Psychologie

«Man sollte versuchen, nicht in Schwarz und Weiss zu denken»

Andrée Getzmann, 12. September 2020, 14:51 Uhr
Die Corona-Zeit verunsichert uns. (Symbolbild)
© Pixabay
Corona bringt viele Unsicherheiten mit sich. Wir haben mit einem Psychotherapeuten gesprochen, wie wir damit umgehen können – und sogar etwas Positives aus der unsicheren Situation ziehen können.

Während des Lockdowns waren die Dinge geregelt: Wir blieben zu Hause, machten Homeoffice, die Schulen waren zu, die Geschäfte auch. Jetzt müssen wir plötzlich selber entscheiden, ob wir zur Arbeit gehen können, es verantworten können, unsere Kinder mit Pfnüsel zur Schule zu schicken. Corona sorgt für viele Unsicherheiten.

Othmar Loser Kalbermatten*, wie erleben Sie die Menschen zurzeit?

Die Menschen sind unsicherer. Viele Dinge sind zurzeit anders: Die gewohnten Regeln gelten nicht mehr und die Abläufe sind anders geworden.

Was macht das mit uns?

Es gibt Leute, die gerne unter Druck arbeiten und bei Unsicherheiten richtiggehend aufblühen; sie mögen Neuerungen sehr gerne. Es gibt aber auch sehr viele Menschen, die Schwierigkeiten damit haben.

Wie können diese Leute mit der Unsicherheit umgehen?

Sie müssen verstehen, dass die Wahrheit nicht einfach, sondern komplex ist. Man muss Abschied nehmen von einfachen Sicherheiten und bereit sein, Unsicherheiten auszuhalten. Man muss auch lernen, die Dinge differenziert zu sehen.

Woran kann ich mich da orientieren?

Ich muss mir genau überlegen, wie mein eigenes Wertesystem aussieht, was ist richtig für mich und was falsch. Ich muss mir über mich selber Gedanken machen. Zudem ist es auch wichtig, mit anderen Menschen einen guten Kontakt zu pflegen. Gerade wegen der ganzen Verschwörungstheorien.

Was haben Verschwörungstheorien damit zu tun?

Menschen neigen bei Unsicherheiten zu einfachen Wahrheiten und einfachen Entwürfen über die Welt. Man sollte versuchen, nicht in Schwarz und Weiss denken, wie es in Verschwörungstheorien der Fall ist. Die Welt ist extrem komplex. So können beispielsweise die Coronazahlen ganz verschieden interpretiert werden. Dabei gibts kein Richtig oder Falsch. Man muss sich gegenseitig zugestehen, dass niemand allein die Wahrheit kennt. Nur gemeinsam kommt man auf eine differenzierte Sicht der Dinge.

Wie komme ich durch die Corona-Unsicherheit, ohne Schaden zu nehmen?

Man muss das tun, was einem gut tut. Das ist für die einen zum Beispiel das Rausgehen oder Sportmachen, für andere ist es, einen guten, fruchtbaren Austausch mit anderen zu pflegen. Das tut auch dem Gehirn gut, damit man möglichst entspannt in diese Welt schauen kann. Ein Gehirn, das Angst hat, kann nicht gut auf anspruchsvolle Situationen reagieren.

Also kann ich durchaus gestärkt aus dieser Krise hervorgehen?

Ja, wie man so gern sagt, ist eine Krise auch immer eine Chance. Wir kommen anders aus einer Krise raus, als wir hineingegangen sind.

Othmar Loser Kalbermatten ist Psychotherapeut mit Praxis in Luzern.

© PD

Quelle: PilatusToday
veröffentlicht: 12. September 2020 15:06
aktualisiert: 12. September 2020 14:51