Verzicht auf Behandlung – die Lösung des Corona-Problems? | PilatusToday
Tabuthema Tod

Verzicht auf Behandlung – die Lösung des Corona-Problems?

03.12.2020, 07:21 Uhr
· Online seit 03.12.2020, 07:13 Uhr
Immer wieder hört man die Aussage von Leuten aller Altersschichten, dass sie im Falle einer Corona-Erkrankung lieber auf eine Behandlung verzichten und im Notfall sogar sterben würden, anstatt weiter in Isolation auszuharren. Doch ist das überhaupt möglich?
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Kürzlich sagte mir eine Freundin: «Wenn man einfach auf einem Zettel ankreuzen könnte, ob man überhaupt wegen Corona behandelt werden will, wäre das Problem mit der Überlastung der Spitäler gelöst und das ganze Theater vorbei.» Man könne die Umfrage ja verteilen, wie bei den Abstimmungen. Für sie, noch nicht mal 30 Jahre alt, sei ein «Nein» glasklar. Und sie kenne genügend Leute, die es ihr gleichtun würden, um diese elende soziale Isolation und sowieso das ganze Massnahmen-Theater zu beenden.

Keine Behandlung, dafür wieder normal leben?

«Um einen solchen Entscheid fällen zu können, müssen wichtige Voraussetzungen erfüllt sein», meint Adrienne Hochuli, Doktorandin am Institut für Sozialethik der Uni Luzern. Zwingend sei ein selbstbestimmter Entscheid ohne zeitlichen, gesellschaftlichen oder anderweitigen Druck. Ausserdem müsse die betreffende Person vorgängig umfassend über die medizinische Situation im Erkrankungsfall, Möglichkeiten und Grenzen einer Behandlung sowie über die möglichen Folgen des Behandlungsverzichts aufgeklärt werden.

Ärzte sind verpflichtet, Leiden zu lindern und Sterbende zu betreuen

Die Vorstellung, dass man einen Behandlungsverzicht erklärt und dann «einfach stirbt», sei zu kurz gedacht und realitätsfremd. Auch wenn ein Patient auf eine Spitaleinweisung oder intensivmedizinische Behandlung verzichte, werde er oder sie nicht einfach sich selbst überlassen, sondern palliativmedizinisch begleitet. Im Zentrum stehe dabei die Symptomlinderung (z.B. bei Atemnot, Schmerzen, Angst).

Es wäre aber nicht möglich, von einem Arzt einfach Morphium zu verlangen, um friedvoll gehen zu können und dabei gleichzeitig das Personal zu entlasten. «Wenn der Arzt dies täte, wäre der Straftatbestand einer Tötung auf Verlangen gegeben», so Hochuli. 

Wie viel muss, soll, kann und darf die Medizin?

Nicht nur Otto Normalverbraucher, sondern auch mehrere Fachleute stellten bereits die Frage, ob die Massnahmen gegen die Ausbreitung der Corona-Pandemie gerechtfertigt sind, um die Leben zu retten, die zu retten sind. «Aufwand und Ertrag, die man sich bei jeder medizinischen Massnahme stellt, steht bei diesem Virus in keinem Verhältnis», sagte beispielsweise der Einsiedler Arzt Antoine Chaix Mitte Oktober gegenüber Tele 1. In einem Brief an den Bundesrat stellt er ausserdem die Frage, wie viel denn ein Menschenleben wert sei.

Ein Tabu-Thema, worüber man spätestens seit der Corona-Pandemie immer mehr zu diskutieren wagt. Die Krankenkassen-Prämien steigen in der Schweiz auch ohne Corona jährlich. Eine Trendwende ist nicht in Sicht. 2018 floss mehr als 10 Prozent des Schweizer Bruttoinlandprodukts (BIP) in die Gesundheitskosten. Damit sind wir einsame Spitze in Europa. Alles wird möglich gemacht, was möglich ist. Doch handelt die Spitzenmedizin wirklich im Sinne der Patienten? Der Hausarzt Antoine Chaix stellt das stark in Frage, denn in seinem Berufsalltag erlebe er es immer wieder, dass die treibende Kraft für solche Massnahmen oft nicht der betroffene Patient ist, sondern Kinder und Angehörige.

«Wir baden mit dieser (Corona-)Krise die Fehlentwicklungen unseres Gesundheitswesens schmerzlich aus», schrieb Chaix in seinem Brief. Es sei verständlich, dass man diese Maxime nicht plötzlich während einer Pandemie in Frage stellen könne. «In der aktuellen Situation ist jede zusätzliche Verunsicherung nur kontraproduktiv», meinte er schon im März. Doch sei es vielleicht ein Denkanstoss für die Zukunft.

veröffentlicht: 3. Dezember 2020 07:13
aktualisiert: 3. Dezember 2020 07:21
Quelle: PilatusToday

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