Landwirtschaft

Rekordhohe Verbote von Pestiziden

6. September 2020, 07:52 Uhr
Der Druck der Öffentlichkeit gegen den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln steigt. (Symbolbild)
© Keystone Christian Beutler
Seit Anfang Jahr hat der Bund über 30 gefährliche Wirkstoffe verboten. Das sind mehr als je zuvor im gleichen Zeitraum. Grund dafür: Einerseits zieht die Schweiz der EU nach. Andererseits steigt aber auch der Druck aus der Bevölkerung.

Das Bundesamt für Landwirtschaft hat seit Anfang Jahr 33 gefährliche Pflanzenschutzmittel verboten, wie ein Sprecher gegenüber der «NZZ am Sonntag» sagt. Die Verbote sind auf der einen Seite eine Folge davon, dass die EU viele der Pestizide schon seit Jahren aus dem Verkehr gezogen hat und die Schweiz in diesem Bereich nun nachzieht. Auf der anderen Seite steigt jedoch auch der öffentliche Druck gegen die Verwendung von Pflanzenschutzmittel. Das Bundesamt für Landwirtschaft bestreitet zwar diesen zweiten Zusammenhang, gemäss der NZZ vermuten dies aber gut informierte Fachleute.

Strengere Zulassungsverfahren gefordert

Daneben fordern auch Kantone vom Bund weitergehende Massnahmen: «Im Bereich der Pestizide braucht es mehr Vorsorge», sagt etwa Kurt Seiler, Schaffhauser Kantonschemiker und Leiter des Interkantonalen Labors, das in drei Ostschweizer Kantonen für den Umweltschutz zuständig ist gegenüber der NZZ. «Deshalb verlangen die Kantone vom Bund seit Jahren ein strengeres Zulassungsverfahren für Pflanzenschutzmittel.»

Die Zulassungsstelle berücksichtige die Auswirkungen eines Wirkstoffs auf das Grundwasser und die Fliessgewässer viel zu wenig. «Letztlich müssen die zuständigen kantonalen Ämter auslöffeln, was ihnen die Zulassungsstelle eingebrockt hat», hält Seiler fest.

Zwei Initiativen wollen mehr Schutz

Die sogenannte Trinkwasser-Initiative verlangt unter anderem, dass der Bund Direktzahlungen nur noch an diejenigen Bauern ausrichtet, die auf chemisch-synthetische Pestizide verzichten. Initiantin Franziska Herren sagt dazu in der NZZ: «Die Rückstände der Pestizide und ihrer Abbauprodukte bleiben jahrelang, ja jahrzehntelang in unserem Wasser. Sauberes Wasser aber ist das wichtigste Gut der Schweiz.»

Die zweite Initiative – die Pestizid-Initiative – fordert gar den völligen Verzicht auf chemisch-synthetische Pflanzenschutzmittel. «Sie sind per Definition für verschiedene Organismen und in unterschiedlichem Masse auch für den Menschen hochgiftig», sagt Natalie Favre, Sprecherin der Initiative.

Zwei Bauern im Streitgespräch

Zu den Themen Trinkwasser und Pestizide hat der SonntagsBlick zwei Bauern zum Streitgespräch getroffen: Ernst Frischknecht (81), Biobauer und Ökopionier, sowie Andreas Buri (55), konventioneller Bauer und Vizepräsident des Zürcher Bauernverbands. Frischknecht, der seinen Hof vor 48 Jahren auf Bio umgestellt und seither kein Gramm Pestizid mehr gespritzt hat, ist überzeugt: Die Bauern brauchen keine Pestizide, wenn sie stattdessen selber mehr tüfteln und ausprobieren, was ihr Boden benötigt. «Die Bauern müssen schlauer werden», sagt er. «Sie müssten merken, dass in der Gesetzgebung die chemische Industrie ein riesiges Gewicht hat.» Natürlich sei eine Landwirtschaft ohne Pestizide möglich, räumt Andreas Buri ein. Die Konsequenzen wären aber dramatisch: weniger einheimische Lebensmittel, weniger Verarbeitungsbetriebe, weniger Arbeitsplätze. Gleichzeitig müsste die Schweiz mehr Nahrungsmittel aus dem Ausland importieren. «Wobei wir keinerlei Kontrolle haben, wie diese produziert werden», sagt Buri.

(kra)

Quelle: PilatusToday
veröffentlicht: 6. September 2020 07:07
aktualisiert: 6. September 2020 07:52