«Höhle der Löwen»

«Pinky Gloves»: Wenn Männer ein völlig unnötiges Frauenprodukt entwickeln

Chantal Gisler, 16. April 2021, 17:08 Uhr
Die Erfinder der «Pinky Gloves» mit ihrem Investor (v.l.): Eugen Raimkulow, Ralf Dümmel und André Ritterswürden
© pinky_gloves/Instagram
Es wirkt wie Mansplaining vom feinsten: Zwei Männer stellen in der VOX-Show «Höhle der Löwen» ein Periodenprodukt vor – und das Netz lacht sich kaputt. Unnötig, umweltschädlich und überteuert lautet das Urteil der Community. Sogar Ikea macht sich über die Erfindung lustig.

Aber von vorne: Eugen Raimkulow und André Ritterswürden sind (selbsternannte) Frauenversteher. Und als solche wollen sie den Frauen das Leben einfacher machen. Deshalb haben sie einen Plastikhandschuh erfunden, mit dem Frauen ihre Tampons herausziehen und hygienisch entsorgen können. Falls kein Mülleimer zugegen ist, kann man den benutzten Tampon in den Handschuh einwickeln und mitnehmen, bis er weggeworfen werden kann.

Die beiden lebten in einer Wohngemeinschaft mit Frauen. Deshalb würden sie die Probleme kennen, mit denen Frauen während der Periode zu kämpfen haben. Das sagen sie zumindest. Die Sendung wirkt wie Mansplaining, also herablassende Erklärungen von Männern, die glauben, über etwas besser Bescheid zu wissen als eine Frau. Das angeblich grösste Problem der Frauen: Das Entsorgen der Tampons. «Viele» Frauen würden auf Ausgehen und Hobbies verzichten, weil es unterwegs keine Abfalleimer gibt.

Für die beiden Männer ein weitaus grösseres Problem: Oft werden die gebrauchten Tampons mit WC-Papier umwickelt und weggeworfen. Diese «klassische Variante» haben Raimkulow und Ritterswürden immer wieder mitansehen müssen, als sie in der WG in den Mülleimer geschaut haben. Ihr Urteil: «Nach einiger Zeit riecht das unangenehm und man sieht es einfach, weil das Papier durchnässt.»

Dass es normale Einweghandschuhe günstiger gibt und Frauen-WCs oft mit blauen Säckchen für die Hygieneartikel ausgestattet sind, haben sie wohl ausser Acht gelassen.

Ein Problem lösen, das es nicht gibt

Dieses «Problem» möchten sie mit ihrem Periodenhandschuh «Pinky Gloves» lösen. Natürlich ist das Produkt pink, da diese Farbe die Frauen besonders anspricht. Aber das Gegenteil ist der Fall: In den sozialen Medien ist ein riesiger Shitstorm gegen die beiden Männer ausgebrochen.

Unnötig, umweltschädlich und überteuert lautet das Urteil in den sozialen Medien. Auf Facebook, Instagram und Co. machen sich Frauen über das Produkt lustig. «Was haben wir Frauen nur all die Jahre ohne diese Erfindung gemacht?!», fragt sich eine Userin. «Stellt euch mal vor die Mitbewohnerin hätte ne Menstruationstasse benutzt und die in einem der WG Töpfe ausgekocht. Ob die dann jetzt Pinke Töpfe herstellen würden?», fragt eine andere Userin auf Instagram.

Besonders folgende Aussage stösst den Userinnen und Usern sauer auf: «Wir wollen den Markt erobern und uns einen festen Platz in jeder Frauenhandtasche sichern.» Eine Userin bringt die Kritik auf den Punkt: «Ihr wollt weiterhin Geld mit einem Produkt machen, das wir nicht brauchen.»

Eine andere hat eine Marktlücke gefunden, um die sich die beiden kümmern könnten: «Stellt doch blaue Gloves her, die sich Männer anziehen können bevor sie pinkeln. So können sie perfekt abschütteln und müssen danach nicht mal Hände waschen.» Die meisten finden aber, dass es sich dabei um ein Produkt handelt, dass für Männer entworfen wurde, die nicht mit der Menstruation umgehen können.

Sogar Ikea macht über die Erfindung lustig:

Mut oder Periodenshaming?

Den Jungunternehmern wird vorgeworfen, die Periode für etwas Ekliges zu halten. Besonders die Aussage mit den Tampons, die man im Abfalleimer riecht und sieht, stösst vielen Userinnen sauer auf. Sie fordern: «Das Periodenshaming muss aufhören!» Auch am Wort diskret stören sich viele. «Ihr gebt uns das Gefühl, dass unsere Periode eklig ist und sie und damit uns verstecken sollen», kritisiert eine Userin.

Mutig findet es hingegen Investor Ralf Dümmel, dass da zwei Männer ein sensibles Thema angehen. Er und Nils Glagau wollen beide in das Produkt investieren. Die Unternehmer entscheiden sich für Dümmel. «Verrückte Idee, die es noch nicht gibt», lobt Dümmel. Für 20 Prozent Firmenanteil gibt es für die Jungunternehmer 30'000 Euro. Auch das löst Unverständnis aus. Wieso soll man in so etwas investieren, fragen sich einige Userinnen und User.

Das Geld könnte den Usern zufolge besser verwendet werden, etwa für die Instandhaltung von öffentlichen Toiletten oder für die Bemühungen für Gratis-Hygieneprodukte in öffentlichen Räumen.

Nicht damit auseinandergesetzt

Mittlerweile haben sich die beiden Jungunternehmer auf Instagram zu den Vorwürfen geäussert. Sie seien von der Resonanz überwältigt. In ihrem Video wollen sie auf Einiges hinweisen, dass in der Höhle der Löwen nicht thematisiert wurde. «Selbstverständlich ist die Menstruation etwas ganz Natürliches, wofür sich niemand schämen muss», sagt Ritterswürden.

Sie wollten etwas entwickeln, das Frauen unterwegs hilft, wenn es gerade keine Waschbecken, Mülleimer oder Toiletten hat. Auf Instagram würden sie sich dafür einsetzen, dass die Menstruation enttabuisiert wird. «Wir sind nicht auf die Idee gekommen, dass uns jemand so verstehen könnte», bilanzieren sie. Sie verstehen, dass sie nicht alles optimal rübergebracht haben. Künftig wollen sie umsichtiger mit dem Thema umgehen. «Wir haben uns nicht ausreichend und richtig mit dem Thema auseinandergesetzt. Das war ein grosser Fehler.»

Das Statement hinterlässt bei vielen einen faden Beigeschmack. Denn die beiden schauen immer wieder an der Kamera vorbei in die gleiche Richtung, als würden sie ihr Statement ablesen. Das ist auch den Usern aufgefallen.

Chantal Gisler
Quelle: PilatusToday
veröffentlicht: 16. April 2021 17:08
aktualisiert: 16. April 2021 17:08