Swiss Tennis

Erfolgreich als Junioren, ohne Gratisticket zu den Profis

12. Oktober 2020, 05:35 Uhr
Dominic Stricker zeigt seine French-Open-Trophäe
© KEYSTONE/AP/Alessandra Tarantino
Vier Talente stehen im Nachwuchs von Swiss Tennis an der Schwelle zu den Profis. Träumen ist erlaubt, der Schweizer Final am French Open garantiert indes noch keine Profi-Karriere.

Mit Dominic Stricker und Leandro Riedi standen sich am Samstag in Paris erstmals in einem Grand-Slam-Final zwei Schweizer gegenüber. Der Berner Stricker gewann den Titel, sein guter Freund Riedi, der im neunten Duell erstmals den Kürzeren zog, gratulierte aufrichtig. Stricker triumphierte zudem im Doppel (mit dem Italiener Flavio Cobolli). Überwältigend sei es gewesen, ein fast surreales Erlebnis, berichten Stricker und Riedi am Tag danach. Mit Jeffrey von der Schulenburg und Jérôme Kym waren zwei weitere Schweizer unter den Teilnehmern. Kym, der vor einem Jahr als 16-Jähriger im Davis-Cup debütiert hat, war mit Jahrgang 2003 einer der ganz jungen Spieler im Feld.

Zwei Schweizer Talente im Final eines Grand-Slam-Turniers sind eine absolute Ausnahme, eine Premiere. Grund genug für Swiss Tennis, an seinem Sitz in Biel zu einer Medienkonferenz einzuladen. «Das ist für beide ein riesiger Erfolg und super Abschluss bei den Junioren. Sicher gibt ihnen das eine zusätzliche Motivation», sagt Yves Allegro, einst selbst Profi und Weggefährte von Roger Federer. Nach seinem Rücktritt war er im Nachwuchs von Swiss Tennis tätig, nun ist er Coach von Leandro Riedi. René Stammbach, der Präsident von Swiss Tennis, sagt: «Ich habe mit Roger Federer und Stan Wawrinka in meiner Amtszeit einiges erlebt, aber das ist selbst für mich etwas Neues, Aussergewöhnliches.»

«Noch weit weg von der Weltspitze»

Der Erfolg am French Open ist ein weiterer Schritt. Ein Schritt, der Mut macht und auch Hoffnungen schürt, zumal die vier genannten Talente alle zu den Top 25 der Junioren-Weltrangliste gehören. Aber nur einer von vielen auf einem sehr langen und steinigen Weg. Allegro ordnet den Erfolg realistisch ein: «Wir sind noch weit weg von der Weltspitze. Die Jungs sind jetzt beim ersten Prozent der Profikarriere, befinden sich in der Weltrangliste um Position 1000 und spielen wohl auf dem Level um Platz 350. Der schwierigste Teil steht erst jetzt bevor. Weiterhin heisst es: Arbeiten, arbeiten, arbeiten. In der Regel dauert es von hier etwa drei bis fünf Jahre bis in die Top 100.»

Eine Devise, die das Quartett laut Allegro verinnerlicht hat, die aber noch nichts garantiert. Michael Lammer, seit Sommer Allegros Nachfolger als U23-Chefcoach bei Swiss Tennis, erklärt: «Bei den Junioren hast du in der Regel zwei Jahrgänge als Konkurrenz, bei den Profis plötzlich Gegner aus etwa 15 Jahrgängen.» Der Konkurrenzkampf wird also viel grösser, Niederlagen werden sich häufen und die Talente mental fordern. Stricker ist sich bewusst: «Die Erfahrungen von Paris helfen sicher. Aber mir ist schon klar, dass der Sieg kein Gratisticket zu den Profis ist.»

Stricker, Riedi, Von der Schulenburg und Kym waren eine verschworene und sich gegenseitig befruchtende Bande bei Swiss Tennis. Jetzt sind sie gerade dabei, ihren individuellen Weg mit eigenem Coach einzuschlagen - «ein grosser und auch kostspieliger Schritt, aber ein früher oder später notwendiger», betonen Allegro und Stammbach. Mit eigenem Team belaufen sich die jährlichen Kosten auf 100'000 bis 150'000 Franken. Swiss Tennis will und wird die Talente auch auf dem individuellen Weg unterstützen, mit Geld und Infrastruktur fürs Training, aber auch mit einem Angebot an Turnieren in der Schweiz auf geeignetem Niveau. «Wir sind intensiv dabei, für 2021 passende Turniere auf die Beine zu stellen», sagt Stammbach. Das können zum Beispiel Challenger-Turniere sein. Stricker und Riedi erhalten an diesem Tag überdies einen Check über 10'000 respektive 5'000 Franken.

Ein Vorgeschmack

Das breite Medieninteresse in Biel nach dem Coup in Paris ist ein erster Vorgeschmack auf die Begleiterscheinungen der Profikarriere, welche die vier Schweizer Talente anstreben. Stricker und Riedi, beide müde von der Reizüberflutung der letzten Tage, meistern das Programm erstaunlich locker und souverän. Sie erzählen von den letzten Stunden, dem gemeinsamen Essen nach dem Final, der Jassrunde mit Stricker gegen die beiden Coaches Allegro und Sven Swinnen, der Flut an Nachrichten, die auf den Handys eintrafen. Auch Roger Federer und Stan Wawrinka gratulierten. Fragen beantwortet Stricker bereits auch in französischer und englischer Sprache.

Dass die beiden French-Open-Finalisten nicht abheben, dafür sorgen auch die Familien. «Alle haben ein ausgezeichnetes Umfeld», lobt Stammbach. Riedi und Stricker wissen aber auch selber, wo sie effektiv erst stehen. «Hart arbeiten, jeden Tag. Die richtige Einstellung ist wichtig», sagt Riedi. Vor allem sein erster Aufschlag müsse besser werden, und körperlich müsse er auch zulegen, so der 1,91 grosse Bassersdorfer. Stricker will in den nächsten Wochen vor allem in den physischen Bereich investieren - «um auch über fünf Sätze durchzuhalten.»

Schritt für Schritt wollen sich Stricker und Riedi nun über kleinere Profiturniere herantasten, zum Beispiel auf Challenger-Stufe. Und natürlich hoffen sie auf die eine oder andere Wildcard für grössere ATP-Turniere. Alles Weitere bleibt vorerst ein Traum.

Quelle: sda
veröffentlicht: 12. Oktober 2020 00:10
aktualisiert: 12. Oktober 2020 05:35