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Jagdsafaris in Afrika

«Viele glauben, dass wir Jäger einfach nur herumballern und Tiere quälen»

Chantal Gisler, 24. Mai 2021, 14:37 Uhr
Stephan Stamm ist Berufsjäger in Tansania und Südafrika und bietet Jagdsafaris an. Er versteht die Kritik an seinem Job, wünscht sich aber eine ausgewogene Diskussion. «Die Diskussionen sind sehr emotional. Man will uns nicht zuhören oder uns verstehen.»
Stephan Stamm ist Berufsjäger in Afrika.
© Zur Verfügung gestellt

Der Fall vom Liechtensteinischen Prinzen hat hohe Wellen geschlagen: Vor rund einer Woche erschoss Prinz Emmanuel von und zu Liechtenstein den wohl grössten Bären in Europa. Und das obwohl das Tier nicht auf der Abschussliste stand. Der Verdacht: Er wollte den Braunbären als Trophäe. Der Prinz betont, es sei alles rechtmässig abgelaufen. Aktivisten sehen das anders. Der Fall beschäftigt jetzt sogar die rumänische Staatsanwaltschaft. Aber wieso geht man überhaupt auf Trophäenjagd?

Einer, der es wissen muss, ist Stephan Stamm. Der in Zürich wohnhafte Basler ist Berufsjäger in Tansania und Südafrika. «Soweit ich weiss, bin ich der einzige Schweizer Berufsjäger in Afrika», sagt er. Er bietet sogenannte Jagdsafaris an. Ob Löwen, Leoparden oder Elefanten – hier kann man alles jagen. Auf seiner Facebookseite sieht man ihn mit toten Löwen, toten Büffeln und einem toten Elefanten. Der Account gibt Einblicke in sein Leben im Busch.

Stephan Stamm ist in Basel aufgewachsen. Sein Vater war Jäger und nahm ihn früh auf die Pirsch mit, irgendwann auch nach Afrika. «Die Jagd ist meine Passion und der Afrikanische Busch ist unglaublich faszinierend.» Lange war er Geschäftsführer einer Immobilienfirma in Basel. Immer wieder zog es ihn aber nach Afrika. «Ich habe die Jagdausbildung in Europa gemacht und später in Tansania die Berufsjägerausbildung.» Er zog sich mehr und mehr aus dem operativen Immobiliengeschäft zurück und gründete ein Jagdunternehmen, das Jagdsafaris anbietet und eigene Jagdgebiete in Tansania und Südafrika unterhält. «Mittlerweile bin ich die meiste Zeit in Afrika. Etwa zwei bis drei Monate im Jahr komme ich zurück in die Schweiz.»

Eine Gefahr für die lokale Bevölkerung

Oft sind die Jäger mehrere Tage unterwegs, immer auf der Pirsch. Sie lesen Spuren, beobachten und verfolgen die Tiere, bis sie sie erlegen. Viele hassen Stephan Stamm für das, was er macht. Oft wird er als Mörder und Tierquäler bezeichnet. Er versteht die Kritik an seinem Job. Aber: «Ich wünsche mir eine ausgewogene Diskussion.» Er nimmt sich gerne Zeit, um zu erklären, wieso er Tiere in Afrika jagt. «Es braucht diese Diskussion. Aber sie muss sachlich bleiben. Oft wird sie emotional geführt, ich komme gar nicht dazu, mich zu erklären.»

Seiner Ansicht nach tut er nichts Unrechtes. Vielmehr helfe er der lokalen Bevölkerung. «Löwen und Leoparden sind eine Bedrohung für die lokale Bevölkerung in ihrem Alltag.» Gleichzeitig ist die lokale Bevölkerung der Hauptfeind der Tiere, da sie einen Löwen oder Leoparden töten, wenn sie ihre Schafe und Ziegen schützen möchten. «Wir geben diesen Tieren einen Wert.» Wie meint er das? «Die lokale Bevölkerung hat mehr davon, wenn die Tiere von zahlenden Trophäenjägern erlegt werden und so Einnahmen für die lokale Bevölkerung sowie Arbeitsplätze geschaffen werden, als wenn sie die Tiere illegal selbst erlegen.» Der lokalen Bevölkerung sei es verboten, ohne bestimmte Genehmigungen sogenannte «Problemtiere» abzuschiessen.

Die Jäger auf der Pirsch. Stephan Stamm watet im Wasser.
© Zur Verfügung gestellt

Zum Vergleich: In der Schweiz wird vor allem gejagt, um den Bestand zu regulieren. Da Hirsche und Rehe ohne Wolf und Bären kaum natürliche Feinde haben, muss der Mensch eingreifen, damit es keine schädliche Überpopulation gibt. In Afrika ist das anders: Hier ist das Ökosystem intakt, es reguliert sich selbst. Wieso glaubt Stamm also, dass es Jäger wie ihn in Afrika braucht? «Das, was wir machen, hat auf den Bestand keinen Einfluss», erklärt Stamm und führt aus: «Wir jagen nur alte, männliche Tiere, die sowieso bald aus dem Lebenszyklus ausgeschieden wären und nicht mehr im Fortpflanzungsprozess sind. Wir leisten aber einen grossen Beitrag, um den Lebensraum der Wildtiere zu erhalten und die Wilderei zu bekämpfen.»

Teure Angelegenheit

Er erklärt, wie eine Jagd in Afrika funktioniert: «Ich lerne den Kunden vorher kennen, um seine Bedürfnisse und Ziele zu kennen. Bei den Behörden muss man eine Lizenz erwerben, um die Tiere jagen dürfen. Denn alle Tiere hier sind Staatseigentum. Danach kommt der Kunde hierher und wir gehen auf die Jagd. Das ist kein Ein-Tages-Ausflug sondern dauert in der Regel etwa zwei bis drei Wochen.»

Eine Jagd kostet zwischen 20'000 und 25'000 US-Dollar, es geht aber auch bis zu 100'000 US-Dollar. «Dafür hat man das Camp mit rund 15 Angestellten für sich alleine und wird von unserem Team begleitet. Dazu gehören zwei Fährtenleser, ein Fahrer, Stamm selbst und der Gast. Ausserdem ein Wildhüter vom Staat, der mitkommt und schaut, dass alles mit rechten Dingen zu geht.»

Die Crew rund um Stephan Stamm.
© Zur Verfügung gestellt

Sie schiessen mit einem sogenannten Mindestkaliber. Theoretisch wäre die Bogenjagd ebenfalls erlaubt. «Ich kann mittlerweile gut mit Pfeil und Bogen umgehen, aber bei der Jagd muss man extrem treffsicher sein. Daher verzichte ich darauf.» Die meiste Zeit ist man im Busch unterwegs, liest Fährten und schaut sich die Tiere genau an. Stamm muss sich ganz sicher sein, dass die Beute männlich und alt ist. Erst dann wird geschossen. «Die Tiere in Afrika haben einen anderen Instikt. Wenn sie verwundet sind, flüchten sie. Das ist ihr natürlicher Instinkt. Ganz anders als die Tiere, die wir hier kennen.» Raubkatzen sind ein gutes Beispiel: «Sie verstecken sich im dichten Gebüsch, man muss sie suchen.» Meist können sie der Fährte folgen. «Natürlich ist das oberste Ziel von jedem Jäger und Berufsjäger, ein Tier möglichst rasch und schonend zu erlegen.»

Nachdem das Tier erlegt ist, wird es ins Camp gebracht. Danach ist es Eigentum des Jägers. Er kann es ausstopfen lassen. Je nach Tierart wird es zubereitet, ein Festessen für die Jäger und Mitarbeiter des Camps. «Bei grossen Tieren wie Büffeln erhält die lokale Bevölkerung ebenfalls Fleisch, um ihre Familie zu ernähren. Sämtliches Fleisch wird verwertet.» Damit will man die Wilderei in den Griff bekommen. «Früher hat man vor allem wegen Elfenbein gewildert, heute ist es oftmals Fleischwilderei.» Mit den ausländischen Jägern und deren Beuten soll das abnehmen.

Strikte Regeln einhalten

«Viele glauben, dass wir Jäger einfach nur herumballern und Tiere quälen. Das stimmt ganz und gar nicht.» Stamm muss sich an strikte Regeln halten. «Zu Beginn der Saison sagt uns die Regierung, wie viele Tiere wir erlegen dürfen.» Dazu kommt: Auf jedem Jagdausflug ist jemand von der Regierung dabei, der nicht in die Jagd eingreift, aber schaut, dass alles mit rechten Dingen zu geht. Denn die Tiere und das Gebiet sind Staatseigentum. Ausserdem kann es vorkommen, dass man während einer Jagd kein Tier erlegt. «Ich betreue erfahrene Jäger. Diese Menschen wollen durch den Busch streifen, die Landschaft kennenlernen. Eine Trophäe zu schiessen, ist für sie das ‹Tüpfli auf dem i›», sagt Stamm. Ihm geht es vor allem um die Suche nach dem richtigen Tier, den Fährten folgen – das ist für ihn die grösste Faszination.

Wer sind die Kunden, die gerne nach Afrika auf die Jagd gehen? «Es sind vor allem Amerikaner, bei uns sind es durch meinen Background aus Europa mehr Europäer», sagt Stamm. «In Amerika hat die Afrikajagd eine ganz andere und grössere Tradition als beispielsweise in der Schweiz.»

Aber muss man die Tiere denn unbedingt töten? Würden nicht auch Fototouristen viel Geld einbringen? «Das gilt für gewisse Gebiete, die für Touristen leicht zugänglich sind und für Fototourismus gut geeignet sind», sagt Stamm. «Wir jagen im Busch und in sehr unwegsamen Gebieten, hier ist es nicht immer leicht, durchzukommen. Ausserdem hat man keine Garantie, dass man die Tiere sieht, die man unbedingt fotografieren möchte.» Er ist überzeugt: Für diese Gebiete ist die Jagd die beste Nutzungsform, um die Gebiete und somit die Lebensräume für die Wildtiere zu erhalten.

WWF vertritt ähnliche Haltung

Der WWF International vertritt hier eine ähnliche Haltung. Auf Anfrage verweist die Schweizer Geschäftsstelle auf eine Publikation des WWF International von 2016, in der sie sich eingehend mit der Trophäenjagd auseinander setzen. Sie beziehen sich auf die Landlebewesen, nicht auf die Tiere in der Unterwasserwelt. «Trophäenjagd, die auf klaren wissenschaftlichen Verständnis der Populationsdynamik basiert und klar geführt wird, hat sich als effizientes Werkzeug zur Erhaltung einiger Tiere in einigen Ländern erwiesen, inklusive gefährdeten Gattungen.»

Unter Einhaltung von strengen Regeln kann die Trophäenjagd so wie sie Stephan Stamm betreibt durchaus zur Erhaltung der Tierpopulation beitragen. Der WWF unterstützt die Trophäenjagd nur, wenn gewisse Konditionen eingehalten werden. Dazu gehört, dass die Population durch das Jagen nicht in ihrer Umgebung beziehungsweise in ihrem Ökosystem empfindlich gestört wird. Ein weiterer Punkt ist, dass die lokale Bevölkerung von der Jagd profitieren muss indem die Jäger auf die Natur Rücksicht nehmen und nur dort jagen, wo es kulturell und religiös akzeptiert wird.

Chantal Gisler
Quelle: PilatusToday
veröffentlicht: 24. Mai 2021 09:19
aktualisiert: 24. Mai 2021 14:37