Langstrasse

Prostituierte: «Die Allerschlimmsten sind die reichen Zürcher Manager»

Lothar Lechner Bazzanella, 20. März 2022, 15:10 Uhr
Grazia* rutschte mit 18 Jahren in die Prostitution. Landete an der Zürcher Langstrasse. Im Interview erzählt sie von Wucherpreisen für Zimmer in Zürich, geheimen Airbnb-Bordellen mitten in der Stadt und wieso gerade die Freier hier die allerschlimmsten sind.
Warum verkaufen Frauen ihren Körper? Eine Zürcher Prostituierte erzählt vom hartem Milieu.
© /KEYSTONE/JEAN-CHRISTOPHE BOTT

Grazia*, du hast jahrelang in der Prostitution gearbeitet. Stammst du ursprünglich aus Zürich?

Grazia: Nein, ich bin in Deutschland geboren. Wie die allermeisten Frauen, die ihren Körper in Zürich oder der Schweiz verkaufen, stamme ich aus dem Ausland. Mit 18 rutschte ich durch einen Loverboy in die Prostitution. Und bin dann über Umwege an die Langstrasse nach Zürich gekommen.

Könntest du den Begriff «Loverboy» erklären?

Loverboys sind Männer, die Frauen – häufig jung, aus schwierigen Verhältnissen stammend – mit Aufmerksamkeit, Geld und Luxus in das Sexgewerbe locken. Bei mir war das so: Daheim hatte ich damals ziemlich Probleme und suchte irgendwo nach Anerkennung und Liebe. Ich wollte einfach nur weg. Dann lernte ich Anfang 18 auf einer Datingplattform meinen Exfreund kennen. Er lud mich zu sich ein, kreuzte gleich mit einem schicken Auto auf, ging mit mir in die besten Restaurants und in die teuersten Hotels. Dazu kam die Aufmerksamkeit, die Geborgenheit, die Liebe, die er mir vorgegaukelt hat. Für mich war das anfangs der Himmel. Ich war hin und weg.

Wie ging es weiter?

Nach zwei, drei Wochen hiess es, er hätte einen Job für mich. Ich solle es für uns machen, das viele Geld würde uns weiterhelfen. Und eh ich mich versah, stand ich mit ihm mitten im Laufhaus. Dutzende halbnackte oder nackte Frauen standen vor mir und ich wusste nicht, wie mir geschieht.

Wie wurdest du von den anderen aufgenommen?

Am Anfang waren alle noch voll nett und freundschaftlich mit mir. Sie meinten, ich müsse zuerst einfach nur hier sitzen und lächeln. Es würde schon alles gut gehen. Aber ganz schnell hiess es dann, heute gäbe es meinen ersten Kunden. Mein Freund meinte dann, wir bräuchten das Geld und er würde voll hinter mir stehen. Gleichzeitig nahm er mir mein Handy und all meine Dokumente weg. Ich wusste nicht weiter.

Wie alt warst du zu dieser Zeit?

Knapp 18 Jahre alt. Ich habe begonnen, meinen Körper zu verkaufen. Dann meinte mein damaliger Freund plötzlich: Wie viel gibst du mir ab? Wöchentlich musste ich dann 3000 Euro an ihn zahlen. Wenn ich die Summe nicht zusammenbekam, gab er mir keinen freien Tag.

Plötzlich in der Prostitution — wie fühlt man sich dabei?

Wie das Letzte. Plötzlich ist man nur noch ein Objekt, ein materielles Ding. Du stehst dort in einer Reihe mit anderen Frauen, der Freier sitzt davor. Als wäre er im Supermarkt und hätte ein paar Cola-Dosen vor sich. Die eine hat einen kleinen Riss, die andere ist schön gerade. Die will ich, die andere kannst du wegschmeissen. So habe ich mich gefühlt.

Trotzdem bist du geblieben?

Ja. Ich weiss, es ist schwierig, das nachzuvollziehen. Für mich war das aber ganz schnell fast normal, weil es für die anderen Frauen scheinbar auch normal war. Gleichzeitig griff mein damaliger Freund immer wieder zu Zuckerbrot und Peitsche: Mal schlug er mich, dann schenkte er mir Schuhe oder ging mit mir fein essen. Er meinte immer, ich müsse das für uns tun. Er würde mich lieben. Ich müsse das nicht lange machen. Dann kam Corona.

Was war dann?

Plötzlich hatten in Deutschland alle Clubs geschlossen. Dann hiess es: Du musst reisen und Geld verdienen. Er schickte mich an verschiedene Orte ins Ausland und an mehrere Freier. Und jedes Mal, wenn ich wieder bei ihm war, war er ein Stück aggressiver. Immer öfter hat er mich geschlagen und psychisch misshandelt. Dazu musste ich fast immer im Laufhaus schlafen, dort, wo ich mit fremden Männern Sex hatte. Ich konnte nicht mehr.

Also bist du in die Schweiz?

Genau. Ich wusste von einer Kollegin, dass hier noch alles geöffnet war. Also hab ich ihm vorgespielt, dass ich gerne nach Zürich würde. Dass ich hier Geld für ihn verdienen würde. Er war einverstanden. Eines Morgens schlich ich mich in sein Zimmer, packte meine Dokumente ein und ging. Und ich wusste: Diesen Mann sehe ich nie wieder.

Die Langstrasse ist über die Schweizer Grenzen hinaus bekannt für ihr Nachtleben. (Symbolbild)
© ZüriToday

Wie ging es weiter?

Ich kam an der Langstrasse gleich ins nächste Laufhaus. Und der Teufelskreis ging von Neuem los. Dort hiess es: Tagesmiete 220 Franken. Dafür, dass ich mich Freiern dort anbieten durfte. Ich kannte mich nicht aus, wusste nicht, ob das ein fairer Preis ist. Schliesslich ist die Schweiz ein teures Land, das ist ja bekannt. Ich merkte damals auch, dass ich selbst immer aggressiver, immer skrupelloser wurde. Irgendwann tust du alles für das Geld, alles dafür, dass der Lohn reinkommt.

Viele kommen in die Schweiz, weil sie meinen, hier in der Prostitution das grosse Geld machen zu können. Eine realistische Vorstellung?

Auf gar keinen Fall. Auch dieses Märchen von den noblen Escort-Firmen. Als ob man das von den Clubs unterscheiden könnte. Hier Edelclub und da Strassenstrich, hier goldener Kuchen und da nur wenige Krümel. Von wegen. Da gibt es keinen Unterschied. Schliesslich geht es um den gleichen Service. Abgeben musst du immer deinen Anteil. Und am Ende bleibt dir verdammt wenig. Damit musst du die horrend hohen Mieten zahlen, essen. Und Strafen zahlen, wenn dich die Polizei büsst.

Wie kann man sich das Leben einer Prostituierten an der Langstrasse vorstellen?

Ich selbst habe sehr viel gesehen. Da gibt es zum einen die Clubs. Dort zahlst du entweder fixe Tagesmiete oder 50 Prozent von deinen Einnahmen. Schläfst irgendwo in den Wohnungen in oder um die Langstrasse. Und zahlst durchschnittlich 500 bis 1000 Franken Miete – die Woche. Dafür bekommst du dann ein Bett in einem Zimmer mit drei, vier anderen Frauen. In irgendeiner heruntergekommen Bude.

1000 Franken die Woche für ein Zimmer? Das ist selbst für Zürich astronomisch hoch.

Natürlich ist es das. Aber die Vermieter wissen natürlich, dass sie die Zimmer meistens illegal eingewanderten Frauen geben, die in der Prostitution arbeiten. Sie verlangen verrückte Preise, dafür fällt das Bürokratische komplett weg. Keine Aufenthaltserlaubnis, kein Arbeitsvertrag, kein Betreibungsregisterauszug. Alles Dokumente, die keine Frau in der Branche aufbringen könnte. Also akzeptiert man die Preise. Und schon sitzt man in der Falle.

Gibt es denn keine Freundschaft zwischen den Frauen? Unterstützt man sich denn nicht gegenseitig? Etwa gegen die hohen Preise?

Sehr selten. Der Kampf im Milieu ist hart. Es geht nur ums Geld. Das ist auch der Grund, wieso ich den ersten Club, wo ich gelandet bin, auch nach knapp einem Monat verlassen habe.

Wo bist du hin?

Während Corona florierten die privaten Bordelle. Die Masche: Man mietet fremde Wohnungen auf Airbnb oder Booking an. Dort gingen dann die Freier ein und aus. Extrem einfach und unfassbar schwierig für die Behörden, das nachzuvollziehen.

In solchen Wohnungen hast du auch gearbeitet?

Ja, da war alles bis ins Detail geregelt. Manche Mitarbeiterinnen organisierten die Freier per Telefondienst. Und schickten sie an die Adresse. Sobald der Freier ankam, schickte ich ein SMS mit der Nachricht «START» an meinen Arbeitgeber. Am Ende ging ein SMS mit «STOP» raus. Und am Abend kam ein Fahrer vorbei und nahm mir die Hälfte der Einnahmen ab. Alles mitten in den schmucken Häusern von Zürich.

Wie lange hast du so gearbeitet?

Einige Monate. Dann ging es nicht mehr. Ich bin zurück in einen Club. Hatte dort ein Zimmer mit fünf weiteren Frauen, Stockbetten, Metallschränke. Ich selbst schlief auf einer Strohmatratze auf dem Boden und einer dünnen Decke – im Oktober in Zürich. Ich fühlte mich wie im Gefängnis.

Bis zu 1000 Franken die Woche zahlen Frauen für ein Zimmer an der Langstrasse. (Symbolbild)
© Keystone

Du beschreibst es als Gefängnis. Hast du den Beruf nicht auch freiwillig, des Geldes wegen gemacht? Nach deiner Ankunft in Zürich hättest du ja etwas anderes machen können, oder nicht?

Versetz dich mal in meine Situation: Du kommst mit ein paar Euros oder sogar Schulden bei deinen Zuhältern in eine der teuersten Städte der Welt. Kennst niemanden, hast keine Ausbildung, keine Wohnung, niemanden, der dir hilft. Und das einzige, was du je gelernt hast, ist es, mit Sex Geld zu verdienen. Dann denkst du dir: Komm, mach das nur ein paar Wochen oder Monate und danach hast du genug Geld, um auszusteigen. Leider ist das fast unmöglich. Sobald du reinrutschst, haben sie dich. Mit Mieten und Abgaben, mit Erpressung und Gewalt.

Gibt es deiner Meinung nach Frauen, die freiwillig in dieser Branche arbeiten?

Nur die allerwenigsten. Immer ist irgendwo eine Notsituation, die sie zu diesem Schritt zwingt. Armut, ein krankes Familienmitglied daheim, das Geld braucht, ein gewalttätiger Mann. Wer sollte das denn freiwillig machen wollen? Wenn ich Lust auf Sex hätte, dann könnte ich doch in einen Club gehen und mir dort jemanden suchen. Und nicht mit wildfremden Männern schlafen, die sonst was von mir wollen. Es gibt keine Frau, die es mag, sich zu prostituieren.

Wir haben über Clubbesitzer und Vermieter gesprochen. Wie waren die Freier zu dir?

Schrecklich. Ganz ehrlich: Ich war nicht lange in der Schweiz, aber ich habe noch nie solche  Männer gesehen wie hier in Zürich. Die schlimmsten Fantasien, die widerlichsten Wünsche. Und die allerschlimmsten sind nicht jene, die vielleicht wenig Geld haben. Die allerschlimmsten sind die reichen Zürcher Manager. Weil die wissen: Die können sich mit ihrem Geld alles leisten, alles kaufen.

Beginnt man nicht, die Stadt und ihre Bürger zu hassen?

Ja, doch. Anfangs bin ich durch Zürich gegangen, wusste, dass hier Leute leben, die Geld haben. Und ich selbst bin nichts wert, dachte ich. Heute gehe ich durch die Bahnhofstrasse und kann nur noch lachen. Dann denke ich mir: Ich kann euch alle nicht mehr ernst nehmen. Eine  Parallelgesellschaft.

Und was machst du heute?

Der Verein Heartwings hat mir geholfen, aus diesem Business auszusteigen. Heute wohne ich in einer Wohnung und gehe einer legalen Arbeit nach. Ich weiss noch, als ich den ersten Schritt in meine Wohnung gemacht habe. Ich habe fast geweint und mir gedacht: «Wahnsinn. Ich hab meinen eigenen Kühlschrank.» Ich bin endlich nicht mehr abhängig von skrupellosen Männern, Clubs oder Laufhäusern. Ich verdiene mein eigenes Geld und keiner kann mir das wegnehmen.

*Name von der Redaktion geändert

Quelle: ZüriToday
veröffentlicht: 18. März 2022 21:22
aktualisiert: 20. März 2022 15:10
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