Aus Angst um Familie

Opfer lassen sexuelle Ausbeutung über sich ergehen

Nicole Huber, 3. November 2022, 18:59 Uhr
86 Prozent der Opfer von Menschenhandel im Kanton Luzern sind Frauen. Die Opfer sind meist in Rotlichtbereichen oder Arbeitsausbeutung zu finden, schreibt die «Luzerner Zeitung». Trotz den stets konkreter werdenden Untersuchungen muss mit einer riesigen Dunkelziffer gerechnet werden.

Quelle: Tele 1

Anzeige

Laut der Kriminalstatistik wurde zwischen 2018 und 2021 nur ein einzelner Fall von Menschenhandel bei der Luzerner Polizei registriert. Der Kanton Luzern sei daher einem mittleren Risiko für Menschenhandel ausgesetzt und die Bemühungen zur Bekämpfung seien knapp ausreichend, berichtet die «LZ».

Statistik kann täuschen

Statistiken entsprechen jedoch immer nur einem Teil der Realität. So erklärt Lelia Hunziker, Geschäftsführerin Fachstelle für Frauenhandel und Frauenmigration FIZ, dass alle Faktoren beim Erstellen der Übersicht berücksichtigt werden sollten. Werden lediglich die sogenannten «identifizierten Opfer» aufgeführt, sei die Liste dementsprechend kürzer.

Diese Identifizierung sei eben meist ein Problem. Die Menschenhändler entnehmen den Opfern ihre Papiere, sobald diese in der Schweiz sind, erläutert Jürg Wobmann, Chef der Kriminalpolizei der Luzerner Polizei gegenüber PilatusToday und Tele 1. Ausserdem sind die ausgebeuteten Personen in den wenigsten Fällen zur Zusammenarbeit mit der Polizei gewillt. Zu oft hätten sie es in ihrem Heimatland erlebt, dass Polizei und kriminelle Organisationen zusammenarbeiten. «Auch die Angst, dass den Familien in der Heimat etwas angetan werden könnte, ist gross», erklärt Wobmann weiter.

Fachstelle der Polizei ist überfordert

Die Polizei arbeitet deshalb stark an der Bekämpfung des Menschenhandels. Die Fachgruppe für Sexualdelikte kümmert sich neben der Aufklärung von Vergewaltigungen und sexuellem Missbrauch auch um die Bekämpfung von Zwangspornografie und Menschenhandel. Die Fachstelle sei jedoch längst überbeansprucht. So bräuchte man mindestens sechs Vollzeitstellen für diese Aufgabenbereiche. Die Polizei will darum mit einer Personalaufstockung reagieren, so Wobmann. Dabei sei nicht nur Fachpersonal von Nöten, sondern auch Ressourcen wie Kontakte ins Milieu, die langjährig aufgebaut werden müssen, erzählt er weiter.

FIZ übernimmt Betreuung von Opfern

Die Fachstelle für Frauenhandel und Frauenmigration wird von der Polizei oder anderen öffentlichen Stellen wie dem Verein LISA hinzugezogen, wenn Verdacht auf Menschenhandel besteht. Den Opfern wird geholfen, indem ihnen eine Schutzunterkunft angeboten wird und sie betreut werden. «Die Opfer verzichten meist auf eine Anzeige. Diejenigen, die stationär hier sind, sind eher dazu bereit, mit der Polizei zusammenzuarbeiten», erklärt Hunziker. Die Gefahr, dass die Familie oder gar die Betroffenen selbst durch Aussagen in Gefahr gebracht werden, sei einfach zu gross.

Der Menschenhandel im Bereich der Sexualausbeutung sei nur ein Bruchteil des ganzen Problems. So müsse man auch in unbekannten Gebieten wie in Privathaushalten mit Menschenhandel und Ausbeutung rechnen, wobei die Dunkelziffer hoch sein dürfte, erklärt Hunziker weiter.

Was kann dagegen unternommen werden?

Für die Fachstelle FIZ ist klar: Sensibilisierung der Gesellschaft, Spezialisierung der Fachpersonen und politischer Wille, Straftaten strenger zu bestrafen, müssen thematisiert werden. Alle sollten die Augen und Ohren offenhalten, um verdächtigte Aktivitäten zu bemerken und dies dann entsprechend zu melden.

Quelle: PilatusToday
veröffentlicht: 3. November 2022 18:48
aktualisiert: 3. November 2022 18:59