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Algorithmen

Warum Google bei dir andere Resultate anzeigt als bei mir

Chantal Herger, 21. März 2021, 19:16 Uhr
Sie werden als Big Five bezeichnet: Amazon, Apple, Facebook, Google und Microsoft. Sie erleichtern unseren Alltag und doch stehen sie immer häufiger in der Kritik. Stein des Anstosses sind Algorithmen, die diese Dienste einsetzen, sowie der Umgang mit persönlichen Daten der Nutzer und Nutzerinnen.
Algorithmen sind allgegenwärtig in unserem Leben.
© GettyImages

Algorithmen sind exakt definierte Vorgehensweisen, um ein Problem zu lösen, wie uns Expertin Noemi Festic im Interview erklärt. Dadurch erleichtern sie unseren Alltag ungemein. Sie helfen uns, mit der überwältigenden Informations- und Angebotsflut zurechtzukommen, indem sie Inhalte filtern, aussortieren und schlussendlich die für uns relevantesten auswählen. «Entsprechend reduzieren Algorithmen hier die Komplexität und helfen uns dabei, das passende Paar Schuhe, das für uns beste Hotel für die nächste Reise oder potenzielle Dating-Partner zu finden», so Festic, die als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Zürich forscht.

Doch damit Algorithmen eigens zugeschnittene Informationen und gute Empfehlungen liefern können, benötigen sie ganz viele Daten – über unsere persönliche Situation und unsere Vorlieben. Und genau da lauern laut der wissenschaftlichen Mitarbeiterin die Gefahren: «Die grossen Datenmengen, die dafür notwendig sind, sind aus datenschutzrechtlicher Sicht problematisch: Nutzer und Nutzerinnen wissen oft nicht, wer ihre Daten wofür sammelt und an wen sie zu welchen Zwecken weitergegeben werden.»

Noemi Festic ist in Nidwalden aufgewachsen und hat am Kollegium St. Fidelis in Stans die Matura abgeschlossen. Danach begann sie ihr Studium in Kommunikationswissenschaften an der Universität Zürich. Seit August 2017 ist Noemi Festic wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Abteilung Medienwandel & Innovation, Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung (IKMZ) an der Universität Zürich. Diesen Sommer wird sie voraussichtlich ihren Doktortitel erhalten. Sie wohnt in Luzern.

© zVg

Vielfalt sinkt

Dazu kommt, dass Algorithmen lernen, was uns gefällt und was nicht. So werden «aufgrund einer fortschreitenden Personalisierung» häufig nur noch Inhalte angezeigt, die einem entsprechen. Die Vielfalt sinkt. Dies könne in einem aus gesellschaftlicher Sicht weniger schlimmen Fall dazu führen, dass uns Spotify immer ähnlichere Musik vorschlägt und dadurch der musikalische Horizont begrenzt werde, wie Festic erläutert. Problematischer wird es, wenn der gleiche Mechanismus auf politische Nachrichten angewendet wird. «Wir kommen schnell zum Schluss, dass ein solch personalisiertes Angebot in einer Demokratie, die vom Austausch unterschiedlicher Meinungen leben soll, nicht wünschenswert ist», sagt die gebürtige Nidwaldnerin.

Auch bei der Auswahl von Bewerberinnen für eine Arbeitsstelle oder bei der Berechnung des Rückfallrisikos von Straftätern seien Algorithmen problematisch. Der Grund dafür liegt in der Charakteristik der Algorithmen, die oft als eine Art Black Box funktionieren. Die Expertin erklärt dies so: «In aller Regel ist es nicht ersichtlich, auf Basis welcher Input-Informationen und Mithilfe welcher mathematischen Operationen Algorithmen zu ihren Ergebnissen gelangen, da es sich dabei um komplexe Prozesse handelt, die gerade bei kommerziellen Anbietern oft auch durch Geschäftsgeheimnisse geschützt sind.»

Sich den Algorithmen bewusst werden

Wichtig ist also laut Festic, dass sich die Internetnutzer über die Funktionsweise der Internetdienste und der verwendeten Algorithmen bewusst sind. Dass dies nicht der Fall ist, zeigte eine Studie der Abteilung, an der die Expertin arbeitet. 81 Prozent der Befragten wüssten nicht, dass ihre News Feeds auf Facebook von Algorithmen und nicht etwa von individuellen Angestellten zusammengestellt werden. Auch dass die Google-Suche nicht bei jeder Person die gleichen Ergebnisse ausspuckt, sei bei Weitem nicht allen bewusst. Obwohl – oder gerade weil – das Wissen über Algorithmen gering ist, würden sich viele Sorgen machen über den Einfluss auf ihr Leben. «Das Gefühl, dass wir die Kontrolle über unsere Daten im Internet und über Algorithmen verlieren, ist in der Schweiz allgegenwärtig», bilanziert die wissenschaftliche Mitarbeiterin, die voraussichtlich im Sommer ihr Doktorat abschliessen wird.

Cookies löschen hilft

Trotzdem: Es gibt auch Lichtblicke. Ein beträchtlicher Teil der Internetnutzerinnen ergreife Massnahmen, «um sich vor möglichen Gefahren zu schützen, indem sie beispielsweise regelmässig Cookies löschen oder bewusst auf die Nutzung gewisser Dienste verzichten», so Festic. Unter anderem deshalb darf man die Gefahr durch Algorithmen nicht überschätzen, sondern muss die Risiken differenziert betrachten.

Für die Expertin ist darum vor allem eines wichtig: das allgemeine Bewusstsein über die algorithmische Selektion zu steigern. Es sei viel Aufklärungsarbeit nötig und zwar in allen gesellschaftlichen Gruppen. Noch sind laut Festic aber viele Fragen bezüglich Algorithmen zu klären: Wie sollen Online-Anwendungen, die Algorithmen verwenden, reguliert werden? Wer ist dafür zuständig? Was sind geeignete Massnahmen und wie können diese durchgesetzt werden?

Der baldigen Doktorin Noemi Festic wird der Stoff für ihre Forschung so schnell nicht ausgehen.

Quelle: PilatusToday
veröffentlicht: 21. März 2021 18:35
aktualisiert: 21. März 2021 19:16