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Nationalmannschaft

Petkovic «Wir müssen hungrig bleiben bis am Schluss»

18. Mai 2021, 15:50 Uhr
Wenige Tage vor dem EM-Camp spricht Nationaltrainer Vladimir Petkovic mit der Nachrichtenagentur Keystone-SDA über sich, über die Fehler an der WM 2018 in Russland und über seine Spielphilosophie.
Der Schweizer Nationaltrainer Vladimir Petkovic ist im Hinblick auf die EM zuversichtlich
© KEYSTONE/GIAN EHRENZELLER

Vladimir Petkovic, in einer Woche startet das Vorbereitungscamp in Bad Ragaz. Sie dürfen 26 anstatt 23 Spieler an die EM mitnehmen. Vereinfacht das die Selektion?

«Wir waren darauf vorbereitet, dass ich 26 Spieler mitnehmen darf, was die Sache zwar vorerst einfacher macht, dafür muss ich bei jedem Spiel drei mehr auf die Tribüne schicken. Trotzdem muss sich jeder in Bad Ragaz beweisen, das Leistungsprinzip zählt.»

Wie schafft man es, dass nach der Vorbereitung körperlich alle auf dem gleichen Stand sind?

«Wichtig war, dass wir bereits im Vorfeld mit individuellem Training versucht haben, den Formstand zu steuern. Einige kommen aus Verletzungen oder haben zu wenig gespielt. Dies kann aber auch ein Vorteil sein, weil diese Spieler noch hungriger sind.»

Sie leben in einer Blase, es wird noch weniger Möglichkeiten zur Ablenkung geben als sonst. Wie verhindert man einen Lagerkoller?

«Aus diesem Grund geben wir dem Team nach Bad Ragaz und vor dem Abflug nach Baku zwei Tage frei, wobei ich den Spielern und dem Staff vertraue, dass sie möglichst wenig Leute treffen. Diese freien Tage sollen allen einen mentalen Schub geben, denn wir hoffen, dass wir danach nicht nur zwei Wochen, sondern länger zusammen sein werden. Dann sind auch Familienbesuche nicht mehr erlaubt. Ein Vorteil könnte sein, dass wir kein eigentliches Stammcamp haben und zwischen Baku und Rom pendeln. Das gibt zwar viele Reisekilometer, aber mehr Bewegung in die Gruppe, andere Bilder, andere Gedanken.»

Es ist Ihr drittes grosses Turnier. Was haben Sie für Lehren aus der EM 2016 und der WM 2018 gezogen?

«Wir müssen in schwierigen Situationen besser reagieren, proaktiv sein, mögliche Konfliktsituationen vorhersehen, Probleme, die auftauchen, lösen, und dies auch im richtigen Moment kommunizieren. Damit schaffen wir es, unsere mentale Energie zu verbessern. Hinzu kommt, dass die Spieler ihre Freiheiten haben müssen; zusammen, aber jeder auch für sich alleine. Dies führt zu einer lockereren Stimmung. Eine EM allein bringt schon genug Anspannung mit sich, deshalb ist es wichtig, entspannen zu können, trotzdem aber konzentriert und fokussiert zu bleiben.»

Sie sprechen die Folgen der Doppeladler-Affäre in Russland an, als im Achtelfinal gegen Schweden die mentale Energie fehlte?

«Ja. Diese hatte einen negativen Einfluss auf das Schweden-Spiel. In den Phasen, in denen wir besser waren, und in den letzten 20 Minuten fehlte etwas, um reagieren zu können, denn der letzte Biss kommt vom Kopf. Wir müssen in den Zustand kommen wie 2016 im EM-Achtelfinal gegen Polen - dann aber effizienter sein.»

Nach der WM in Russland leiteten Sie einen Umbruch ein. Ist dieser abgeschlossen?

«Es war eher ein Generationenwechsel, der zwei Jahre gedauert hat. Kleine Umbrüche finden fortlaufend statt, denn einen Konkurrenzkampf wird es und muss es immer geben. Es war ein Risiko, das ich selbstbewusst eingegangen bin, weil wir mit der Nations League einen Wettbewerb hatten, in dem man etwas ausprobieren konnte. Wir haben gezeigt, dass wir auf gutem Weg sind. Auch im letzten Jahr, als wir zwar keine Siege gefeiert, gegen grosse Mannschaften aber praktisch auch keine Niederlagen erlitten haben.»

Die Mannschaft um die Generation der ehemaligen U17-Weltmeister ist gereift. Wenn, dann müsste ein Exploit nun bald folgen.

«Wenn man so denkt, dann steht man nicht mit beiden Beinen auf dem Boden und zeigt keinen Respekt vor den Gegnern. Solche Gedanken machen sich auch Wales und die Türkei - und Italien sowieso. Sie alle sind überzeugt - vielleicht sogar noch mehr als wir -, dass sie den Achtelfinal überstehen werden. Wir glauben an uns und wissen, dass unser Ziel, das Erreichen des Achtelfinals, realistisch ist. In einem solchen kommt es dann auch auf den Gegner an, gegen Spanien, Deutschland oder Frankreich wäre es nicht selbstverständlich weiterzukommen. Klar ist: Wir müssen hungrig bleiben bis am Schluss.»

Sie übernahmen die Aufgabe im Sommer 2014 als Nachfolger von Ottmar Hitzfeld. Wie haben Sie sich seither entwickelt?

«Jeder Mensch sollte reifer und besser werden, wenn er regelmässig in den Spiegel schaut. Es war nicht alles gut bis jetzt, aber auch nicht alles schlecht. Man muss die richtigen Schlüsse ziehen. In diesem Bereich habe ich mich sicherlich verbessert. Ich habe auch die Menschen um mich herum besser kennengelernt: Spieler, Staff, aber auch die Journalisten. Ich denke, ich konnte mich in letzter Zeit auch besser verkaufen. Die Leute sehen mich nicht nur von vorne, sondern auch von der Seite - und hoffentlich auch von hinten, also den kompletten Menschen Vlado. Die Resultate haben mich noch selbstbewusster gemacht und in dem Weg bestätigt, den ich eingeschlagen habe.»

Sie haben während Ihrer Karriere immer einen offensiven Spielstil mit viel Ballbesitz bevorzugt, obwohl die Tendenz bei vielen Trainern seit Jahren Richtung schnelles Umschaltspiel geht.

«Das Ziel ist es, das Spiel zu kontrollieren und dominant zu sein. Der Spielstil hängt auch von den Spielertypen ab, die man zur Verfügung hat. Steuern kann man dies nur bedingt, denn man kann aus einem Spieler, der 32 km/h schnell ist, nicht plötzlich einen machen, der 35 km/h läuft. Wir haben viele Spieler, die sich Chancen erarbeiten und Tore machen, das ist eine Qualität von uns. Auch unser Spiel ist vertikaler geworden, auch wenn wir nicht diesen Typ von Spielern haben. Wenn wir ins Pressing gehen, machen wir dies nicht alibimässig. Dann wollen wir den Ball und in den ersten Sekunden nach der Balleroberung ein Tor schiessen.»

Welche Trainer haben Sie in Ihrer Karriere geprägt?

«Ich habe von vielen meiner Trainer etwas abgeschaut und mir aufgeschrieben. Hinzu kommen die eigenen Erfahrungen. Mir imponierte die Effektivität der Mannschaften von Fabio Capello oder das schöne Spiel von Arsenal unter Arsène Wenger. Man muss seine Prinzipien haben und daraus den eigenen Spielstil entwickeln, adaptiert an die Spieler, die man zur Verfügung hat, und den Gegner. Aktuelle Entwicklungen versucht man in das eigene Team einzubauen. Die Tendenz geht in Richtung schnelles Umschalten, aber angepasst an die eigenen Spieler. Liverpool hat das vor zwei Jahren sehr gut gemacht oder jetzt Manchester City.»

Als Nationaltrainer ist die Auswahl der Spieler beschränkt.

«Deswegen ist auch die menschliche Seite sehr wichtig. Ich muss die Mimik eines Spielers erkennen können und wissen, wann eine Handbewegung wie gedeutet wird. Den Spielern muss man auch Freiheiten geben, sie sollen ihre eigenen Ideen einbringen können, denn bei ihren Klubs sind sie unter Stress. Ich bin zufrieden, wenn ich sehe, dass sie gerne zu uns kommen. Diese Atmosphäre versuche ich zu pflegen, denn sie macht das Ganze einfacher.»

Als Nationaltrainer sind Sie bei Spielen oder Endrunden enorm im Fokus. Wie gehen Sie damit um?

«Man muss täglich Erholungsphasen einbauen, auftauchende Probleme antizipieren und einen Plan haben, wie man auf solche reagieren kann, nicht so wie in Russland. Ich - und wir alle - müssen ein gutes Gleichgewicht finden zwischen Erholung und Konzentration.»

Wie erholen Sie sich?

«Ich lese, schaue Ipad oder spiele Tischtennis mit dem Staff. Oft machen wir am Abend, wenn alle schlafen gehen, ein Turnier bei dem wir ins Schwitzen kommen und danach duschen gehen müssen. Eine solche Abwechslung tut gut.»

Was lesen Sie?

«Meistens Sport- oder Motivationsbücher. Solche der klassischen amerikanische Schule, aber auch solche die Fussball oder andere Sportarten spezifisch thematisieren. Die eine oder andere, auch unkonventionelle Idee kann man rausnehmen und als Überraschungsmoment einmal einbauen.»

Sie sind mit bald drei Endrunden-Teilnahmen und der Qualifikation für das Final Four der Nations League der erfolgreichste Schweizer Nationaltrainer. Werden Ihre Leistungen und diejenigen der Mannschaft manchmal zu wenig wertgeschätzt?

«In letzter Zeit haben wir auch in der Schweiz diese Wertschätzung gekriegt, was nicht selbstverständlich ist, da wir von September bis November nie gewonnen und deswegen Angriffsfläche geboten haben. Trotzdem haben die Leute gesehen, dass wir etwas Positives gemacht haben. Auch die Medien, die Öffentlichkeit und Leute, die ich treffe, haben das registriert und unterstützen uns in dem, was wir tun. Das ist positiv. Negativ wäre, wenn man von einem Viertelfinal als Pflicht zu reden beginnt - ohne zu wissen, was vom Gegner kommt, oder aus Mangel an Respekt. Man muss nur schauen, wie die Türkei im März gespielt oder was Wales für Spieler hat - von Italien spreche ich schon gar nicht. Wir sind nicht so gross, dass wir jemals eine Mannschaft unterschätzen können.»

Quelle: sda
veröffentlicht: 18. Mai 2021 15:50
aktualisiert: 18. Mai 2021 15:50