American Football

Europa aufmischen: «Helvetic Guards» wollen nach ganz oben

17. Juli 2022, 14:08 Uhr
American Football ist in der Schweiz eine Randsportart. Das Projekt-Team «Helvetic Guards» will dies ändern und greift ab der nächsten Season in Europa nach den Sternen – in der «European League of Football» (ELF). Kein leichtes Unterfangen.
Ob die Cologne Centurions und die Istanbul Rams bald in Zürich auflaufen?
© Getty Images / Lars Baron

Die zweite Saison der ELF läuft. Die Vienna Vikings sind das dominierende Team. Am vergangenen Wochenende schlugen sie die Barcelona Dragons. Damit haben sie auch ihre letzten Kritiker zum Schweigen gebracht und bewiesen, dass sie die Favoriten auf den Titel in diesem Jahr sind.

Europäisches Projekt mit Schweizer Beteiligung

Die ELF selbst gibt es erst seit zwei Jahren, trotzdem hat die Liga bereits expandiert. Vier neue Teams sind dazugestossen. In zwölf verschiedenen Städten in fünf verschiedenen Ländern wird der beliebteste US-Sport ausgetragen. 2023 soll die Europa-Expansion weitergehen. Es kommen nochmals drei neue Teams dazu, eines davon aus der Schweiz: die Helvetic Guards. Die Guards jedoch stehen vor der grossen Herausforderung, innerhalb eines Jahres ein Team auf die Beine zu stellen, denn bisher existierte dieses Team überhaupt nicht.

Bekannte Namen und grosse Träume

Einige Eckpunkte sind bislang klar: General Manager (GM) ist der 25-jährige Toni Zöller, der sich zuvor bei den Konstanz Pirates einen Namen machte. Von dort nimmt er auch Head Coach Matt Hammer zu den Guards, der mit J.C. Williams als Athletic Director fungieren wird, wie «ran.de» berichtete. Ein weiterer Mitgründer und Vorstandsmitglied ist Mukadder Erdönmez, den Zöller ebenfalls von den Pirates kennt.

Vor Kurzem wurde auch bereits das Logo präsentiert: «Seit je her sind Schweizer als gefürchtete Kämpfer bekannt und erreichten durch ihre Härte, Loyalität und Zuverlässigkeit einen besonderen Ruf», schreiben die Verantwortlichen auf der Webseite dazu.

Die Guards wollen in Zürich spielen, auch wenn das Stadion derzeit noch nicht fix ist, wie Zöller im Gespräch mit «20 Minuten» verrät: «Die Verhandlungen laufen derzeit. Ich kann aber schon mit Sicherheit sagen, dass es nicht der Letzigrund oder die Schützenwiese sein wird.» Die Verantwortlichen erhoffen sich bereits in der ersten Saison zwischen 2000 und 3000 Zuschauerinnen und Zuschauer.

Gegenüber der «NZZ» gab Erdönmez zu Protokoll, dass die Verhandlungen bezüglich eines Stadions kurz vor dem Abschluss stünden. Und im Fünfjahresplan der Guards steht das Ziel von durchschnittlich 12'000 Zuschauenden bei den Heimspielen. Der FC Luzern kommt auf rund 10'500.

Ein Schweizer Team aus Schweizer Spielern

Neben der geeigneten Spielstätte stellt vor allem das Team selber die Verantwortlichen vor eine grosse Herausforderung. Denn in der 50-köpfigen Mannschaft sollten nach Möglichkeit 45 Schweizer sein. Die ELF-Regeln schreiben vor, dass mindestens 40 der 50 Spieler aus der Schweiz stammen müssen oder zumindest hier ausgebildet wurden.

Zöller weiss, dass er diese Spieler zu einem grossen Teil aus den anderen Teams in der Schweiz holen wird: «Es wird kurzfristig auch die Schweizer Teams beeinträchtigen. Sie werden sicherlich Spieler verlieren», mutmasst er gegenüber der Pendlerzeitung. In der höchsten Schweizer Liga gibt es derzeit sieben Teams. Bisher wurde jedoch noch kein einziger Spieler unter Vertrag genommen. Im Oktober gibt es Tryouts, also öffentliche Trainings, für die sich jeder melden kann. Spätestens im Februar soll die Mannschaft stehen.

Die Calanda Broncos sind das beste Team der Schweiz der vergangenen Jahre. Im Bild: Die Churer nach dem Gewinn der Swiss Bowl 2018.

© Keystone / Peter Schneider

Zöller versteht denn auch die Angst einiger Mannschaften, dass die besten Spieler zu den Guards wechseln könnten. Es gebe aber auch Teams, die die Entwicklung positiv sehen würden. So etwa Mathias Brändli, Funktionär der Calanda Broncos, des erfolgreichsten Schweizer Teams der vergangenen Jahre. Er sieht in den Helvetic Guards mehr eine Chance als eine Bedrohung und erhofft sich durch die ELF eine bessere Vermarktung des Sports in der Schweiz. Zudem könne sich ein nach aussen positives Bild der Guards auch auf andere Schweizer Vereine übertragen, berichtet «ran.de».

Gute Führung verleiht Glaubwürdigkeit

Die «NZZ» schreibt, Brändli gebe der ELF vor allem Kredit, weil sie in der Person von Patrick Esume von einem Commissioner geführt werde, der für Glaubwürdigkeit stehe. Er möge polarisieren, aber er habe sich in der Branche als TV-Kommentator und Trainer von Frankreichs Europameister-Mannschaft eine Reputation geschaffen.

Commissioner Patrick Esume während des Spiels der Cologne Centurions und der Istanbul Rams in Köln.

© Getty Images / Lars Baron

Etwas kritischer sieht das der Präsident der Broncos, Christoph Sünderhauf, wie er im Interview mit «SRF» sagt. Er befürchtet, dass die Schweizer Liga an Qualität einbüssen wird. Dies sei auch in Österreich und Deutschland passiert.

Der grosse Traum vom Profi-Sportler

Trotz der Bedenken der Schweizer Liga gibt sich Zöller kühn: «Wir wollen auf höchster europäischer Ebene gewinnen», sagt er gegenüber «SRF». Aber nicht nur. Es gehe vor allem darum, den Sport American Football in der Schweiz populärer zu machen, weiter voranzutreiben und zu professionalisieren. Im besten Fall könnten Spieler in einigen Jahren als Profisportler davon leben.

Der Aufbau der Helvetic Guards befindet sich zwar noch ziemlich am Anfang. Trotzdem müssen sie sich kommende Saison mit den beiden anderen Neulingen Milano Seamen und Hungarian Enthroners messen. Und spätestens wenn es gegen führende Teams wie die Barcelona Dragons oder die dominierenden Vienna Vikings geht, wird sich zeigen, was Traum bleibt und was vielleicht Realität wird.

Die Manager der Guards im ausführlichen Talk

(kra)

Quelle: PilatusToday
veröffentlicht: 17. Juli 2022 09:43
aktualisiert: 17. Juli 2022 14:08
Anzeige