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Verkehr

Weltweit grösster Test in der Schweiz – das taugt Mobility-Pricing wirklich

4. Oktober 2021, 11:43 Uhr
Mobility Pricing dürfte zu einer signifikanten Reduktion der volkswirtschaftlichen Kosten führen. Darauf deutet ein achtwöchiges Feldexperiment in Schweizer Ballungsräumen mit rund 3700 Personen hin.
Stau in der Zürcher Weststrasse: Mit Mobility Pricing liessen sich Verkehrsspitzen glätten. (Archivbild)
© KEYSTONE/GAETAN BALLY

Schadstoff- und Treibhausgasemissionen, Lärm, Stau, Sitzplatzmangel, Gesundheitskosten sowie Betriebs- und Unterhaltskosten: Der Verkehr und die Mobilität verursachen eine ganze Reihe externer Kosten. In der Schweiz sind das Lasten in Milliardenhöhe, die nicht die Verursachenden sondern die Allgemeinheit trägt.

Mit dem sogenannten Mobility Pricing, welches das Mobilitätsverhalten der Bevölkerung auf Strasse und Schiene mittels Abgaben steuern will, liessen sich die Prinzipien der Kostenwahrheit und des Verursacherprinzips erfüllen. Dieser Ansatz erwies sich im Feldversuch denn auch als wirkungsvoll und technisch machbar: Die Bepreisung und der damit verbundene finanzielle Anreiz führte zu einer signifikanten Reduktion der externen Kosten um 5,1 Prozent.

Und: Es gebe eine Reihe von Argumenten, die langfristig grössere Effekte erwarten liessen als in diesem achtwöchigen Experiment, sagte Studienerstautor Beat Hintermann von der Universität Basel gemäss einer Mitteilung der Hochschule vom Montag.

Grösste solche Studie weltweit

Im Auftrag des Bundesamts für Strassen (Astra) führten Forschende der Universität Basel, der ETH Zürich und der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) ein Experiment mit rund 3700 Personen in den Ballungsräumen der Romandie und der Deutschschweiz durch, die das Auto an mindestens zwei Tagen pro Woche nutzten. Es handelt sich dabei gemäss der Universität Basel um die grösste Studie dieser Art weltweit.

Die Forschenden teilten die Probandinnen und Probanden, deren Verkehrsverhalten eine App erfasste, in drei Gruppen ein: Eine Gruppe wurde wöchentlich über die von ihnen verursachten Kosten informiert und mit Tipps versorgt, wie sie diese reduzieren könnten. Die zweite Gruppe erhielt dieselben Informationen. Zudem wurden ihr die externen Kosten von einem individuellen Transportguthaben abgezogen, mit der Aussicht, dass ihnen der eingesparte Betrag am Ende der Studie ausbezahlt wird. Die dritte Gruppe diente als Kontrolle.

Das Resultat: Die Pricing-Gruppe passte ihr Verkehrsverhalten - trotz unveränderter zurückgelegter Gesamtdistanz - an. Sie hielten die Kosten tiefer, indem sie andere Routen wählten, ihre Abfahrtszeit anpassten und auf andere Verkehrsmittel auswichen. Den Effekt beobachteten die Forschenden insbesondere bei denjenigen Personen, die die Definition von «externen Transportkosten» korrekt verstanden hatten. Zudem führten Informationen allein nicht dazu, dass die Teilnehmenden ihr verhalten veränderten.

Politische Mehrheit möglich

Eine Befragung unter den Studienteilnehmenden deutete darauf hin, dass die Bepreisung des Verkehrs prinzipiell eine politische Mehrheit finden könnte. Den Autoren zufolge könnte sich dies demnach als ein effektives Instrument erweisen, um Verkehrsspitzen zu glätten und den Verkehr nachhaltiger zu gestalten.

Der Bundesrat schaffte im Februar 2021 die Grundlage, damit Kantone und Gemeinden ab 2024 Pilotversuche zu Mobility Pricing durchführen können. Das Gesetz soll auf zehn Jahre befristet sein und erlauben, neuartige Preissysteme zur Beeinflussung der Verkehrsnachfrage und des Mobilitätsverhaltens auf Strasse und Schiene zu erproben. Während die SVP und der TCS ein Mobility Pricing, wie es der Bundesrat vorsieht, ablehnen, befürworten alle anderen grossen Parteien zumindest Pilotprojekte.

Quelle: sda
veröffentlicht: 4. Oktober 2021 09:05
aktualisiert: 4. Oktober 2021 11:43