Gewässer

Pegel des Vierwaldstättersees sinkt einen Zentimeter pro Tag – historisches Niedrigwasser in der Kleinen Emme

24. Juli 2022, 20:59 Uhr
Die Pegel vieler Flüsse und Seen sinken wegen fehlendem Regen auf Tiefstwerte. Dadurch erwärmen sich die ohnehin warmen Gewässer noch mehr. Im Oberwallis führten die massive Gletscherschmelze und die Gewitter zu Hochwasser.
Anzeige

Selbst kältescheue Menschen brauchen derzeit wenig Überwindung für den Sprung ins Wasser. Unter der starken Sonneneinstrahlung haben sich die Flüsse und Seen erwärmt – auch die grossen. Die Aare war am Mittwoch bei Bern so warm wie noch nie seit Messbeginn: 24 Grad.

Neue Juli-Rekorde gab es in der Reuss in Seedorf UR mit 15,1 Grad (absoluter Rekord egalisiert) und im Rhein bei Diepoldsau SG mit 19,5 Grad. Mit gegen 25 Grad kratzt der Rhein bei Basel ebenfalls am Juli-Maximum. Das zeigen Daten des Bundesamts für Umwelt (Bafu). In den nächsten Tagen könnten weitere Rekorde fallen, wie die «Luzerner Zeitung» schreibt.

Für Fische bedeuten die hohen Temperaturen Stress und ein höheres Krankheitsrisiko. Lebensbedrohlich wird es für kälteliebende Arten wie die Forelle ab 25 Grad. In kleinen und mittleren Flüssen kam es zu Notabfischungen, etwa im Baselbiet und den Kantonen Luzern und St.Gallen.

Niedrigwasser wie nur alle paar Jahrzehnte in der Kleinen Emme

Zu den hohen Temperaturen kommt, dass die Abflüsse und Pegel auf Tiefstwerte gefallen sind. In manchen Flüssen ist die Situation höchst aussergewöhnlich: Die Kleine Emme führt in Emmen LU so wenig Wasser wie statistisch gesehen höchstens alle 30 Jahre einmal. In der Wiese in Basel und der Wigger in Zofingen AG sind die Wassermengen zurzeit so karg wie einmal alle 10 bis 30 Jahre. Generell sind die Pegel im Jura und Mittelland gemäss Bafu tief, im Südtessin sehr tief.

Was für die Flüsse gilt, ist auch in den Seen sichtbar. Stark unterdurchschnittliche Werte misst der Bund am Vierwaldstätter-, Walen- und Bodensee sowie am Lago Maggiore und Lago di Lugano. Der Pegel des Vierwaldstättersees ist in den letzten zwei Wochen um rund 24 Zentimeter gesunken – mehr als einen Zentimeter pro Tag. Er liegt im Bereich der tiefsten Werte, die seit 1936 Mitte Juli gemessen wurden. Mit derzeit 24 Grad ist der Vierwaldstättersee auch warm.

Gletscherschmelze ist «extrem»

Die Gewitter vom Mittwoch haben die Abflüsse nur kurzzeitig erhöht. Eine nachhaltige Entspannung bewirkten sie nicht. «Dafür bräuchte es einen anhaltenden Niederschlag über mehrere Tage», sagt Bafu-Hydrologin Michèle Oberhänsli. Im Oberwallis haben die Gewitter dazu beigetragen, dass einige Flüsse Hochwasser führten. «Die Abflusswerte waren aber nur kurzzeitig hoch», sagt sie.

Wegen der laut Bafu «extremen Gletscherschmelze» sind die Wassermengen in den Einzugsgebieten des Berner Oberlands, des Wallis und im Engadin ausserordentlich hoch.

Stark schmelzende Gletscher füllen die Speicherseen, die wir im Winter für die Stromproduktion brauchen. Angesichts der Energiekrise in Europa ist das beruhigend – angesichts des schnellen Schwindens dieser natürlichen Ressource hingegen besorgniserregend.

In den nächsten Tagen bleibt es heiss und es sind immer wieder Schauer und Gewitter prognostiziert. Die Niedrigwassersituation im Jura, Mittelland und Südtessin verschärft sich laut Bafu weiter, wie es im hydrologischen Bulletin heisst.

Das Grundwasser reagiert langsamer auf das Niederschlagsdefizit als die oberirdischen Gewässer. Die Stände sind laut Oberhänsli verbreitet normal. Zunehmend tiefe Stände seien dort zu verzeichnen, wo die Grundwasservorkommen nahe unter der Oberfläche lagerten.

Quelle: Luzerner Zeitung
veröffentlicht: 24. Juli 2022 20:59
aktualisiert: 24. Juli 2022 20:59