Champions-League-Final

Klopps Vollgas-Spielsystem trifft auf Ancelottis Mentalitätsbestien

Maurus Held, 27. Mai 2022, 11:16 Uhr
Am 26. Mai 2018 erreicht Real Madrid Historisches: Als erster europäischer Klub gewinnt er die Champions League zum dritten Mal in Folge. Der damalige Gegner ist derselbe vom Samstag: der FC Liverpool. Doch in der Zwischenzeit hat sich vieles getan – auf beiden Seiten.
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In Spaniens Hauptstadt gibt es ein Sprichwort: Real Madrid spielt die Finale nicht, es gewinnt sie. «Así, así, así gana el Madrid», singen die Fans jeweils («So, so, so gewinnt Madrid»). Und die Statistiken geben ihnen Recht: Von 16 europäischen Endspielen wurden 13 gewonnen – absoluter Rekord. Die letzte Finalniederlage datiert gar aus dem Jahre 1981. Der damalige Austragungsort: Paris. Der damalige Gegner: Liverpool.

Ist das nun ein schlechtes Omen für die Blancos am Samstagabend? Das Team von Carlo Ancelotti wird solche Datenspiele kaum beschäftigen. Mit breiter Brust reisen sie nach Paris. Man hat soeben die Meisterschaft gewonnen und im Achtel-, im Viertel- als auch im Halbfinale der aktuellen Champions-League-Saison drei grossartige Comebacks hingelegt, notabene gegen Topmannschaften wie Manchester City und Paris St. Germain.

Liverpool war vor allem unglücklich

Dass letzterer Verein seinen Superstar Kylian Mbappé am Sonntag entgegen aller Erwartungen bis 2025 an sich gebunden hat und dieser dem Real-Präsidenten Florentino Pérez per SMS eine Abfuhr erteilte, dürfte die Madrilenen noch mehr befeuern, in Mbappés Heimatstadt zu demonstrieren, wer die Könige Europas sind. Und doch darf nicht vergessen gehen, wer auf der Gegenseite stehen wird.

Den FC Liverpool kennt man aus dem Final 2018 in Kiew. Der Sieg fiel letzten Endes mit 3:1 deutlich aus, obwohl die Reds unter Jürgen Klopp keine schlechte Mannschaftsleistung zeigten. Stürmer Mohamed Salah musste noch vor der Halbzeitpause verletzt ausgewechselt werden, und letztlich ging die Partei durch zwei haarsträubende Patzer von Torhüter Loris Karius verloren. Alles in allem war man schlicht unglücklich.

Diaz hat voll eingeschlagen

Genau wie das Real der Post-Cristiano-Ronaldo-Ära (sein letztes Real-Spiel war jener Final) ist auch der FC Liverpool vier Jahre später ein anderes Team. Es ist weiter gereift und mittlerweile erfahrener. Der Champions-League-Final 2019 gegen Tottenham ging gewonnen, den ersten Meistertitel nach langen dreissig Jahren konnte man 2020 eintüten. Klopp hat sein temporeiches Spielsystem mit hohem Pressing und schnellen Ballstafetten perfektionieren können.

Zwischen den Pfosten steht mittlerweile nicht mehr Karius, sondern Allison Becker, ein Top-Torwart durch und durch. Von Mo Salah ist man nicht mehr derart abhängig, Sadio Mané ist mindestens so wichtig geworden wie der Ägypter. Mit Diogo Jota oder Luis Diaz ist der Kader zudem nochmals in der Breite gewachsen. Letzterer spielt erst seit Januar bei den Reds, hat seither aber voll eingeschlagen und Villareal im Halbfinal praktisch von allein ausgeschaltet.

Real hingegen ist diese Saison, trotz Finaleinzug und Meistertitel, eine Wundertüte. Stürmerstar Karim Benzema ist zwar in der Form seines Lebens und der Top-Favorit auf den Ballon d'Or, Rodrygo Goes oder Routinier Luka Modric haben in den letzten Spielen ihre Qualitäten ebenfalls bewiesen. Trotzdem haben die Blancos diese Saison auch viele durchzogene Leistungen gezeigt. Der Clásico zuhause, um ein Beispiel zu nennen, ging 0:4 verloren.

Am Schluss kommt alles anders

Verantwortlich dafür ist vor allem die Abwehr. Innenverteidiger Eder Militão ist und bleibt ein Unsicherheitsfaktor, Linksaussen Ferland Mendy ebenfalls. Militãos Partner David Alaba ist erst diese Tage nach einer mehrwöchigen Verletzung wieder fit geworden. Hinzu kommt, dass Trainer Ancelotti nicht der gewiefteste Taktiker ist. Oft musste er sich diese Saison auf die individuelle Klasse seiner Spieler verlassen.

Wofür man den Italiener aber loben darf: Er hat eine verschworene Einheit geformt und aus den Spielern, darunter viele junge wie Vinicius Jr., Mentalitätsbestien gemacht. Ansonsten wären solche Comebacks wie in der K.o.-Phase umöglich gewesen. So bleibt die Ausgangslage für Samstag völlig offen. Man könnte wohl sagen: Spielerische Vorteile Liverpool, mentale Vorteile Real – doch in einem Final kommt letzten Endes sowieso alles anders. Der Final 2018 hat das bewiesen.

Quelle: Today-Zentralredaktion
veröffentlicht: 27. Mai 2022 11:16
aktualisiert: 27. Mai 2022 11:16