Kultur

Lucerne Festival gibt Programm für 2021 bekannt und spielt verrückt

2. Dezember 2020, 13:16 Uhr
Das Lucerne Festival präsentiert das Programm für 2021.
Das grösste Schweizer Klassikfestival soll gemäss dem jetzt publizierten Vorprogramm 2021 ganz normal stattfinden. Was sich nach Corona bei Grossveranstaltungen dennoch ändert, sagt Michael Haefliger, Intendant von Lucerne Festival.

Wegen Corona musste Lucerne Festival im diesjährigen Sommer sein vierwöchiges Vollprogramm absagen. Als sich die Pandemielage zwischzeitlich entspannte, stellte Intendant Michael Haefliger in Rekordzeit das Kurzfestival «Live is Live» auf die Beine. Und jetzt signalisiert das Vorprogramm für den Sommer mittenn in der zweiten Welle bereits wieder die Rückkehr zur Normalität - und das ausgerechnet unter dem Motto «Verrückt». Im Gespräch darüber zeigt Intendant Michaelo Haefliger nicht nur Optimistmus, sondern auch Aufbruchstimmung.

Der Sommer von Lucerne Festival steht 2021 unter dem Motto «Verrückt». Ist die Aktualität des Themas ein Beispiel für die neue Flexibiliät, zu der die Pandemie Veranstalter gezwungen hat?

Michael Haefliger: Das sieht vielleicht so aus, weil die Pandemie vieles, was für uns selbstverständlich war, «ver-rückt» hat. Aber wir haben das Thema und das Programm für den Sommer 2021 schon vor zwei Jahren bestimmt und seither geplant. Grosse Festivals müssen so langfristig planen, weil die Künstler, die das Publikum sehen will, lange im voraus ausgebucht sind. Unser Kernpublikum ist zwar auch bereit, sich auf zeitgenössische Musik einzustellen, aber es schätzt auch grosse Sinfoniekonzerte.

Also war es nur ein Zufall, dass ihr Thema zur aktuellen Lage passt?

Bloss als Zufall würde ich das trotzdem nicht sehen. In der Kunst spielen ja Verrücktheiten eine zentrale Rolle. Künstler rücken immer wieder von der Realität ab. Heinz Holliger, der sich in seiner Musik häufig mit vermeintlich verrückten Künstlern auseinander gesetzt hat, spielt bei uns im Sommer eine wichtige Rolle. In unserem Zyklus mit Werken von Schumann, der auch als «verrückt» galt, dirigiert Holliger seine «Gesänge der Frühe» und verarbeitet darin Texte und die Krankenakten von Hölderlin und Schumann. So fokussieren wir uns auf das «Verrückte», auch im Sinn des Bahnbrechenden, in der Kunst. Aber klar: Dieses Verrücktsein bekommt nach diesem Jahr eine zusätzliche Dimension.

Inwiefern?

Künstler mit ihrem Sinn für das Verrückte sind Spezialisten, wenn, wie jetzt in Folge der Pandemie, die Realität selber ausser Kontrolle gerät. Umso paradoxer ist es, dass die Kunst in dieser Zeit nur sehr eingeschränkt zu Wort kommen kann. Dass wir mit unserem Thema diese Funktion von Kunst in den Fokus rücken, macht vielleicht seine eigentliche Aktualität aus. Sie haben nach der Absage des diesjährigen Festivals in kürzester Zeit ein zehntägiges Ersatz-Festival realisiert.

Was nehmen sie von dieser Erfahrung mit?

Mit unserem Festival «Life is Live» konnten wir erproben: Wie ist das eigentlich, wenn wir innerhalb von sechs Wochen ein Festival auf die Beine stellen? Ein Vorteil dieser kurzfristigen Planung war, dass wir mit dem Thema unmittelbar auf die aktuelle Situation reagieren konnten. Das war eine gute Erfahrung, etwas davon nehmen wir sicher mit in die Zukunft.

Laut Medienmitteilung sind Sie vorbereitet für den Fall, dass die Pandemie anhält. Wie sieht ein solcher Plan B aus?

Zum jetzigen Zeitpunkt gehen wir optimistisch davon aus, dass die Lage sich deutlich verbessern und bis im Sommer normalisieren wird. Wir haben uns aber auf verschiedene Szenarien vorbereitet. Das gilt auch für das Frühjahrs-Festival, mit dem wir - mit einem dreitägigen Programm rund um den Pianisten András Schiff - die Reihe der neuen Kurzfestivals im Frühling und Herbst starten. Natürlich hängt diese Zuversicht davon ab, wie rasch ein Impfstoff verfügbar ist, so wie es sich jetzt abzeichnet.

Wie sehen die verschiedenen Szenarien aus?

Wir könnten zurückgreifen auf die guten Erfahrungen, die wir mit unserem «Life is live»-Festival gemacht haben. Dazu gehörte die auf 1000 Besucher beschränkte Kapazität im Konzertsaal des KKL und ein Schutzkonzept, das sehr gut funktioniert hat. Wie andere kulturelle Grossveranstaltungen hatten wir keine Ansteckungen zu verzeichnen. Dank dieser Erfahrung wissen wir, dass für den Fall, dass die Lage sich nicht normalisieren sollte, das Festival nicht zwingend abgesagt werden müsste, weil es diese Alternative gibt.

Lucerne Festival – das sind auch 2021 Spitzenorchester aus aller Welt von Berlin über London bis Chicago. Enthalten die Verträge Corona-Klauseln, die das Risiko von Absagen oder geringeren Saal-Kapazitäten regeln?

Das kann ich generell nicht beantworten. Aber wir haben mit allen Partnern gute Gespräche, weil diese an ihren Orten, in ihren Sälen und Veranstaltungen alle dieselben Probleme haben. Insofern ist man in der Branche in regem Austausch.

Auch die lange Reihe an prominenten Solisten von Cecilia Bartoli über Anne-Sophie Mutter bis zu Lang Lang steht für Kontinuität. Welche Auswirkungen hat Corona dennoch auf den Sommer 2021?

Das System eines grossen Festivals lässt sich nicht grundsätzlich verändern, weil wir eingebunden sind in Partnerschaften mit Orchestern,Künstlern und dem KKL Luzern. Da ist letztlich alles darauf ausgerichtet, dass wir Konzerte vor rund 1800 Besuchern im Konzertsaal durchführen. Aber die Flexibilität tragen wir tatsächlich in den nächsten Sommer hinein.

In welcher Form?

Wir integrieren vier Konzerte des abgesagten November-Festivals in den Sommer. Igor Levit spielt an zwei Abenden die «verrückten» letzten Klaviersonaten von Beethoven. Und die Geigerin Patricia Kopatchinskaja bringt mit «Bye-Bye-Beethoven» und dem Programm «Kreutzer-Sonaten» zwei inszenierte Projekte nach Luzern, die immer noch in Entwicklung sind. Das gilt auch für das neue Projekt «Out of the Box» mit dem Klarinettisten Reto Bieri. Für mich sind das alles Beispiele für eine intuitive, spontane und eben «verrückte» Festivalplanung, die wir uns auch für die Zukunft bewahren wollen.

Trotzdem bleibt ein vierwöchiges Festival in der Planung schwerfällig und – siehe Corona - pannenanfällig. Geht der Trend deshalb hin zu flexiblen und innovativen Kleinfestivals, wie Sie sie neu im Frühling und Herbst durchführen?

Das war eine Idee, als wir das Oster- und Pianofestival durch verlängerte Wochenenden ersetzten, die 2020 von Ausnahmekünstlern wie Teodor Currentzis oder Patricia Kopatchinskaja kuratiert wurden, aber ebenfalls abgesagt werden mussten. Nun haben wir diese Konzepte weiterentwickelt. Das November-Festival wird in der Stossrichtung eher avantgardistisch sein. Das Frühlings-Festival startet ab 2022 mit einem neuen Konzept. Dabei spielt eine Rolle, dass Festivals die digitalen Formate, die mit Corona noch einmal einen Aufschwung nahmen, viel stärker ausbauen und nutzen.

Gibt es nach der Corona-Isolation ein Nachholbedürfnis nach Gemeinschaft, das Klasssikfestivals bedienen müssten – womöglich so gesellig, wie Sie es online mit ihrem «Happy-Hour»-Talk mit Musikern vorgeführt haben?

Dafür haben wir bereits die «40min»-Konzerte! Die sind gratis, Liegekissen liegen bereit und ganz unterschiedliche Inhalte werden moderiert oder von Stars erläutert: Das ist nichts anderes als ein enorm erfolgreiches «Happy-Hour»-Format. Aber verschworene Gemeinschaften können auch entstehen, wo wir vermehrt Konzerte zu einer Art Erlebniswelt verdichten.

Worin bestehen solche Erlebniswelten?

Das erste Frühjahrs-Festival ist, eingeleitet durch eine «Schubertiade», eine Erlebniswelt mit dem Pianisten Sir Andras Schiff. Im Sommer bieten die Bamberger Symphoniker im Rahmen des räsonanz-Stifterkonzerts eine halbe Nacht mit zeitgenössischer Musik. Mit der Lucerne Festival Academy kann man eintauchen in den «Kosmos Boulez». Die Composer –in-residence Rebecca Saunders bringt als Solisten Künstlerfreunde mit, für die sie eigens Werke geschrieben hat. Und Erlebniswelten bieten auch die erwähnten Projekte von Patricia Kopatchinskaja. Da kann man zunehmend in inszenierten Konzertformaten erleben, wie heute Künstler denken und welche Ansätze sie verfolgen. Für mich ist das die wichtigste Innovation, die ein Festival bieten kann, nämlich jene, die die Künstler selber mitbringen.

Viele Klassikkonzerte seien eine «Versammlung von Risikogruppen», sagte ein Redner am Corona-Podium des «Life is live»-Festivals. Sie dagegen wollten 2019 mit dem Jugendfestival «Music for future» die «Generation Greta» auch in der Musik ansprechen. Wie geht es damit weiter?

«Music for Future» werten wir ab dem kommenden Jahr in einer neuen Form deutlich auf. Dazu werden wir im Frühjahr informieren. 2021 kommen zu den Auftritten internationaler Jugend-Ensembles erstmals auch das Schweizer Jugend-Sinfonie-Orchester und Preisträger des Schweizerischen Jugendmusikwettbewerbs hinzu. Lucerne Festival hat zwar den Anspruch, höchste künstlerische Qualität auf der Bühne präsentieren. Aber wir verstehen uns verstärkt auch als Plattform, die vielen Menschen offen steht und sie zur Partizipation einlädt. Wenn es Festivals gelingt, beides mit einer kurzfristigeren Konzertplanung und digitalen Komponenten zu verbinden, haben sie auch beim jungen Publikum eine Zukunft.

Quelle: CH Media
veröffentlicht: 2. Dezember 2020 13:17
aktualisiert: 2. Dezember 2020 13:16