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Business-Anfragen

«Seriöse Firmen spammen einen nicht über Instagram zu»

Géraldine Bohne, 27. April 2021, 09:54 Uhr
Social-Media-Nutzer werden immer wieder von Fremden angeschrieben und angefragt, ob sie über Instagram Geld verdienen möchten. Rechtsanwalt Martin Steiger erklärt im Interview, was dahinter steckt und ob solche Anfragen legal sind.
Die Anfragen richten sich oftmals an junge Frauen. (Symbolbild)
© Getty Images

Wie funktioniert Multi-Level-Marketing/Network-Marketing, wie es häufig über Instagram beworben wird?

Martin Steiger: Der Begriff ist eine komplizierte Bezeichnung dafür, dass man versuchen soll, möglichst viele andere Personen vom Kauf eines Produktes oder einer Dienstleistung zu überzeugen. In erster Linie sind das Freunde und Familie. Es wird meist versprochen, dass man sehr schnell sehr viel Geld verdienen kann. Das ist in der Realität häufig aber nicht so.

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Quelle: FM1Today

Oftmals werden aber nicht nur Freunde und Familie angeworben, sondern auch fremde Personen. Ist das überhaupt legal?

Das ist tatsächlich ein Problem. Man wird schnell feststellen, dass alle Personen, die man kennt, das Produkt entweder kaufen – das ist aber eher die Ausnahme – oder eben nicht belästigt werden wollen. Der nächste Schritt ist deshalb, weitere Verkäufer zu rekrutieren. Das ist dann das Multi-Level-System oder auch Pyramidensystem, welches mit dem Recht gegen den unlauteren Wettbewerb kollidieren kann. Das Recht sagt, dass Schneeball- oder Pyramidensysteme unzulässig sind. Dafür kann man sogar bestraft werden.

Martin Steiger ist Anwalt für Recht im digitalen Raum.

© Hpb

Schneeballsysteme sind verboten, Multi-Level-Marketing ist hingegen legal. Wo liegt der Unterschied?

Die Abgrenzung ist sehr schwierig. Letztlich kann man sich überlegen, ob das System, das hier aufgebaut wird, überhaupt auf Dauer realistisch ist. Gibt es dafür wirklich einen Markt? Geht es überhaupt in erster Linie darum, Ware und Dienstleistungen zu verkaufen? Wenn ja, ist das erst einmal ganz normales Marketing. Wenn es schlussendlich aber darum geht, weitere Verkäufer anzuwerben und darüber das Geld reinzuholen, handelt es sich häufig um ein Schneeballsystem. Indikatoren sind ein erhöhter Druck und aggressives Marketing. Häufig hat man ein schlechtes Bauchgefühl dabei oder es ist einfach zu schön, um wahr zu sein. Wenn einem derart viel versprochen wird, dann sollte man wirklich vorsichtig sein.

Funktioniert diese Verkaufsstrategie überhaupt?

Im Normalfall funktioniert sie nur für die, die ganz am Anfang der Pyramide stehen. Diese Personen haben ein Netzwerk von Wiederverkäufern, von denen einige im Idealfall genügend Umsatz machen. Die meisten der Wiederverkäufer machen aber kaum Umsatz und steigen schnell wieder aus. Je später man bei dieser Pyramide hinzustösst, desto geringer sind die Erfolgsaussichten.

Hätte ich überhaupt Chancen, Geld damit zu verdienen?

Wenn man so kontaktiert wird, ist es meistens ein Zeichen dafür, dass es nicht seriös ist. Von den Verkäufern werden gezielt Social-Media-Profile gepflegt, auf denen Erfolg simuliert wird. À la: Es ist sehr einfach, da kannst du sehr schnell Geld verdienen. Das spricht natürlich viele an. Gerade, weil die meisten im Alltag hart arbeiten müssen. Häufig wird auch mit einem glamourösen Lifestyle geworben. Ich rate hier zur Vorsicht. Seriöse Firmen spammen einen nicht über Instagram zu.

Dann sind Anfragen über Social Media also unseriös?

Ja, solche Anfragen jedenfalls. Denn es ist eher auffällig, dass man so rekrutiert. Aber es funktioniert. Darum muss man aufpassen, dass man nicht im falschen Moment erwischt wird. Man merkt teilweise erst, wenn man schon viel Geld ausgegeben und Zeit aufgewendet hat, dass es vielleicht nicht seriös ist. Deshalb lieber einen Schritt zurücktreten, alles gut anschauen und mit Google recherchieren. Das lohnt sich.

Ist es denn legal, in ein solches Business einzusteigen?

Im Grundsatz ist das nichts, was illegal ist. Aber der Schritt in die Illegalität ist schnell gemacht. Das grosse Problem ist, dass man weitere Verkäufer finden muss. Das drängt einen in eine Ecke, in der man einfach ein unangenehmer Mensch wird. Es ist nicht per se strafbar, aber andere Leute über den Tisch zu ziehen oder Familie und Freunde zu belästigen, ist sehr unsympathisch. Das kann einem das Leben schon gehörig ruinieren, ohne dass man jemals mit der Polizei oder der Staatsanwaltschaft zu tun hat.

Ist es legal, einfach andere Personen anzuschreiben und Produkte anzuwerben?

In dieser Hinsicht muss man tatsächlich aufpassen. Vor allem mit elektronischer Massenwerbung, das ist nicht zulässig. Wenn es einzelne Kontakte sind, kann das legal sein, aber es bleibt ein Datenschutzproblem. Sie müssen die Daten dieser Personen irgendwo beschaffen und dabei gibt es oft eine Datenschutzverletzung. Die meisten von uns waren nie damit einverstanden, dass unsere Daten für solche Zwecke verwendet werden. Gerade auf Social Media ist unerwünschte Werbung verboten, die Absender verletzten damit also auch die Bestimmungen von Instagram.

Wieso werden die Unternehmen nie dafür belangt?

Es gibt verschiedene Gründe. Häufig agieren diese Unternehmen im Ausland, wo sie für Schweizer Behörden nicht wirklich greifbar sind. Die Strafverfolgung ist immer lückenhaft und gerade im digitalen Raum wird vieles nicht verfolgt, weil es zu aufwendig ist, einen Auslandbezug hat oder die Polizei nicht über die nötige Kompetenz verfügt.

Gibt es Beispiele für Unternehmen, die erfolgreich mit diesem Verkaufsmodell arbeiten?

Es gibt Beispiele, wie der gute alte Staubsauger-Vertreter. Es gibt es auch bei Körperpflege und Kosmetik. Berühmt ist dafür auch Tupperware. Alles in allem sind solche Modelle aber eher altbacken und langweilig.

Quelle: FM1Today
veröffentlicht: 27. April 2021 07:13
aktualisiert: 27. April 2021 09:54