gekommen sind.

Das sind alles Verhaltensweisen, mit denen sich Frauen in ihrem Leben konfrontiert sehen. Für uns ist dieses Verhalten «normal» – sollte es aber nicht sein. Darauf hatte auch die britische Influencerin Lucy Mountain angespielt, als sie den Text auf ihrem Instagram-Account gepostet und damit eine Welle ausgelöst hatte. In ihrem Post schilderte sie, wie kleine Mädchen sich gewisse Verhaltensweisen aneignen müssen – «Because ’that’s just the way it is.» Aber sie appellierte auch an die Männer.

Denn: Wir müssen aufhören, Frauen eine Mitschuld am Verhalten krimineller Männer zu geben. Die Verantwortung für eine Handlung liegt bei der Person, die sie ausführt. Nicht bei der, der sie erfährt!

Es zeugt von fehlendem Respekt gegenüber Frauen, ihnen zu sagen, dass sie halt nicht betrunken/so angezogen/durch dunkle Strassen laufen sollen. Würde man das gleiche von Männern verlangen? Wohl kaum! Es geht darum, dass sich Frauen so frei wie Männer verhalten/kleiden/bewegen dürfen – ohne Gefahr zu laufen, vergewaltigt und/oder ermordet zu werden wie dies im Fall von Sarah Everard – oder der 35-jährigen Frau in Luzern – geschehen ist.

Es muss für alle Frauen selbstverständlich sein, ohne Angst nach Hause laufen zu können!

Wie also kommen wir aus diesem Dilemma? Die zwei grossen Lösungswörter heissen: Respekt und Verantwortung. Respekt gegenüber Frauen und Verantwortung für das eigene Verhalten. Ein Täter muss für seine Taten gerade stehen. Die Schuld muss bei ihm gesucht werden, nicht beim Opfer. Das soll und muss auch in der Erziehung vorgelebt werden. Eltern müssen ihre Kinder, und vor allem ihre Söhne, mit Respekt und Empathie vor dem anderen Geschlecht erziehen. Damit ein Vater seiner Tochter nicht einschärfen muss, beim Nachhausegehen vorsichtig sein zu müssen und um Männergruppen einen Bogen zu machen.

Es liegt in euren Händen, liebe Männer. Ihr könnt uns helfen, uns auf unserem Heimweg sicher zu fühlen.

Quelle: PilatusToday
veröffentlicht: 16. März 2021 18:46
aktualisiert: 21. Oktober 2021 17:38
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