Kommentar

Lasst mich mit diesem Muttertag in Ruhe

Angela Müller, 8. Mai 2022, 06:42 Uhr
Einen besonderen Tag für die Mütter – braucht es das wirklich? Brauchen sie Blumen, Geschenke und einen Sonntagsbrunch? Klar, die Blumenindustrie profitiert, die Gastro freut's und die Familienangehörigen haben ihre Schuldigkeit getan. Doch letztlich ist es ein alter Zopf, ich kann da als Mutter gern verzichten.
Das Leben bietet so viel – Mutter sein ist nur ein Aspekt im Leben einer Frau.
© Getty

Die Gesellschaft braucht Traditionen – der Muttertag gehört ohne Zweifel dazu – und was sich einmal etabliert hat, bekommt man auch kaum mehr weg, mag es noch so aus der Zeit gefallen sein. Ist auch nicht nötig. Der Muttertag stört letztlich niemanden und den Müttern, die es freut, sei er auch gegönnt.

Ich bin Mutter, aber auf den Muttertag verzichte ich gerne. Das hat mehrere Gründe:

Einer der Ursprünge des Muttertages geht auf die US-amerikanische christliche Frauenbewegung des 19. Jahrhunderts zurück und verbreitete sich von dort aus. Anfang des 20. Jahrhunderts hat dann der Verband Deutscher Blumengeschäftsinhaber ein Geschäft daraus gemacht. Dem Nationalsozialismus kam der neue Feiertag gelegen, gefeiert wurden jene Mütter, die besonders viele Kinder der Gesellschaft schenkten. Heute werden am Muttertag zwar alle Mütter gefeiert, doch er hat für mich einen Beigeschmack. Nicht nur deswegen.

Mütter sind nie ausschliesslich Mütter. Wir sind unter anderem Berufsfrauen, Partnerinnen, Politikerinnen, Schwestern, Geliebte und Freundinnen und vieles mehr. Wir haben eigene Interessen, Ideen und Bedürfnisse. Der Muttertag reduziert Frauen auf einen einzigen Aspekt in ihrem Leben.

Und da ist noch etwas. Mutter sein ist eine grosse Sache, ohne Zweifel. Doch das ist Vater sein genau so und auch Grossmutter und Grossvater sein. Glücklich die Kinder, die mehrere zuverlässige Beziehungspersonen in ihrem Leben haben. Was also soll in diesem Moment der Muttertag?

Er feiert ein längst überholtes gesellschaftliches Bild der Frau. Die Idee, dass man sie ehren soll für ihre aufopfernde und undankbare Rolle, die sie in der Gesellschaft zu spielen haben. Frauen sollen nur Mütter sein, von Vätern wird dergleichen nie so verlangt. Dafür bekommen sie einmal im Jahr einen Blumenstrauss und ein Sonntagsessen in ihrem Lieblingsrestaurant.

Ich wünsche mir mehr: Eine Gesellschaft, in der es nicht darauf ankommt, welches Geschlecht die Beziehungspersonen der Kinder haben. Eine Gesellschaft, in der alle Menschen jene Rolle in der Familie einnehmen können, die sie wollen, egal welche sexuelle Orientierung sie haben. Ich wünsche mir auch, dass die Familienzeit als Berufserfahrung angerechnet wird, bezahlbare Krippenplätze, Lohngleichheit und angemessene Pensionen.

Also: Lasst mich in Ruhe mit dem Muttertag. Ich möchte das volle Leben. Mutter bin ich für meine Kinder, das ist eine Beziehungsfrage und Familiensache. Es kommt mir nicht in den Sinn, ihnen aufzudoktrinieren, mir jeweils am zweiten Sonntag im Mai Blumen zu schenken oder mich (künftig) mindestens pflichtschuldig anrufen zu müssen.

Blumen und Einladungen und freundliche Telefonanrufe nehme ich jederzeit gerne entgegen und geniesse täglich das Zusammensein mit meiner Familie (zumindest meistens).

Quelle: FM1Today
veröffentlicht: 8. Mai 2022 06:42
aktualisiert: 8. Mai 2022 06:42
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