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Magersucht

Warum Menschen an Magersucht erkranken: Ein Experte klärt auf

Chantal Herger, 10. März 2021, 06:12 Uhr
Ein mangelndes Selbstwertgefühl, genetische Faktoren sowie das familiäre Umfeld spielen bei Magersucht eine grosse Rolle. Im Interview rät Wilhelm Komm, Leitender Arzt Luzerner Psychiatrie, wie das Umfeld einer Betroffenen helfen kann, aus dem Teufelskreis herauszukommen.
3,5 Prozent der Schweizer Bevölkerung sind laut BAG im Laufe ihres Lebens von einer Essstörung betroffen. (Symbolbild)
© GettyImages

Welche Personen sind besonders gefährdet, an Magersucht zu erkranken?

Dr. med. Wilhelm Komm, Leitender Arzt Luzerner Psychiatrie: Magersucht sollte als eine durchaus schwere psychiatrische Erkrankung angesehen werden. Sie weist im jungen Alter ein potenzielles Risiko für eine erhöhte Sterblichkeit auf.  Bei der Entwicklung von Essstörungen spielen psychologische, genetische sowie biologische Faktoren unter Einfluss sozio-kultureller Aspekte, wie das familiäre Umfeld eine grosse Rolle. Unter diesem Einfluss kann sich gegebenenfalls ein mangelndes Körper- und Selbstwertgefühl entwickeln, wodurch sich vor allem Mädchen oder junge Frauen empfänglich für einen gesellschaftlichen Normendruck zum Beispiel Schlankheitsideale zeigen.

Ein geringes Selbstbewusstsein und Überangepasstheit können in der Folge dazu verleiten fraglichen Idealen zu entsprechen und abzunehmen. Es werden dann häufig Diäten versucht. Damit ist die Gefahr gegeben, schliesslich auch eine Essstörung zu entwickeln.

Weiterhin begünstigend auf die Entwicklung einer Essstörung wirken zum Beispiel ein unsicherer Bindungsstil, emotionaler oder sexueller Missbrauch, Grenzverletzungen, Perfektionismus, Kontrollzwang und Unsicherheit/Ängstlichkeit.

Welche Ursachen kann Magersucht haben?

Komm: Dysfunktionale zum Beispiel restriktive Kommunikations- und Verhaltensmuster im familiären Umfeld wie beispielsweise Essen als Strafe oder Belohnung wirken begünstigend, ebenso gestörte Beziehungsmuster, sowie kritische Kommentare zur Figur, zum Essverhalten. Lebensereignisse, beispielsweise Trennungen im Elternhaus können Auslöser sein.

Wie kommt man als Betroffene wieder aus der Sucht? Welche Schritte sind wichtig und nötig? Was kann die Medizin hier leisten?

Komm: Magersucht kann je nach Schwere beziehungsweise Verlauf grundsätzlich in drei verschiedenen Settings behandelt werden: ambulant, teilstationär, stationär.

Eine Behandlung erfolgt vielfach langfristig über Monate, manchmal auch Jahre. Der Grad der Gefährdung entscheidet mit über das jeweils erforderliche Setting. Eine Behandlung erfolgt primär psychotherapeutisch unter Beachtung der körperlichen Symptomatik sowie ernährungsmedizinisch.

Ziel der Behandlung sollte grundsätzlich sein ein angemessenes Körpergewicht unter Berücksichtigung von Alter und Grösse zu erreichen. Hierbei gilt es die körperlichen Folgen von chronischem Untergewicht bei gestörtem Essverhalten mit zu behandeln und eine Gefährdung abzuwenden. Psychiatrische und somatische Komorbiditäten (Begleiterkrankungen, Anm.d.R.) müssen erkannt und behandelt werden. In einer langfristigen psychotherapeutischen Begleitung werden die dem Störungsbild zugrunde liegenden Schwierigkeiten ganzheitlich soziopsychiatrisch therapeutisch behandelt

Wie kann man als Familie und Freunde die betroffene Person unterstützen?

Komm: Interpersonelle Schwierigkeiten im Familiensetting oder im Freundeskreis sind häufig. Therapeutisch versucht man solche Schwierigkeiten im Kommunikations- und Interaktionsmuster zu erkennen und zu berücksichtigen. Je nach Beziehungsmuster ist es meistens fördernd, die Familie mit einzubeziehen. Zu empfehlen sind Aufmerksamkeit der Familie oder der Peergroup gegenüber signifikanten Änderungen des Gewichts, des Essverhaltens (zum Beispiel häufige Diäten), Stimmungschwankungen beziehungsweise Entwicklung von depressiven Symptomen, Ängsten, oder auffallend zwanghaftem Verhalten, ebenso bei einer Beobachtung von Überbewertungen von Figur und Gewicht. Schuldfragen und Vorwürfe sollten vermieden werden, Bedürfnisse sollten ernst genommen werden. Offenheit für Gespräche anbieten, bei Verdacht Arzt/Beratung aufsuchen, nicht auf Bagatellisierungen eingehen, Diskussionen über Essen, Figur, Gewicht vermeiden, gemeinsame Aktivitäten planen.

*Das Interview wurde schriftlich geführt.

Quelle: PilatusToday
veröffentlicht: 10. März 2021 14:54
aktualisiert: 10. März 2021 06:12