Rad

Die Könige der Zielgeraden sind in der Schweiz eine Rarität

19. März 2021, 09:33 Uhr
Urs Freuler war die grosse Ausnahme und der letzte Schweizer Topsprinter
© KEYSTONE/WALTER BIERI
Wenn am Samstag mit Mailand-Sanremo der erste grosse Klassiker der Rad-Saison ansteht, rücken auch die Topsprinter in den Fokus. Sie sind die Könige der Zielgeraden - und in der Schweiz eine Rarität.

Die World-Tour-Saison 2021 ist noch keinen Monat alt, und doch konnte die kleine Schweizer Fraktion auf höchster Stufe bereits vier Podestplätze bejubeln. Dies, obwohl mit Marc Hirschi der grösste Hoffnungsträger erst nächste Woche an der Katalonien-Rundfahrt in die neue Saison einsteigt.

Mit Stefan Bissegger und Gino Mäder rückten zuletzt zwei Fahrer der jungen Schweizer Rad-Generation ins Rampenlicht. Bissegger gelang in der vergangenen Woche im Zeitfahren des Etappenrennens Paris - Nizza sein erster Profisieg, nachdem er sich drei Wochen zuvor an der UAE Tour im Kampf gegen die Uhr nur Weltmeister Filippo Ganna hatte geschlagen geben müssen.

Auch die Königsetappe bei Paris - Nizza endete beinahe mit einem Schweizer Premierensieg, wäre Mäder 20 Meter vor dem Ziel nicht noch von Primoz Roglic abgefangen worden. Schliesslich fehlten auch Stefan Küng am Dienstag im abschliessenden Zeitfahren des Tirreno-Adriatico nur sechs Sekunden zum grossen Wurf.

Die herausragenden Schweizer Leistungen lassen für die anstehenden Frühjahrsklassiker hoffen. Mit Mailand - Sanremo steht am Samstag das mit fast 300 km längste klassische Eintagesrennen im Programm. Die «Classicissima» kann auch als Klassiker für die Sprinter bezeichnet werden. Nirgendwo sonst sind für die endschnellen Pedaleure die Aussichten auf einen Sieg bei einem der fünf Monumente im Radsport so gut, wie bei der Zielankunft auf der Via Roma.

Schweizer Sprinterflaute

Doch genau darin liegt das Problem aus Schweizer Sicht: Kommt es zu einem Massensprint, tendieren die Siegchancen der Radgenossen gegen Null. Dass die Schweiz nicht als Sprinter-Nation bekannt ist, hat Tradition.

Urs Freuler war die grosse Ausnahme. Parallel zu seiner imponierenden Karriere auf der Bahn (mit zehn WM-Titeln) machte sich der Glarner in den Achtzigerjahren auch als Sprinter auf der Strasse einen Namen. 1981 entschied er in Bordeaux die 7. Etappe der Tour de France im Massensprint für sich, am Giro d'Italia liess er sich 15 Mal als Etappensieger feiern. Bis heute gilt Freuler als bester Sprinter der Schweizer Rad-Geschichte.

Vor und nach der grossen Zeit von Freuler hatten sie Schweizer Profis in Massensprints allerdings nicht viel auszurichten. Es ist uns hierzulande nie gelungen, ein Sprint-Ass von Weltklasse-Format wie Cipollini, Greipel, Cavendish, Petacchi oder Zabel hervorzubringen. Ein Blick auf die Ausbildungsphilosophie im Schweizer Verband liefert einen Erklärungsansatz für die Sprinterflaute.

Bevor Küng, Hirschi, Bissegger und Co. ihre Karriere auf der Strasse lancierten, haben sie sich ihre Sporen auf der Bahn abverdient. Dabei richtet Swiss Cycling den Fokus in der Ausbildung konsequent auf die Ausdauer-Disziplinen, mit der Mannschaftsverfolgung als Flaggschiff.

Das Ergebnis dieser Strategie lässt sich durchaus sehen: Bei internationalen Titelkämpfen resultierten regelmässig Medaillen, in der Einzelverfolgung (Küng), im Madison (Marvulli/Risi) oder Scratch (Marvulli) stellte die Schweiz auf der Bahn sogar schon Weltmeister. Die Sprint-Disziplinen - obwohl auch sie zu grossen Teilen olympisch - wurden vornehm vernachlässigt.

Vermehrt auf Sprinter setzen

In den letzten Jahren hat beim Verband jedoch ein Umdenken stattgefunden, wie Beat Müller, der Leistungssportchef von Swiss Cycling, im Gespräch mit Keystone-SDA bestätigte. «Wir wollen künftig vermehrt auf Sprinter setzen.»

Der Grund liegt auf der Hand. Ein Sprinter mit hoher Qualität ist auch ein potenzieller Seriensieger. Oder wie Müller sagte: «Ein guter Sprinter bringt öfters mal einen Blumenstrauss nach Hause.» Fakt ist: Bei den grossen Rundfahrten gibt es tendenziell mehr Etappen, die im Spurt des Feldes entschieden werden, als am Berg, geschweige denn im Zeitfahren, der eigentlichen Schweizer Paradedisziplin.

An den Wurzeln anpacken

Um den nächsten Urs Freuler zu finden, packt man bei Swiss Cycling das Problem bei den Wurzeln, sprich, man investiert in die Talentsichtung. Das Ziel sei es, künftig an der Basis nicht nur gezielt nach Ausdauer-Athleten Ausschau zu halten, sondern auch auf junge Athletinnen und Athleten mit ausserordentlichen Sprintfähigkeiten aufmerksam zu werden, so Müller.

«Bis vor zwei Jahren haben wir bei der Talentdiagnostik die Sprintleistung nicht systematisch erhoben. Der Fokus lag primär auf der aeroben Leistungsfähigkeit», erklärt Müller. Dies soll sich nun ändern.

Um die bei Sprints notwendige Explosivkraft zu messen, wurde die Testreihe mit einem simplen Standweitsprung ergänzt. «Damit lässt sich unter Berücksichtigung des Körpergewichts eine verblüffend genaue Prognose über die Sprintleistung auf dem Velo machen.»

Sind die geeigneten Kandidaten erst einmal gefunden, werden sie ins Nachwuchs-Fördersystem von Swiss Cycling aufgenommen und gezielt ausgebildet. «Der Plan wäre es, dass wir in Zukunft auch Mal ein Sprintkader führen können», resümierte Müller. Noch ist der Weg zum nächsten Schweizer Sprint-König ein weiter. Das Casting aber ist lanciert.

Quelle: sda
veröffentlicht: 19. März 2021 09:33
aktualisiert: 19. März 2021 09:33