Kein Nachholeffekt

Spitäler wegen verpasster Eingriffe in Erklärungsnot

6. September 2020, 09:23 Uhr
Offenbart Corona die Überversorgung im Spital? (Symbolbild)
© Philipp Schmidli
«Der erwartete Aufholeffekt nach der Lockdown-Phase ab 27. April ist bis Ende Juni nicht erkennbar», schrieb jüngst der Spitalverband H+. Das wirft nun bei den Gesundheitspolitiker Fragen aus: Offenbart Corona die Überversorgung im Spital?

Ein Eingeständnis der Spitäler ruft Gesundheitspolitiker auf den Plan. «Der erwartete Aufholeffekt nach der Lockdown-Phase ab 27. April ist bis Ende Juni nicht erkennbar», schrieb jüngst der Spitalverband H+. Diese Feststellung sorgt nun für Stirnrunzeln: «Der Schluss liegt nahe», sagt CVP-Nationalrätin Ruth Humbel gegenüber der «NZZ am Sonntag», «dass viele der geplanten Eingriffe nicht nötig waren. Hätte man medizinisch etwas verpasst, würden die Patienten längst ihre Behandlungen einfordern.»

Humbel ist nicht allein mit dieser Analyse. Hat Corona also die Überversorgung im Gesundheitswesen ans Licht gebracht? Die Mitte-Fraktion fordert eine Analyse, inwiefern durch das Behandlungsverbot unnötige Eingriffe verhindert wurden.

Aber auch die Krankenkassen stutzen über die Medienmitteilung (wir berichteten) der Spitäler. «Wenn einige Eingriffe nicht nachgeholt werden, würde dies bedeuten, dass diese tatsächlich nicht notwendig waren», sagt Matthias Müller vom Verband Santésuisse gegenüber der NZZ am Sonntag.

Spitalverband weist Interpretationen zurück

Auf Anfrage der NZZ am Sonntag sagt die Direktorin des Spitalverbandes, Anne Bütikofer, man gehe auch für die Zeit seit Ende Juni nur von einem kleinen Nachholeffekt aus. Eine Überversorgung gebe es aber nicht: «Die Spitäler können nicht alle Behandlungen und Operationen nachholen, da sie schon im Normalzustand gut ausgelastet sind und nur wenig zusätzliche Kapazitäten haben.»

Die NZZ am Sonntag verweist jedoch auf eine aktuelle Studie im Auftrag des BAG, die besagt, dass durch medizinisch nicht notwendige Eingriffe ein Effizienzpotenzial von 16 bis 19 Prozent besteht. Man könnte also auf einen Teil der Behandlungen verzichten. Andere Experten schätzen diesen Anteil sogar noch höher ein.

Das aktuelle Ausbleiben des Nachholeffekts wird diese Diskussion in den Spitälern zusätzlich anheizen. Mit einer Motion verlangt Humbels Mitte-Fraktion, dass der Bundesrat unter anderem untersucht, inwiefern durch das Corona-Behandlungsverbot unnötige Eingriffe verhindert wurden. «Aus der Analyse müssen die Konsequenzen für die laufenden KVG-Reformen sowie für die Versorgungsplanung der Kantone aufgezeigt werden.»

(kra)

Quelle: PilatusToday
veröffentlicht: 6. September 2020 09:23
aktualisiert: 6. September 2020 09:23