Ski alpin

Ein Jahr nach dem Coup ist Kryenbühl mehr als ein One-Hit-Wonder

28. Dezember 2020, 05:31 Uhr
Der junge Urs Kryenbühl im Januar 2017 - Wendy Holdeners Onkel Edgar war da schon vom grossen Wurf des Unteribergers überzeugt
© KEYSTONE/PETER SCHNEIDER
Vor einem Jahr ist Urs Kryenbühl in Bormio erstmals auf das Weltcup-Podest gefahren. Inzwischen ist der 26-Jährige weit mehr als ein One-Hit-Wonder. Sein Zimmerkollege sieht Parallelen zu Beat Feuz.

Es fühlte sich an wie ein Traum. In der berüchtigten Stelvio-Abfahrt von Bormio realisierte Urs Kryenbühl vor genau einem Jahr seinen bislang grössten Erfolg. Nach starken Trainingsleistungen raste er mit Startnummer 25 auf den 2. Platz. Einen Tag zuvor hatte er in der verkürzten ersten Abfahrt als Dreizehnter sein bis dahin bestes Weltcup-Ergebnis verbucht.

Seiner Reaktion war damals nicht abzulesen, welch Coup ihm gelungen war. Ziemlich halbherzig streckte er beim Blick auf die Anzeigetafel die kurz Arme in die Höhe, schüttelte ungläubig den Kopf. «Ich habe gewusst, dass ich schnell gefahren bin. Aber so schnell? Nein», erklärte Kryenbühl. «Mein Blick richtete sich dann auf die Familie in den Zuschauerrängen. Dann kam mir in den Sinn, dass ich noch jubeln sollte. Das wäre dann aber nicht ich gewesen. So etwas muss sich spontan ergeben.»

Vielversprechendes Gesamtpaket

Vor ihm klassierte sich an jenem 28. Dezember 2019 einzig Dominik Paris, der tags darauf im Super-G den fünften Speed-Triumph auf der Stelvio in Folge aneinanderreihte. Winzige acht Hundertstel trennten Kryenbühl nach bester letzter Zwischenzeit vom ersten Weltcupsieg. Hinter ihm folgten mit Beat Feuz, Aleksander Kilde und Matthias Mayer weitere Top-Fahrer. Der Coup ergab sich also nicht bloss aus den günstigen Windverhältnissen.

Und es blieb auch nicht bei diesem einen Ausreisser. Obwohl er gut zwei Wochen nach dem Podestplatz durch eine Fussverletzung gebremst wurde, etablierte sich Kryenbühl seit dem Exploit auf einem gehobenen Niveau. Mit dem 3. Platz in Mitte Dezember in Val d'Isère untermauerte er, dass Bormio 2019 kein Strohfeuer war.

Für Niels Hintermann, Kryenbühls Zimmerkollege im Weltcup und Konkurrent schon zu JO-Zeiten, bestanden ohnehin nie Zweifel, dass sich der 1,72 m grosse Unteriberger in der Weltspitze etablieren wird. «Für mich ist er ein junger Beat Feuz. Sein Gesamtpaket passt extrem gut. Er ist ein guter Gleiter und verfügt auch über ausgezeichnete technische Fähigkeiten. Er hat das Skifahren im Gefühl, macht vieles instinktiv richtig. Es war nur eine Frage der Zeit», so Hintermann. Darüber hinaus sei Kryenbühl ein super Typ, korrekt und ehrlich. «Er ist ein sehr fairer, guter und kollegialer Mensch, ohne dass dabei der Killer-Instinkt verloren geht. Das hat er jetzt mehrmals bewiesen.»

Die Wette von Wendy Holdeners Onkel

Auch in Unteriberg, der kleinen Gemeinde am Fuss des Hoch-Ybrig, die eine erstaunliche Zahl hochklassiger Skirennfahrer hervorbringt, halten sie schon lange grosse Stücke auf Kryenbühl. Edgar Holdener, Kryenbühls ehemaliger JO-Trainer und Wendy Holdeners Onkel, wettete Anfang 2017 sogar darauf, dass sein einstiger Schützling 2021 Weltmeister wird. So erzählte er es unlängst in der «NZZ». Sechs Wochen vor den Titelkämpfen in Cortina d'Ampezzo ist die verwegene Wette gar nicht mehr so abwegig.

Selbst vermittelt der mit einer grossen Portion Gelassenheit gesegnete Kryenbühl nicht den Eindruck, er könnte an der hohen Erwartungshaltung zerbrechen. Auch nach seinem zweiten Podestplatz hält er den Ball flach: «Ich war jetzt sechsmal in den Top 20. Man sollte also relativieren. Die Ansprüche bleiben die gleichen.» Natürlich wolle er am Erreichten anknüpfen, sagt Kryenbühl. Doch auch hier relativiert er: «Ich wäre aber nicht enttäuscht, wenn es nicht so weitergehen würde.»

Quelle: sda
veröffentlicht: 28. Dezember 2020 00:05
aktualisiert: 28. Dezember 2020 05:31