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«Facebook Files»

Profitgier statt Wohl der Nutzer: Whistleblowerin sagt vor Senat aus

5. Oktober 2021, 16:08 Uhr
Facebook sowie dessen Foto-Sharing-App Instagram werden schon lange wegen ihrem schlechten Einfluss auf Teenager kritisiert. Der Konzern streitet vieles ab. Enthüllte Dokumente zeigen aber, dass sich das Unternehmen seiner Schuld sehr wohl bewusst ist. Jetzt spricht die Whistleblowerin vor dem US-Senat.
Facebook-Gründer Mark Zuckerberg sieht sich mit schweren Vorwürfen konfrontiert.
© Keystone

Transparenz, Jugendschutz, Verantwortung. Dies die Schlagwörter zur Debatte, die am 5. Oktober im US-Senat stattfindet. Dem zugrunde liegen die sogenannten «Facebook Files». Im September veröffentlicht das «Wall Street Journal» das Ergebnis von Recherchen zu Facebook, basierend auf Dokumenten aus dem Unternehmen selbst. Im Geheimen kopierte Frances Haugen Zehntausende Seiten interner Facebook-Studien und -Dokumente, welche sie dem «Wall Street Journal» zukommen lässt. Sie wird zur Whistleblowerin, verantwortlich für die wohl grösste Herausforderung für das IT-Unternehmen seit dem Cambridge-Analytica-Skandal 2018.

Die «Facebook Files»

Frances Haugen arbeitete seit 2019 bei Facebooks «civic integrity team», welches sich mit Wahleinmischung auseinandersetzt. Für sie kam nur eine Anstellung in Frage, in der Haugen gezielt gegen Fehlinformation vorgehen konnte. Das, nachdem eine enge Freundschaft zerbrach, weil der Freund sich über Social Media radikalisierte und ein Anhänger von Verschwörungstheorien wurde.

Schnell wurde ihr jedoch klar: Was gut für die Facebook-Nutzer ist, schadet dem Unternehmen finanziell und zu oft zieht man das Geld dem Wohl der Menschen vor. Fehlende Transparenz seitens Facebook über das Gefahrenpotenzial seiner Dienste sowie Unwilligkeit, Fehler einzugestehen, bewegten die 37-Jährige zu diesem drastischen Schritt. Am Dienstagabend spricht Haugen nun vor dem US-Senat und will sich dafür einsetzen, dass Kinder im Netz besser geschützt werden.

Die Anschuldigungen

2018 gab es eine Änderung im Algorithmus von Facebook. Ziel davon, so Mark Zuckerberg, sei es gewesen, Nutzer näher zusammenzubringen und ihr Wohlergehen zu fördern. Die von Haugen veröffentlichten Dokumente zeigen aber, dass das genaue Gegenteil eintrat – obwohl Facebook-Mitarbeiter dies ahnten und davor warnten. So führten die Änderungen dazu, dass der Algorithmus Fehlinformationen, gewaltverherrlichende Inhalte sowie Hass-Kommentare mit mehr Reichweite belohnt. Dessen war sich auch Facebook-CEO Mark Zuckerberg bewusst. Weil befürchtet wurde, ein netterer Umgangston könnte die von Nutzern auf Facebook verbrachte Zeit verringern, verzichtete Zuckerberg auf von seinem Team vorgeschlagene Verbesserungen.

Mark Zuckerberg sagte, Facebooks Regelwerk soll für alle gleichermassen gelten. In Wahrheit werden aber gewisse Accounts «wichtiger» Personen mit einem Programm namens «XCheck» in Schutz genommen. So soll dieses Privileg ausgenutzt werden, um Inhalte zu verbreiten, die normalerweise von Facebook sanktioniert werden würden. Der brasilianische Fussballspieler Neymar postete beispielsweise ein Nacktbild und den Namen einer Frau, die ihn auf Facebook der Vergewaltigung beschuldigte. Normalerweise würden solche Inhalte sofort gelöscht werden. Da der PSG-Profi aber von «XCheck» geschützt wurde, konnten Facebook-Moderatoren nichts tun und über 50 Millionen Nutzer sahen den Post. Mittlerweile hat Facebook zugegeben, dass Kritik an dem Programm berechtigt sei und man versuchen werde, dies zu verbessern.

Geleakte interne Studien bei Instagram haben ausserdem gezeigt, dass die Plattform für die Psyche eines beachtlichen Teils der Nutzer, vor allem für junge Mädchen, schädlich ist. Diese Resultate wurden nie für Gesetzgeber, Wissenschaftler oder die Öffentlichkeit herausgegeben. Die negativen Effekte der App wurden in der Vergangenheit wiederholt heruntergespielt. Zusätzlich soll es gezielte Pläne geben, junge Menschen im Alter von neun bis zwölf Jahren auf die Plattformen zu bringen.

Weiter geht aus den «Facebook Files» hervor, dass Facebook-Mitarbeiter alarmiert sind, wie die Plattform in Entwicklungsländern genutzt wird. So sollen Menschenhändler im Nahen Osten Frauen über Facebook anlocken und gewalttätige Gruppen Hassverbrechen bewerben. Auch auf Organhandel, Pornografie und Aktionen von Regierungen gegen politische Gegner habe man die Facebook-Bosse hingewiesen. Passiert ist laut «Wall Street Journal» in den meisten Fällen jedoch wenig bis gar nichts.

Über weitere Missstände spricht Frances Haugen im am Montag veröffentlichten Interview mit «60 Minutes», wo sie auch vor die Kamera tritt. Es gehe ihr nicht darum, Facebook zu schaden, betont sie darin, sie wolle der Plattform so helfen. Am Dienstag legt Haugen vor dem US-Senat Zeugnis über die in den «Facebook Files» vorkommenden Missstände ab.

(mda)

Quelle: PilatusToday
veröffentlicht: 5. Oktober 2021 16:05
aktualisiert: 5. Oktober 2021 16:08