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Antriebslos

Die Sofaisierung des Abendlands und die neue Weltordnung

15. Februar 2021, 12:57 Uhr
Die Corona-Pandemie hat die Welt im Würgegriff. Nichts geht mehr – und irgendwie will auch keiner. Sofa und Trainerhose haben sich zu einer mächtigen Allianz verbündet, die unser aller Leben bestimmt. Kommen wir da nochmal raus?
Bestimmt hat er auch eine Trainerhose an.
© imago

Die Pizzaschachteln neben der Tür stapeln sich schon in der Höhe eines Kindergärtners. Aber auch nur, weil es im Keller keinen Platz mehr gibt. An der Stelle, wo man jeweils seinen Hintern auf dem Sofa parkiert, kann niemals mehr ein anderer Mensch sitzen – zu tief hat sich die exakte Form des eigenen Gesässes eingekerbt.

Vergilbte Fotos von Ferien im Ausland prangen an der Wand. Ein schwaches Echo von ausserhalb der Wohnungsbubble, ein Mahnmal aus einer gefühlt lang vergangenen Zeit. Eine Erinnerung daran, dass es mal ein anderes Leben gab. Voll von Leben, Nähe und Spass.

Und heute könnte man höchstens noch Fotos vom Balkon aufhängen. Oder von der Bushaltestelle.

Aber wer macht schon Fotos. Wer macht überhaupt noch irgendwas? Viele von uns sind bereits mit ihrer Couch fusioniert. Verschmolzen zu einem Fabelwesen aus viel Stoff, wenig Mensch und etwas Pizza.

Das Vieh atmet Netflix und berauscht sich an Second-Screening.

Die Sofaisierung des Abendlands 

Denn die Ausrede hat bereits gewonnen. Sie erhält Schützenhilfe von der Krise. «Man kann ja gar nichts mehr tun», der Gedanke hat sich mit Nachdruck eingenistet. Dazu kommt der Winter, der viele ohnehin in Lethargie verfallen lässt.

Und wo bleibt der Antrieb? Das schlechte Gewissen? Sie haben auf breiter Front verloren. Dass die Neujahrsvorsatz-Anmeldungen im Fitnesscenter ausfallen, ist ja noch das Eine. Über die Sinnhaftigkeit solcher Kurzschlussreaktionen, induziert durch Badezimmerspiegelkomplexe, wurde bereits genug geschrieben.

Doch auch jene, die sonst Bewegung der Bewegung Willen treiben, verharren vermehrt in ihrer Schockstarre auf der Couch. Ja, sie können nicht ins Fitnesscenter, nicht ins Schwimmbad, nicht in die Turnhalle.

Doch es gäbe sie ja schon, die Möglichkeiten der Betätigung. Fürs Joggen braucht man quasi keine Ausrüstung. Velofahren lassen die Temperaturen manchmal bereits wieder zu – und vor einiger Zeit schossen Streetworkout-Anlagen wie Pilze aus dem Boden. Na klar ist es kalt. Aber wir könnten im Internet ja auch Handschuhe und Mützen bestellen anstatt Trainerhosen und Sexspielzeug.

Wenn wir wollten. Aber der Müssiggang ist salonfähig wie nie.

Die neue Weltordnung

Doch nicht nur viele Sportler haben aufgegeben und wandeln auf dem Pfad des geringsten Widerstands zwischen Fernseher und Kühlschrank. Auch jene, die sonst gerne unter der Woche rausgehen, in einer Bar etwas trinken. Jassen, Freunde besuchen, um Fussball zu schauen, um Spiele zu spielen, zu singen, um gemeinsam Lasagne zu essen.

Sie alle haben sich sich der neuen Weltordnung unterworfen. Es ist nicht die, in diesen Zeiten oftmals von fragwürdigen Gruppen beschworene, Unterjochung der Welt durch eine böswillige Elite, sondern die Herrschaft der Trainerhose.

Neusprech

Die Trainerhose hat jeden Aspekt unseres Lebens erfolgreich infiltriert. Wir tragen sie beim Videocall, beim Essen, beim Chillen sowieso. Sie ist das Kleidungsstück, welches wir kurz vor einem Schäferstündchen (gegenseitig) ausziehen müssen – oft als einziges.

Die Trainerhose – sei sie flexfit, graue Baumwolle oder unförmig und verwaschen – ist Königin und Zeitzeugin eines besonderen Abschnitts unserer Leben. Und wie jedes autoritäre Regime bestimmt die Trainerhose ihre eigene Wahrheit.

Sie verspricht uns Bequemlichkeit, Geborgenheit und die Freiheit, endlich mal uns selbst zu sein. Wir bleiben nur noch zu Hause, obwohl wir im Rahmen der Möglichkeiten durchaus noch jemanden treffen könnten. Und wir sperren nicht nur unseren Körper, sondern auch unsere Gedanken im Wohnzimmer ein. Anstatt die Zeit für etwas Neues zu nutzen, vegetieren wir vor uns hin.

Die Frühlingsrevolution

Denn verwaschen durch das Ministerium der Wahrheit des Trainerhosen-Regimes haben wir längst vergessen, dass diese Bequemlichkeit, Geborgenheit und Freiheit einst anders bezeichnet wurden: Faulheit, Angst und Knechtschaft.

Doch diese nun gültige Wahrheit zu hinterfragen, ist anstrengend. Denn die Doktrin der Trainerhose ist allgegenwärtig: «Man kann ja gar nichts mehr tun.» Das Mantra läuft auf Tonband in unseren Köpfen und es wird erst ausleiern, wenn der Satz keine Gültigkeit mehr besitzt.

Dieser Zustand wird erst mit der Aufhebung der Massnahmen endgültig erreicht. Es gibt jedoch eine Vorstufe – und diese bringt der Frühling, ohnehin das richtige Symbol für die Befreiung der Welt.

Ob die Massnahmen im Frühling bereits aufgehoben werden, sei dahingestellt. Aber er wird uns nach draussen locken. Sport im Freien wirklich ermöglichen. Vielleicht schon die eine oder andere (kleine) Grillparty. Fischen. Wandern. Fussball. Was du willst.

Und er wird die Trainerhose, so toll sie ist, auf ihren Platz verweisen.

Quelle: PilatusToday
veröffentlicht: 15. Februar 2021 12:57
aktualisiert: 15. Februar 2021 12:57