«Gender data gap»

Wie Frauen in den Statistiken vergessen gehen und wo dies gefährlich werden kann

Livia Barmettler, 8. März 2022, 13:36 Uhr
Was haben Smartphones, Autos und öffentliche WCs gemeinsam? Es sind Alltagsdinge und sie sind für den Mann designed. Weil: Mann = Standardmensch. Noch immer. Dies gilt es zu hinterfragen. Heute erst recht. Heute, am Internationalen Frauentag.

Seit über 100 Jahren steht der 8. März ganz im Zeichen der Frauen und ihres Kampfes um Gleichberechtigung. Dass diese auch 2022 noch nicht erreicht ist, wird bereits dann klar, wenn man einen kurzen Blick auf das alltäglich Leben wirft. Ob auf dem öffentlichen WC, beim Kauf eines Smartphones oder beim Arzt: Der Mann gilt als Standardmensch und Frauen müssen sich damit arrangieren.

Von langen Schlangen vor dem Frauen-WC... 

Die Konsequenz reicht von kleinen Alltagsmiseren bis zu lebensbedrohlichen Situationen. Um eines der harmloseren Beispiele zu nennen: Die öffentlichen Frauen-WCs. Sie sind flächenmässig in der Regel gleich gross, wie die Männer-WCs. Bei der Planung wurde und wird noch immer ignoriert, dass mehr Männer auf derselben Fläche urinieren können, weil sie sowohl Kabinen wie auch die platzsparenden Pissoirs nutzen können. Zudem brauchen Frauen laut einer Studie im Schnitt rund 2.3 Mal länger auf dem WC. Dies kommt nicht von ungefähr: Ausziehen, hinsetzen, Tampon wechseln. Auch wenn die Wissenschaft diese Tatsache bereits 1991 transparent gemacht hat, wurde sie bei der Planung öffentlicher WCs weitestgehend ignoriert. Die Folge davon: Ellenlange Schlangen vor dem Frauen-WC.

... über lebensgefährliche Fehldiagnosen ...

Anstehen vor dem WC, auf den Zehenspitzen nach dem Müsli im obersten Regal tasten oder die Jacke im Büro überziehen, weil die Temperatur für Frauen oft zu niedrig eingestellt ist – zwar umständlich, aber tragbar. Kritischer ist es dann, wenn Frauen in der Medizin unterrepräsentiert sind. Wenn Frauen Medikamente kriegen, die ausschliesslich an Männern getestet wurden. Wenn Krankheitssymptome auf Männerdaten basieren und so zu Fehldiagnosen bei Frauen führen. Beispiel Herzinfarkt: Erst vor wenigen Jahren haben Forschende entdeckt, dass Frauen nach einem Herzinfarkt mit höherer Wahrscheinlichkeit sterben als Männer. Als entscheidender Faktor gilt die Ignoranz gegenüber geschlechtsspezifischen Unterschieden und das fehlende Wissen gegenüber Symptomen von Frauen bei einem Herzinfarkt: Oft treten bei ihnen nicht die «typischen» Brustschmerzen, sondern etwa Bauchschmerzen, Übelkeit und Müdigkeit auf. Die Folge: Bei Frauen werden Herzinfarkte häufig übersehen oder fehldiagnostiziert.

... bis hin zu fatalen Sicherheitsrisiken 

Kritisch wird es nicht nur, wenn geschlechtsspezifische Unterschiede in der Medizin missachtet werden, sondern auch dann, wenn Auto-Crashtests ausschliesslich mit männlichen Dummies durchgeführt werden und somit die Fahrzeugsicherheit allein auf Männer ausgerichtet wird. Mit fatalen Folgen: Studien haben gezeigt, dass Frauen sich bei einem Autounfall im Vergleich zu Männern mit 48 Prozent höherer Wahrscheinlichkeit schwer und mit 71 Prozent höherer Wahrscheinlichkeit mittelschwer verletzen.

Datenlücke aka Gender data gap 

Die genannten Beispiele liegen der Gender data gap zugrunde, der Datenlücke, der Tatsache, dass Frauen in den Daten vergessen gehen. Insbesondere das Buch «Unsichtbare Frauen» der britischen Journalistin Caroline Criado-Perez hat die Gender data Gap in den gesellschaftlichen Diskurs gebracht. In ihrem Buch verweist sie auf unzählige wissenschaftliche Studien, die unterstreichen, wie die Frauen in der Wissenschaft vergessen gehen.

Wir haben mit Gleichstellungsexpertin Gesine Fuchs über das Thema gesprochen. 

Gesine Fuchs ist Expertin für Gleichstellungs- und Sozialpolitik an der Hochschule Luzern

© HSLU

Wir leben in einer Welt, die auf Männerdaten basiert. Wahr oder falsch?

Gesine Fuchs: Die vorherrschende Sicht auf die Welt ist oft eine, die Erfahrungen und Positionen von Männern privilegiert, ja. Das spiegelt sich dann darin wider, was erforscht wird, welche Daten gesammelt und wo Probleme benannt werden können.

Die Kritik an der Gender data gap wird immer lauter – tut sich in der Wissenschaft etwas?

Gesine Fuchs: Grundsätzlich gehört die Frage «Mann oder Frau» heute zu jeder Datenerhebung dazu. Das Problem: Häufig wird aber gar nicht nach Geschlecht ausgewertet. Teils auch, weil es der Geldgeber nicht verlangt. Und so gehen wichtige geschlechtsspezifische Erkenntnisse verloren.

Wird einfachheitshalber darauf verzichtet, die Geschlechter bei der Auswertung zu unterscheiden?

Gesine Fuchs: Das würde ich so nicht behaupten. Ich glaube, viel eher ist man sich der Relevanz nicht bewusst. Und was nicht relevant erscheint, wird auch nicht erforscht.

Ein konkretes Beispiel?

Gesine Fuchs: Letztens habe ich für ein Referat eine Studie gefunden, in der es um Karrierebedingungen von Fachhochschulprofessor*innen ging. Dort wurde nur ausgewertet, in welchen Fachbereichen wie viele Frauen und Männer tätig sind. Bei allen anderen Fragen wurde das Geschlecht nicht beachtet. Glücklicherweise kannte ich die Studienautor*innen und hatte so Gelegenheit, mit den Daten selbst zu rechnen.

Und?

Gesine Fuchs: Es zeigte sich beispielsweise, dass die Qualifikation der Hochschulprofessorinnen in meinem Fachbereich, der Sozialen Arbeit, im Schnitt höher ist als diejenige ihrer männlichen Kollegen; sie arbeiten häufiger Teilzeit und sind seltener in Führungspositionen. Wir haben in der Hochschule also ähnliche Probleme und Muster wie sonst im Erwerbsleben auch. Diese geschlechtsspezifische Auswertung zeigt somit Handlungsbedarf.

(bli)

Quelle: PilatusToday
veröffentlicht: 8. März 2022 12:00
aktualisiert: 8. März 2022 13:36
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