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Lian Bichsel bis 2026 gesperrt: Grosser Verlust für Schweizer Eishockey Nationalmannschaft?

Eishockey

Supertalent Lian Bichsel bis 2026 gesperrt – ein Skandal?

· Online seit 25.04.2024, 09:35 Uhr
Lian Bichsel (19) ist das grösste Verteidigertalent unseres Hockeys und ein künftiger NHL-Star. Aber er wird für die nächsten vier Titelturniere bis und mit der Heim-WM 2026 aus dem Nationalteam ausgeschlossen. Ein heikler Entscheid von Verbands-Sportdirektor Lars Weibel und Nationaltrainer Patrick Fischer.
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Mit ziemlicher Sicherheit wird der Lian Bichsel – ein smarter, flinker Riese (197 kg/106 kg) aus Wolfwil im Kanton Solothurn – bis in zwei Jahren in der Organisation der Dallas Stars ein gestandener NHL-Verteidiger sein. In diesen Tagen ist der Erstrunden-Draft (Nr. 18 2022) mit Rögle im besten Wortsinn ein Titan im schwedischen Playoff-Final. Seine Qualitäten stehen nicht zur Debatte.

Ausgeschlossen bis 2026

Nun ist Lian Bichsel von Verbands-Sportdirektor Lars Weibel und Nationaltrainer Patrick Fischer nicht nur für die WM im Mai in Prag, sondern darüber hinaus auch für die WM 2025 in Schweden und Dänemark sowie für die Heim-WM 2026 in Zürich und Fribourg sowie fürs Olympische Turnier 2026 in Cortina aus der Nationalmannschaft ausgeschlossen worden. Es kann durchaus sein, dass Lian Bichsel bei den WM-Turnieren sowieso nicht zur Verfügung stehen wird. Weil er die Stanley Cup-Playoffs zu bestreiten hat. Aber definitiv bringt sich die Schweiz beim Olympischen Turnier von 2026 um einen der besten Verteidiger: Die NHL-Stars werden 2026 dabei sein.

Dem U 20-Aufgebot nicht Folge geleistet

Der Grund für die Verbannung ist unspektakulär: Lian Bichsel hat zum zweiten Mal einem Aufgebot fürs U 20-Nationalteam nicht Folge geleistet. Er verzichtete im vergangenen Dezember auf die U20-WM in Schweden, weil er sich Sorgen machte, dass in Rögle die Integration ins Team schwieriger wird, wenn er länger abwesend ist. Der Verteidiger ist vom AHL-Farmteam im Laufe der Saison zwecks besserer Entwicklungsmöglichkeit leihweise nach Rögle transferiert worden. Das erste Mal fehlte er im August 2022 an der U20-WM. Damals wollte er auf einen Teil der Vorbereitung verzichten, was Verbands-Sportdirektor Lars Weibel nicht durchgelassen hatte.

Lars Weibel und Patrick Fischer haben soeben den harschen Nationalmannschafts-Ausschluss von Lian Bichsel bis und mit 2026 offiziell bestätigt. «Wir haben ihm offen dargelegt, wie unsere Regeln sind und welche Folgen es haben wird, wenn er unserem Aufgebot nicht Folge leistet» sagt Lars Weibel. «Er wusste also um die Folgen seines Entscheides.»

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«Keiner ist grösser als das Team»

Patrick Fischer bringt es auf den Punkt: «Keiner ist grösser als die Mannschaft.» Die Regeln seien klar und der Entscheid werde vom Team mitgetragen. «Wir hätten Mühe, ihn nach allem, was vorgefallen ist, ins Team zu integrieren.» Patrick Fischer sagt auch, Spieler hätten schon unter schwierigeren Umständen die von Lian Bichsel Aufgeboten anstandslos Folge geleistet.

Wird der Ausschluss tatsächlich bis und mit der Heim-WM 2026 durchgezogen? «Ja» sagt Patrick Fischer. Gibt es keine Rekursmöglichkeit? «Nein.» Und was wäre, wenn beispielsweise der Nationalmannschafts-Captain zu ihm kommt und ihn bittet, den Bichsel zu begnadigen? «Bis jetzt ist noch niemand mit dieser Bitte zu mir gekommen.»

Nicht der erste Fall, aber der gravierendste

Die Geschichte unserer Nationalmannschaft kennt viele Ausschlüsse von Stars oder Spielern, die nicht mehr fürs Nationalteam spielen wollten. Unvergessen ist etwa die Fehde zwischen Nationaltrainer Ralph Krueger und HCD-Leitwolf Reto von Arx, die dazu führte, dass der beste Schweizer Mittelstürmer der damaligen Zeit nach dem Olympischen Turnier von 2002 nie mehr ein Titelturnier für die Schweiz gespielt hat. Patrick Fischer hat keine Angst vor grossen Namen. Im Frühjahr 2019 kippte er den damals 22jährigen Denis Malgin aus dem WM-Aufgebot. Er stellte klar, dass Malgin «in unseren Augen nicht immer 100 Prozent Lust auf die Nationalmannschaft» hatte. Aber das war im Vergleich zu Lian Bichsels langjährigem Ausschluss bloss eine Episode.

Der Nationaltrainer ist ein charismatischer Kommunikator. Er sorgt dafür, dass alle unsere NHL-Stars zur WM kommen, wenn keine zwingenden Gründe (Vertragssituation, familiäre Angelegenheiten) eine Teilnahme verhindern. Janis Moser wird voraussichtlich wegen seiner komplexen Vertrags-Situation im Mai bei der WM nicht dabei sein und Timo Meier musste wegen einer Schulteroperation absagen. Aber alle anderen in der NHL engagierten Schweizer werden einem Aufgebot Folge leisten, auch die jetzt noch in den Stanley Cup-Playoffs beschäftigten Nino Niederreiter, Pius Suter, Roman Josi und Kevin Fiala, sofern er nicht während der WM Vater wird.

Entscheid könnte für Fischer zum Bumerang werden

Der «Fall Bichsel» übertrifft in der ganzen Tragweite und Dauer alle Unstimmigkeiten der «Ära Fischer», die am 3. Dezember 2015 begonnen hat, bei weitem. Es ist der bisher riskanteste Personalentscheid des Nationaltrainers. Weil ihn dieser Entscheid nun bis zur Heim-WM 2026 bzw. seiner ganzen Amtszeit begleiten wird. Ist Patrick Fischer erfolgreich (Erfolg bedeutet WM-Halbfinal) interessiert sich niemand für Lian Bichsel. Bleibt der Erfolg aus, werden auch gutgesinnte Kritiker Lars Weibel und Patrick Fischer den «Fall Bichsel» unter die Nase reiben.

Es ist wie eine bittere Ironie, dass ausgerechnet ein so begabter Kommunikator und Hockey-Diplomat wie Patrick Fischer den «Fall Bichsel» nicht lösen kann. Wenn einer die richtigen und überzeugenden Worte in solchen Dingen finden kann, dann er.

Im Falle eines Falles wird dann – begleitet von allerlei Polemik – zu klären sein, wer eigentlich beim Verband die Verantwortung für diese verfuhrwerkte Situation zum Schaden unseres Hockeys trägt: Sportdirektor Lars Weibel oder Patrick Fischer?

(watson/klaus zaugg/dl)

veröffentlicht: 25. April 2024 09:35
aktualisiert: 25. April 2024 09:35
Quelle: 32Today

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