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EM-Schock

Nach Eriksen-Drama: SRF erntet harsche Kritik

14. Juni 2021, 09:53 Uhr
Die Bilder des Zusammenbruchs von Dänemarks Nationalspieler Christian Eriksen gingen um die Welt. Nun wächst die Kritik in den sozialen Medien an der Berichterstattung. Auch das SRF kriegt sein Fett weg. Medienjournalist Nick Lüthi schätzt die Situation für uns ein.
Christian Eriksen befindet sich nach seinem Herzstillstand vom Samstag noch in Spitalpflege.
© KEYSTONE/AP/Wolfgang Rattay

Es war der Schock-Moment der Europameisterschaft, der Kollaps von Christian Eriksen in der EM-Partie zwischen Dänemark und Finnland am Samstag. Der Däne fiel plötzlich vornüber, wurde anschliessend minutenlang auf dem Platz behandelt – sogar reanimiert. Und das internationale TV-Signal, welches auch von SRF übertragen wird, hielt voll drauf.

Nahaufnahmen von aufgelösten Spielern. Von Eriksens weinender Partnerin, welche am Platzrand von Dänemarks Captain Simon Kjaer getröstet wird. Und von Eriksen selbst, der in diesen Augenblicken um sein Leben kämpfte. Dabei hatten die dänischen Spieler extra eine Mauer gebildet, die ihren Teamkollegen vor den neugierigen Blicken des Publikums und der Kameras hätte schützen sollten.

Die TV-Bilder sorgten auf den sozialen Medien national und international für viel Kritik – Voyeurismus wurde den Produzenten der Bilder vorgeworfen.

Mangelte es an Sensibilität?

Auch das SRF, welches die Bilder in die Schweizer Haushalte übertragen hatte, geriet in Kritik. Vor allem, weil die Bilder vor Wiederanpfiff der Partie nach fast zwei Stunden noch einmal in einem Beitrag gezeigt wurden. Man habe mehr als genug Zeit gehabt, sich über die Bildauswahl Gedanken zu machen, schreibt auch CH-Media-Journalist Simon Häring in seinem vielbeachteten Kommentar: «Aber zu sehen ist: alles! Wie Eriksen fällt. Wie die Helfer herbeieilen. Wie die Mannschaftskollegen ihn vor den Kameras abschirmen. Und vor allem: Wie die Kameras die Lücke zwischen den vielen Beinen der Spieler und Helfer finden, und uns einen Blick auf dieses Drama erlauben, das sich abspielt – wie Christian Eriksen wiederbelebt wird.»

«Im Fussball rechnet man nicht mit so einem Vorfall»

Journalist und Medienkritiker Nick Lüthi, Leiter der «Medienwoche», will mit dem Schweizer Fernsehen nicht so hart ins Gericht gehen: «Man rechnet im Fussball ja nicht mit einem solchen Vorfall. Im Gegensatz zu anderen Sportarten, wie dem Motorsport oder dem Skifahren, wo Unfälle zur Tagesordnung gehören und man eine gewisse Routine hat und die Abläufe vordefiniert sind, was gezeigt wird und was nicht.» Man habe im Fall von Eriksen spontan und in einer Extrem-Situation entscheiden müssen. «Da war wohl also auch eine gewisse Überforderung vorhanden. Ich verstehe, wie es zu diesem Entscheid kommen konnte, auch wenn man jetzt im Nachhinein weiss, dass man es hätte besser machen können.»

Nick Lüthi begrüsst die Diskussion darüber, welche Bilder im Fernsehen gezeigt werden sollen und welche nicht. 

© Zur Verfügung gestellt

Überreagiert das Netz also? «Es ist ein wenig schizophren: Einerseits sieht man in den sozialen Medien in Echtzeit alles, im Guten wie im Schlechten. Andererseits findet da nun die Diskussion statt, was das Fernsehen zeigen darf und was nicht.» Das Fernsehen sei sowieso schon extrem exponiert, so Lüthi weiter. Wenn da noch eine solche Ausnahmesituation hinzukomme, mutierten alle zu Medienkritikerinnen und Medienkritikern. «Es entspricht vielleicht dem Zeitgeist, dass man von den Medien in diesem Moment ein Verhalten erwartet, das fast schon übermenschlich ist.»

Trotzdem begrüsst Nick Lüthi die Diskussion, welche Bilder im Fernsehen gezeigt werden sollen und welche nicht. Das Thema werde nach diesem Vorfall sicherlich auch intern beim SRF noch einmal ausdiskutiert.

(lba)

Quelle: ArgoviaToday
veröffentlicht: 14. Juni 2021 07:04
aktualisiert: 14. Juni 2021 09:53