Vorwürfe der Kinderarbeit

Rohstoffkonzern Glencore geht gerichtlich gegen KVI-Initianten vor

25. November 2020, 17:14 Uhr
Der Glencore-Hauptsitz in Baar.
© Maria Schmid (11. Dezember 2019
Die Behauptung, Glencore beschäftige Minderjährige, lässt der Rohstoffkonzern nicht ohne Widerspruch stehen.

Im Endspurt des Abstimmungskampfes um die Konzernverantwortungsinitiative schenken sich die beiden Seiten nichts. Nun wehrt sich der Baarer Rohstoffkonzern Glencore gerichtlich gegen die Behauptungen der Initianten, wonach in der bolivianischen Glencore-Mine Porco «Minderjährige unter unmenschlichen Bedingungen Zink, Blei und Silber abbauen». So stand es auf einem Flyer der Initianten, der in den letzten Tagen die Schweizer Haushalte erreichte. Auf dem Flyer und auf der eigenen Internetseite titeln die Initianten: «Minderjährige schuften in Glencore-Mine.»

Glencore hat deshalb beim Obergericht des Kantons Zug ein Verfahren um super-provisorische und vorsorgliche Massnahmen eingeleitet, wie eine Glencore-Sprecherin auf Anfrage bestätigt. «Mit dem Begehren wollen wir erreichen, dass die Initianten die falschen Behauptungen zu Kinderarbeit in Bolivien von ihrer Webseite löschen müssen und nicht weiter verbreiten dürfen. Mit dem Vorwurf der Kinderarbeit sind die Initianten zu weit gegangen.» Zur Wahrung seiner Rechte habe das Rohstoffunternehmen noch diese Woche reagieren müssen. Man habe diesen Schritt zum Schutz der Mitarbeitenden und des Rufs der Firma eingeleitet, so die Glencore-Sprecherin.

In seiner Verfügung vom Dienstag, 24. November 2020 hatte der Einzelrichter am Obergericht des Kantons Zug in einem ersten Schritt dem Verein Konzernverantwortungsinitiative zunächst das Recht auf eine Stellungnahme eingeräumt und davon abgesehen, ein Superprovisorium zu erlassen, da «es nicht mehr möglich ist, zu verhindern, dass die genannten Publikationen bereits einem breiten Publikum zur Kenntnis gebracht worden sind». Die Verfügung spricht zwar von «schwerwiegenden» und «durchaus polemischen» Vorwürfen, enthält aber keine Angaben darüber, ob das Gericht die strittigen Vorwürfe für begründet hält oder nicht.

Glencore-CEO: «Wieso sollten wir Kinder beschäftigen?»

Grundlage für die Aussage der Initianten war eine Recherche der Nichtregierungsorganisation Public Eye, welche kürzlich auf ihrer Facebook-Seite schrieb: «NEUER SKANDAL: In einer bolivianischen Mine herrschen unmenschliche Arbeitsbedingungen. Glencore kauft einen grossen Teil der Mineralien und verschliesst die Augen vor Unfällen, Kinderarbeit und Umweltschäden.» In einer Medienmitteilung schrieb Public Eye, Glencore wäre bei einer Annahme der Konzerninitiative gezwungen, «alles in seiner Macht Stehende zu tun, damit in Porco keine Minderjährigen schuften und es nicht mehr zu vermeidbaren, oft tödlichen Unfällen kommt». Glencore betont allerdings, das Begehren richte sich nicht gegen Public Eye, sondern lediglich gegen den Verein Konzernverantwortungsinitiative, da die Behauptungen der Initianten weiter gingen als diejenigen von Public Eye.

Glencore hatte sich in den letzten Tagen bereits mit einer breit angelegten Inserate-Kampagne gegen die Vorwürfe gewehrt – ein Novum für den Konzern, der erst in jüngster Zeit kommunikativ in die Offensive gegangen ist. In einer Stellungnahme schrieb Glencore, man toleriere keine Kinderarbeit: «Unsere Minen in Bolivien beschäftigen keine Minderjährigen und setzen das globale Gesundheits- und Sicherheitsprogramm von Glencore um.»

Dem «Sonntagsblick» sagte CEO Ivan Glasenberg kürzlich, die Nichtregierungsorganisationen würden die Glencore-Mine absichtlich mit jenen der staatlichen Bergbau-Kooperativen vermischen. «Diese Bergbau-Koopera­tiven stehen nicht unter unserer Kontrolle. Unsere Porco-Mine verschmutzt keine Gewässer. Und ich kann Ihnen mit hundertprozentiger Sicherheit sagen: Wir beschäftigen keine Kinder. Das sind Lügen!», so Glasenberg. Kinderarbeit mache auch überhaupt keinen Sinn: «Wieso sollten wir Kinder beschäftigen? Um ein paar Dollar einzusparen? Das wäre einfach nur dumm. Wir sind ein 40-Milliarden-Dollar-Konzern. Unser grösster Kostenblock sind die Maschinen», so Glasenberg.

Stellungnahmen der Initianten und von Public Eye stehen noch aus.

Quelle: CH Media
veröffentlicht: 25. November 2020 11:00
aktualisiert: 25. November 2020 17:14