Super League

Ancillo Canepa: «Nostalgie darf kein Faktor sein!»

22. Dezember 2020, 20:45 Uhr
Noch ist es nicht fix, aber die Chancen stehen nicht schlecht, dass Massimo Rizzo über Weihnachten hinaus Trainer des FC Zürich bleibt
© KEYSTONE/MARTIAL TREZZINI
Ancillo Canepa, der Präsident des FC Zürich, spricht über seinen Transfercoup mit Blerim Dzemaili und über die Zukunft von (Interims-)Trainer Massimo Rizzo.

In wirtschaftlich angespannten und ungewissen Pandemie-Zeiten hat sich der FCZ-Präsident Ancillo Canepa wie einst beim Sturz in die Challenge League abermals für einen offensiven Weg entschieden - und Blerim Dzemaili zurück nach Zürich geholt.

Wenige Tage nach der Vertragsunterschrift spricht der Klubchef im Interview mit der Nachrichtenagentur Keystone-SDA über die neue Zürcher Attraktion und erklärt, was er mit dem Rückkehrer in den kommenden Jahren vorhat.

Mit Blerim Dzemaili haben Sie die Rückkehr vereinbart, wann kommt mit Josip Drmic der nächste frühere FCZ-Star?

Ancillo Canepa: «Bei uns gilt die grundsätzliche Philosophie, dass die Türe für Spieler offen ist, die beim FCZ ausgebildet worden sind und den Verein nicht ohne Ablösesumme verlassen haben, sportlich ein Gewinn und zu vernünftigen finanziellen Rahmenbedingungen zu engagieren sind. Mehmedi, Drmic, Rodriguez – das gilt für jeden. Ich habe diese Spieler ja während Nationalteamzusammenzügen immer wieder getroffen.»

Drmic ist in einer ähnlichen Situation wie Dzemaili – er ist seit geraumer Zeit ohne Spielpraxis und wäre offen für eine Veränderung.

«Ich habe von ihm zuletzt nichts mehr gehört. Aber wie geschildert: Die Türe ist offen.»

Mit Dzemaili kommt eine grosse Figur der Schweizer Szene zurück.

«Kurzfristig geht es primär um sportliche Aspekte. Es ist kein Geheimnis, dass wir auf dem Platz einen Top-Leader benötigen. Angesichts seiner Erfahrung und seines Charakters entspricht Dzemaili diesen Anforderungen zu 100 Prozent.»

Wie sind die Reaktionen ausgefallen auf diesen Transfer?

«Natürlich durchwegs positiv. Viele bedankten sich mit E-Mails und SMS. Unsere Seiten auf Social Media wurden mehr denn je angeklickt. Die Resonanz fiel beeindruckend aus. Helfen wird er uns mit Sicherheit, aber wir sollten nun auch nicht eine immense Erwartungshaltung aufbauen - wir werden wegen ihm nicht die Champions League gewinnen (lacht). Im Ernst: Blerim soll zuerst einmal ankommen, sich wieder an den Wettkampfrhythmus gewöhnen.»

Dzemaili ist ein Winnertyp – er gewann in den letzten 15 Jahren sieben Trophäen. Was soll er in die aktuelle Mannschaft einfliessen lassen?

«Leadership auf dem Spielfeld! Er kann aufgrund seiner riesigen Erfahrung der verlängerte taktische Arm des Trainers sein, er soll Gas geben oder je nach Situation den Fuss auch etwas vom Pedal nehmen. In der Kabine hat er eine Vorbildfunktion. Und: Dzemaili kann für unsere Nachwuchstalente eine Art Coach sein – mit Blick auf die Planung und Realisierung einer erfolgreichen Karriere. In seinem Fall funktionierte der Weg vom FCZ ins europäische Business vorzüglich. Für unsere Nachwuchsspieler soll ein Profi mit einer derart glanzvollen Karriere ein Role Model sein.»

Ihre Wege kreuzten sich bereits 2006 ein erstes Mal.

«Ich kann mich gut an den ganz jungen Dzemaili erinnern. Er grüsste mich immer freundlich und erkundigte sich nach meinem Befinden. Mich faszinierte die Neugier des damals 20-Jährigen. Seine Einstellung im Trainingsbetrieb war herausragend. Ich hatte ihn immer in allerbester Erinnerung!»

Hatten Sie Dzemaili immer wieder im Auge?

«Wir verfolgen die Entwicklung unserer ehemaligen FCZ-Talente im Ausland allesamt sehr aufmerksam. Mich freut es, wenn Spieler wie Dzemaili in Europa Erfolge zelebrieren. Seine Dynamik in der Serie A zu sehen, war für mich immer ein Vergnügen. Da schwang auch eine Spur Stolz mit.»

Sein Name steht auch für eine erfolgreiche FCZ-Vergangenheit. Steht er für eine Mischung zwischen Nostalgie und Aufbruch in bessere Zeiten?

«Nostalgie darf kein Faktor sein! Es geht darum, dass es immer schwieriger wird, in einer Mannschaft richtige Leader zu etablieren. Ausländisches Personal mit solchen Qualitäten kann man sich in der Schweiz kaum mehr leisten. Sein Comeback beim FCZ ist ein Glücksfall. Er geniesst hier einen erstklassigen Ruf. Dass er bereit ist, wieder das Trikot seines Stammklubs überzustreifen, werte ich als tolles Signal. Er wird nicht einfach die Karriere ausklingen lassen, Blerim wird nochmals Vollgas geben wollen.»

Gibt es bei ihm auch Überlegungen, ihn nach Vertragsende 2022 in anderer Funktion in den Verein einzubinden?

«Es gibt in der Tat entsprechende Ideen. Wir haben mit ihm darüber gesprochen, wie es nach einem allfälligen Ende als Spieler mit ihm weitergehen könnte. Beim FCZ demonstrierten wir in der Vergangenheit mehrfach, dass wir in diesem Bereich Optionen zu bieten haben – Ludovic Magnin beschäftigten wir weiter, Alain Nef ebenfalls. Gygax, Sahin und Petrosjan sind auch ehemalige FCZ-ler, die bei uns in der Academy arbeiten. Aber derzeit gibt es bei Blerim noch nichts Konkretes.»

Blerim Dzemaili ist auf dem Rasen ein Hoffnungsträger, an der Seitenlinie trägt seit zehn Spielen ein anderes Klub-Urgestein die Verantwortung: Massimo Rizzo. Wie definieren Sie sein Profil?

«Er hat einen unglaublich gefüllten Rucksack – das unterscheidet ihn schon mal von ganz vielen anderen Protagonisten der Branche. Massimo arbeitete früher auf der Geschäftsstelle. Er weiss nach über 20 FCZ-Jahren haargenau, wie der Betrieb funktioniert. Als Assistent, Team-Manager und vorübergehend auch als Sportchef saugte er weitere Inputs auf, im Nachwuchs liess er sich im Coachingbereich vertieft ausbilden – Sie sehen, sein Horizont ist umfangreich.»

Unter Rizzo hat sich der FCZ stabilisiert. Wie tickt der neue Trainer?

«Ich schätze seine Arbeit als Trainer und seine etwas andere Art. Bei ihm steht das Ergebnis im Vordergrund. Massimo liefert, ohne seinen Einfluss an die grosse Glocke zu hängen. Für mich war rasch einmal klar, dass wir ihm das Vertrauen bis zur Winterpause schenken würden.»

In den nächsten Tagen folgen Gespräche, um die weitere Zusammenarbeit zu regeln. Eine reine Formsache?

«Noch ist nichts geregelt und spruchreif. Aber die Chance ist gross, das Engagement fortzuführen.»

Ist Rizzo als längerfristige Lösung denkbar?

«Wir hofften bei jedem Trainer, dass er mittel- bis langfristig für uns tätig sein könnte. Aber in der heutigen Zeit mit 1000 Einflüssen und Veränderungen ist es enorm anspruchsvoll geworden, die Spannung permanent hochhalten zu können. Die Coaches der Zukunft müssen flexibler denn je sein – und sie müssen bereit sein, sich immer wieder neu zu erfinden.»

Quelle: sda
veröffentlicht: 22. Dezember 2020 20:45
aktualisiert: 22. Dezember 2020 20:45