Super League

«In den letzten 15 Minuten haben wir gelitten»

2. August 2020, 04:05 Uhr
Ein erfolgreiches Tandem: Trainer Gerardo Seoane und sein Goalgetter Jean-Pierre Nsame
© KEYSTONE/PETER KLAUNZER
Wenige Stunden nach seinem zweiten persönlichen Meistertitel mit den Young Boys zeigt sich Trainer Gerardo Seoane vor den Medien im Wankdorf wieder so ruhig und entspannt, wie man ihn kennt.

Gerardo Seoane, wenn man Sie in einem normalen Spiel an der Seitenlinie sieht, wirken Sie beherrscht, ruhig, unaufgeregt. Wie hat es in Ihnen in den 90 Minuten im Tourbillon ausgesehen?

Gerardo Seoane: «Sehr lange war ich sehr fokussiert und entspannt. Die Mannschaft spielte sehr gut und zielstrebig. Das gab mir eine gewisse Entspannung. Aber in den letzten 15 Minuten haben wir alle gelitten. Es wurde uns allen bewusst, dass es jetzt noch galt, das Resultat über die Runden zu bringen. Der Schlusspfiff kam für mich sogar ein bisschen überraschend. Dann brachen alle Dämme, auch beim Staff. Wenn man dann die Bilder sieht, wie alle einander in den Armen liegen, so sagt dies viel über das Innenleben unserer Mannschaft aus.»

Nach dem Corona-Unterbruch wurde die Mannschaft mit der Zeit in der Defensive unglaublich stabil. Sie haben die letzten vier Spiele zu null gewonnen und den Gegnern kaum noch Torchancen gewährt. War das in Ihren Augen die Basis für den Meistertitel?

«Definitiv. Wir haben in den letzten Wochen den Fokus bewusst darauf gesetzt. Wir wissen, dass wir offensiv sehr viel Potential haben. Aber gerade auswärts kann man nicht immer zwei, drei Tore schiessen, um ein Spiel zu gewinnen. Dort haben wir den Hebel angesetzt und die Werte angesprochen, die es braucht, um zu null zu spielen. Zu diesem Defensivspiel gehören natürlich nicht nur die Verteidiger und der Goalie, sondern die ganze Mannschaft. Alle mussten bereit sein, für die Mannschaft zu arbeiten, solidarisch zu sein. Das war die Basis für die letzten Siege, und mich als Trainer macht es glücklich, wenn ich sehe, dass die Spieler so geschlossen fighten.»

YBs Meistertitel 2019 und 2020 waren sehr unterschiedlich. Letzte Saison war YB allen klar überlegen, diesmal war es bis in die letzten Runden ein spannender Kampf. Glauben Sie, dass die knappe Entscheidung Ihre Spieler weiterbringt? Wenn die Spieler an ihre Limiten gekommen sind und ihre Grenzen ausloten konnten?

«Ja. Ich glaube, dass vor allem die Zeit nach der Corona-Pause für alle Spieler gut war und sie weitergebracht hat. Es war sehr intensiv, auch für die Emotionen. Nach einem Sieg konnten wir uns nicht gross freuen, weil drei Tage später schon das nächste Spiel kam. Nach einer Niederlage mussten wir schnell Schlüsse ziehen und vorwärts schauen. Das war eine grosse Herausforderung für alle. Ja, ich glaube, dass sich unsere Spieler in dieser Zeit entwickeln konnten, dass sie gereift sind und dass es auch ein gewisses Selbstvertrauen geben sollte.»

Am Montag spielen Sie gegen St. Gallen. Es wird jetzt keine Finalissima, sondern eher eine Kür mit den besten zwei Mannschaften der Saison. Danach wird es sofort wieder ernst, im Schweizer Cup. Werden Sie anstreben, die Spannung in Ihrer Mannschaft im Spiel gegen St. Gallen hoch zu halten, oder werden Sie den Spielern für diesen Match sozusagen ein freies Fussballspielen ermöglichen und die Spannung erst danach wieder hinauffahren?

«Freies Fussballspielen sicher nicht. Wir werden den Match konzentriert vorbereiten. Aber auch im Wissen, dass es einige Spieler gibt, die in den letzten Wochen sehr viel gespielt haben und an ihre Grenzen gekommen sind. Solche Spieler sollen auch einmal verschnaufen können. Wir haben andererseits Spieler, die auf einen Einsatz brennen. Es wird sicher einen guten Mix geben. Schon heute oder morgen vom Cup zu reden wäre sicher verfrüht. Wir werden das erst ab dem Dienstag angehen.»

Quelle: sda
veröffentlicht: 2. August 2020 04:05
aktualisiert: 2. August 2020 04:05