Kommentar

WM schauen oder nicht? Es ist kompliziert

René Rödiger, 9. November 2022, 15:32 Uhr
Vom 20. November bis zum 18. Dezember findet die Fussball-WM in Katar statt. Von der Vergabe bis heute gibt es massive Kritik an der Veranstaltung. Völlig zu Recht. Aber ist das ein Grund, auf die WM zu verzichten?
Über die Anzahl toter Gastarbeiter bei der WM-Vorbereitung gibt es sehr unterschiedliche Angaben: von drei bis über 6500.
© Getty Images
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Wir sind uns wohl einig: Katar ist ein Unrechtstaat, der Minderheiten unterdrückt, Gastarbeiter bis zum Tode ausbeutet, allen Werten widerspricht, die wir hier in Europa haben. Und jetzt findet dort die Fussball-WM der Männer statt.

Es ist absurd und tief im Innern wissen wir: Wir sollten diese WM boykottieren. Nur ist der Schaden bereits angerichtet. Aber wir sind halt auch Fans. Lieben den Fussball, wollen unsere Nati um Xhaka & Co. anfeuern (oder halt eine andere, je nach Präferenz).

Schliesslich muss jeder Mensch selbst für sich entscheiden, ob er oder sie bei der WM in Katar den Fernseher einschaltet. Aber haben wir uns diese Gedanken auch bei der Champions League (Gazprom), beim FC Barcelona (ehemals Qatar Airways), bei Paris Saint-Germain (in Katar-Besitz), bei der letzten WM in Russland (Menschenrechtsverletzungen, Unterdrückung, ...) und vielen weiteren Beispielen des Fussballs gemacht? Wieso erst jetzt?

Das eigentliche Problem ist, dass diese WM gar nie hätte stattfinden dürfen. Dass es über solche Grossveranstaltungen zu gesellschaftlichem oder politischem Wandel in einem Staat kommt, ist reines Wunschdenken. Das ist schon in der Vergangenheit nie passiert (prominente Beispiele: Olympische Spiele in Berlin 1936 oder Peking 2008 und 2022, Fussball-WM in Argentinien 1978 oder Russland 2018).

Aber vielleicht können wir für die Zukunft Lehren daraus ziehen. Die Fifa – ein demokratisch nicht legitimierter Verein von Männern – braucht Druck von aussen. Über ihren Status als gemeinnützige Organisation muss diskutiert werden. Hier könnte die Schweiz, als Sitz der Fifa, eine Vorreiterrolle übernehmen.

Es braucht auch Druck auf den Profifussball allgemein. Dieser muss in erster Linie von den Sponsoren, den Medien und schlussendlich von den Fans kommen. Es braucht klare Bekenntnisse der Clubs. Fussball ist immer auch politisch, hier sind die Fussballvereine (mehrheitlich) noch viel zu zurückhaltend unterwegs.

Und dann sollten sich auch die übertragenden Fernsehstationen und die Sponsoren ihrer Pflicht bewusst werden. Sie haben es über das Geld in der Hand, einen Wandel herbei zu führen.

Darf man nun die WM in Katar schauen? Jein. Wie erwähnt: Der Schaden ist bereits angerichtet. Ob wir jetzt mit der Nati mitfiebern oder nicht, macht keinen grossen Unterschied mehr. Es macht aber einen grossen Unterschied, wenn wir uns der Umstände dieser WM bewusst sind und daraus die Lehren ziehen. Einfach so weiter zu machen, ist definitv keine Option mehr.

Quelle: FM1Today
veröffentlicht: 9. November 2022 15:32
aktualisiert: 9. November 2022 15:32