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Religion

Wiborada - Die Stadt St. Gallen entdeckt ihre Heilige neu

18. Mai 2021, 11:19 Uhr
Vor über 1000 Jahren lebte Wiborada in St. Gallen bei der Kirche St. Mangen als Inklusin freiwillig eingemauert in einer Zelle. 1047 wurde sie als erste Frau vom Papst heiliggesprochen. Trotzdem ist Wiborada relativ unbekannt - das soll sich jetzt ändern.
Wie einst die Heilige Wiborada: Theologin Hildegard Aepli als Inklusin in der Zelle bei der Kirche St. Mangen in St. Gallen - fotografiert durch ein Fenster aus dem Kircheninnern.
© Hildegard Aepli

Sieben Frauen und drei Männer lassen sich bis zum 3. Juli jeweils für eine Woche in einer kleinen Holz-Klause an der reformierten Kirche St. Mangen einschliessen. Die ungewöhnliche Aktion gehört zum ökumenischen Programm «Wiborada2021» mit Vorträgen, Führungen und Ausstellungen, das die City-Seelsorge der katholischen Kirche St. Gallen zusammen mit Partnern organisiert hat.

Die Frauen und Männer wollen dem Leben und Wirken Wiboradas nachspüren und an diese ungewöhnliche Frau erinnern. Wiborada lebte gemäss Überlieferung zehn Jahre lang als Inklusin bei der Kirche. Bis zu ihrem Tod im Jahr 926 blieb sie eingemauert, durch je ein Fenster mit der Kirche und der Aussenwelt verbunden. Sie empfing viele Ratsuchende, darunter auch Mönche des Klosters St. Gallen.

«Dank diesem Kontakt und den Visionen der Heiligen wurden die Stadtbevölkerung, der Klosterschatz und die Stiftsbibliothek beim Einfall der Ungarn gerettet», schreiben die Organisatorinnen von Wiborada2021. Die Inklusin harrte in ihrer Zelle aus und bezahlte mit ihrem Leben. Sie wurde später zur Schutzpatronin der Bücher und Bibliotheken.

Vergessene Frauen-Geschichte

In St. Gallen erinnern heute ein bescheidener Brunnen und eine unscheinbare Treppe in der Nähe von St. Mangen an Wiborada. Eine Strasse oder einen Platz mit ihrem Namen gibt es aber nicht. Die dritte Stadtheilige neben Gallus und Otmar fristet in St. Gallen mit seinem Stiftsbezirk-Weltkulturerbe ein Schattendasein.

Das sei ein «Skandal», findet die Theologin Hildegard Aepli, Initiantin des Wiborada-Projekts. Die St. Galler Inklusin stehe beispielhaft für viele vergessene Frauen-Geschichten. Ein Grund dafür könnte sein, dass Wiboradas Grab in der Zeit der Reformation geräumt worden sei. Man wollte damals keine Heiligen mehr.

Vorher sei das Grab ein Wallfahrtsort gewesen. «St. Gallen war ein blühendes Zentrum der Inklusion und der Frauen-Spiritualität.» Die Theologin hofft, dass jetzt mit den Wiborada-Aktivitäten wieder etwas davon auflebt, wie Aepli der Nachrichtenagentur Keystone-SDA erklärte.

«Erschütternde Erfahrung»

Aepli verbrachte als erste moderne Inklusin eine Woche in der eigens für das Projekt gebauten Holz-Klause. Das sei für sie eine «nachhaltige, tiefschürfende, erschütternde Erfahrung» gewesen, sagt sie.

137 Personen kamen zu festgelegten Zeiten ans Fenster, darunter Bekannte, aber auch fremde Menschen. Viele von ihnen wollten ganz direkt eine Sorge, eine Not oder ein Anliegen erzählen. Andere brachten Nussgipfel, Crèmeschnitten oder Blumen. Jemand habe ihr berichtet, dass es auch Kritik an der Aktion gebe, sagt Aepli.

Die Initiantinnen schrieben in einer Medienmitteilung über ihr Projekt, dieses möge in der Corona-Zeit, die für Menschen weltweit unfreiwilliges Eingeschlossensein bedeute, vielleicht zynisch wirken. Die Auseinandersetzung mit Wiborada, gerade unter den Vorzeichen von Covid-19, lade aber auch ein, «über Freiheit und Eingeschlossen-Sein tiefer nachzudenken».

www.wiborada2021.ch

Quelle: sda
veröffentlicht: 18. Mai 2021 11:15
aktualisiert: 18. Mai 2021 11:19