Anzeige
Enttäuschende Nati

Sportpsychologe: «Mit solchen Aktionen werden Sympathien zerstört»

Daniel Schmuki, 17. Juni 2021, 20:45 Uhr
Zwei Spiele, ein Punkt: Die Schweizer Nati enttäuscht an der Fussball-EM bisher auf der ganzen Linie. Gegen die Türkei müssen daher zwingend drei Punkte her. Doch wie soll dies in der aktuellen Verfassung gelingen? Sportpsychologe Frank Trötschkes gibt Tipps.
Die Schweizer Nati konnte an der EM bisher nicht überzeugen.
© KEYSTONE/Jean-Christophe Bott

Die Ausgangslage für die Schweizer Nati ist klar: Sie muss am Sonntagabend das letzte Gruppenspiel gegen die Türkei gewinnen. Sonst dürfte die EM schneller vorbei sein, als den Spielern lieb ist. Wie sieht die Ausgangslage aus psychologischer Sicht aus?

Frank Trötschkes: Es ist immer optimal, wenn man weiss, dass man gewinnen muss und ein Unentschieden nicht reicht. Psychologisch gesehen ist die Ausgangslage also gut. Aus fussballerischer Sicht sieht es jedoch anders aus. Das Italien-Spiel und die ganzen Turbulenzen im Umfeld haben sicher nicht geholfen, dass die Nati am Tag X die bestmögliche Leistung abrufen kann. Der Druck ist riesig, es wird ein ganz schwieriges Spiel.

Mit dem Tattoo-Studio- und Coiffeurbesuch sowie den vollmundigen Ankündigungen, sie wollen ins Viertelfinale, hat sich die Nati selbst einen riesigen Druck auferlegt. Was für einen Einfluss hat dies?

Die jüngsten Aktionen sind für mich völlig unverständlich. Ich frage mich wirklich: Wie konnte dies nur passieren? Wie ist es möglich, dass ein Figaro eingeflogen werden konnte, ohne von jemandem gestoppt zu werden? Es war klar, dass mit solchen Aktionen die Sympathien in der Fussball-Schweiz zerstört werden. Daran würde auch ein Sieg gegen die Türkei nichts ändern.

Die Sympathien bei vielen Fans sind verspielt, und auch sportlich läuft es alles andere als rund. Welche Hebel würden sie als Sportpsychologe nun in Bewegung setzen, damit die Nati all dies ausblenden kann?

Das ist die schwierigste Frage. Denn ich frage mich, ob Vladimir Petkovic die Mannschaft noch erreichen kann, nach all dem, was passiert ist. Der Trainer muss Worte finden, damit sich jeder einzelne Spieler in die Verantwortung nimmt – angefangen bei Captain Granit Xhaka. Weil er für mich derzeit aber nicht den Eindruck eines Leaders macht, bin ich sehr skeptisch. Psychologisch sehe ich schwarz. Es ist ein riesiger Druck, der da ist.

Also ein hoffnungsloser Fall, dass die Nati am Sonntag mental bereit ist?

Nein, das würde ich nicht sagen. Es ist wie ein Endspiel. Und in einem einzigen Match kann immer alles passieren. Die Schweiz hat sicher die Qualität, um die Türkei zu besiegen, denn auch bei der Türkei ist nicht alles rosig. Aber ich zweifle daran, dass es die Nati im Turnier noch weit bringen wird.

Trotzdem muss das Team bestmöglich auf den Knüller gegen die Türkei vorbereitet werden. Wie soll dies gelingen?

Der Trainer ist aus meiner Sicht weniger wichtig. Viel wichtiger ist, dass die Spieler selbstkritisch sind und sich in die Verantwortung nehmen – und zwar mit einer gewissen Demut. Es muss die Haltung entstehen: Wir haben es verbockt. Daraus können positive Energie und eine enorme Leidenschaft entstehen. Wenn die Spieler am Sonntag von der ersten Minute an um ihr Leben rennen, haben sie es richtig gemacht.

Potenzial wäre also vorhanden. Aber glauben Sie wirklich, dass sich die Spieler selbstkritisch mit ihrer eigenen Leistung auseinandersetzen?

Ich weiss nicht, ob die Schweizer Teamleader so viel Charakter haben. Die einzige Leaderfigur ist aus meiner Sicht Yann Sommer. Aber er fehlt bei der Aufarbeitung der Niederlage gegen Italien (er ist am Mittwochabend nach Hause gereist, weil er zum zweiten Mal Vater wurde – Anm. d. Red.). Er wäre ein Typ, der Positives bewirken könnte. Aber ein Shaqiri oder Xhaka, die sich als Leader sehen, sind aus meiner Sicht zu wenig selbstkritisch.

An der letzten WM sorgte der Doppeladler-Jubel für Unruhe, jetzt an der EM wird über blonde Haare und Tattoos diskutiert. Wieso liefert die Nationalmannschaft immer so viel Stoff auf Nebenschauplätzen?

Beim Schweizerischen Fussballverband gibt es seit Jahren Kommunikationsprobleme. Diese sind nach wie vor nicht gelöst, vermutlich stimmt irgendetwas in den Strukturen nicht. Nach dieser EM – egal wie sie ausgeht – muss sich der Verband fragen, wieso diese Nebenschauplätze so gross werden konnten und niemand die Spieler geschützt hat. Es ist ein absoluter Blödsinn und Juniorenniveau, sich nach einem solch enttäuschenden Match (gegen Wales – Anm. d. Red.) die Haare blond zu färben oder sich Tattoos stechen zu lassen, die sich entzünden können. So etwas darf nie mehr passieren.

Quelle: PilatusToday
veröffentlicht: 17. Juni 2021 17:58
aktualisiert: 17. Juni 2021 20:45